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Zügellose Prügeleien in Plagwitz und Lindenau: Die Leipziger Zeitreise geht weiter (4)

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    LeserclubMan muss unterscheiden zwischen Gewalt und Gewalt: Wenn sich im Felsenkeller Plagwitz jeden Sonnabend Menschen zum Ringkampf gegenüberstehen, ist das freiwillig. Wenn aber ein Handwerksmeister seinen Lehrling mit dem Hammerstiele verdrischt, nachdem ihm ... ach lesen Sie selbst. Gewalt ist eben nicht gleich Gewalt. Der Turnverein Plagwitz will jedenfalls eine neue Halle bauen, aber die Mitgliederzahlen steigen so rasant, dass die geplante Halle nicht mehr ausreichen wird. Es wächst eben alles. Ach ja, hat jemand den Laternenanzünder Luft gesehen?

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    Der Plagwitzer Turnverein will eine Halle bauen. Schon lange. Eigentlich war die Projektierung fertig. Der Bau sollte 20.000 Mark kosten. Doch der rapide Zulauf, den der Verein verzeichnet – allein 50 neue Mitglieder im letzten Quartal 1885 – machte eine Neuprojektierung notwendig. Der größere Bau soll nun 27.000 Mark kosten. Doch woher soll das Geld kommen? „Eine Anzahl von Freunden des Vereins hat wohl Unterstützung zugesagt, aber die Zeichnungen stehen noch aus. Mögen die daraus gerichteten Hoffnungen von bestem Erfolg gekrönt sein.

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    Anzeige: „Ein ordentliches, anständiges Mädchen findet Schlafstelle Lindenau, Roßstraße 8.“

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    Friedrich Theodor Uhlig ist als Vorsitzender Gemeindevorstand in Leutzsch in Amt und Würden. Am Abend des 4. Januar wurde der neue Gemeindevorstand vom Gemeindeältesten, dem Fabrikanten Flemming herzlich begrüßt.

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    Wohin in Plagwitz am Sonnabendabend? Der Felsenkeller Plagwitz annonciert: „Grösster Hippodrom Deutschlands. Täglich von 4-12 Uhr Reitbelustigung für Herren u. Damen. Heute Sonnabend Abend ½ 9 Uhr: Ringkampf zwischen Herrn A. Kern aus Leipzig und dem Atleten Herrn Max. Morgen Sonntag zu derselben Zeit Ringkampf zwischen Herrn A. Ammenhäuser, Former aus einer Plagwitzer Fabrik, und dem Atleten Herrn Max. Montag, den 11. Januar, abends von 8 Uhr an: Erstes Grosses Kostüm-Reitfest. Zu diesem bevorstehenden Fest wird alles aufgeboten, dasselbe so interessant wie möglich zu gestalten. Um 7 Uhr werden die festlich dekorierten und illuminierten Festräume geöffnet. Von 8 Uhr an ununterbrochenes Konzert von 2 Musikchören. Der Zutritt kann nur in Festkleidung oder Kostüm gestattet werden.

    Die erste Dame in Kostüm, sowie auch der erste Herr, welche den Festraum betreten, erhalten zwei Stück Freibillets zum Reiten. Punkt 10 Uhr: Grosse Fest-Polonaise, nur geritten von Damen und Herrn in Kostüm, wobei die schönste Dame ein wertvolles Geschenk erhält. Punkt 11 Uhr: Russischer Steppenritt: Großer Parforceritt auf ungesattelten und ungezäumten Pferden. Dieser Ritt dauert 5 Minuten, während dem der Reiter das Pferd nicht mit den Händen berühren darf, sondern dieselben in beide Hüften zu stemmen hat. Wer bei diesem Ritt nicht herunterfällt, erhält als Prämie eine Flasche Sekt.“

    Kann erstmal keiner sagen, dass damals nichts los war. Die Frage aber, wie viele und wer letztlich im Felsenkeller auf Pferden ritt, kann heute nur schwerlich beantwortet werden. Der Felsenkeller, den wir heute kennen, wird aber erst 1890 erbaut.

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    So viele Linien, da hat ja auch keiner mehr durchgesehen. „Die Direction der Leipziger Pferde-Eisenbahn ließ die Wagen der verschiedenen Linien vom 1. Januar 1886 durch farbige runde Signalscheiben, die auf der Mitte des Verdeckes angebracht sind, kenntlich machen. Diese Metallscheiben erhielten folgende Farben: Linie Gohlis-Connewitz blau mit weißem Rand, Linie Plagwitz-Neuschönefeld weiß mit grünem Rand, Linie Lindenau-Thonberg grün mit weißem Rand, Linie Eutritzsch-Bayerischer Bahnhofe orange mit weißem Rand, Linie Reudnitz rot mit weißem Rand, Linie Spießbrücke-Bayerischer Bahnhof rot und weiß mit weiß und rotem Rand, Linie Augustplatz-Südstraße grün und orange mit weißem Rand. Durch diese Einrichtung ist es dem Publikum möglich, die Wagen der verschiedenen Linien bei Tage auf weitere Entfernungen unterscheiden zu können, als dies bisher der Fall war.“ Scheint wichtig gewesen zu sein.

    Ein unsanierter Altbau in Leipzig-Plagwitz. Foto: Marko Hofmann
    Ein unsanierter Altbau in Leipzig-Plagwitz. Foto: Marko Hofmann

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    Neues aus unserer beliebten Rubrik „So was gab’s früher nicht“: Diesmal über Gewalt in einem Handwerksbetrieb. Alle Meister aufgepasst! Die Geschichte eines widerborstigen Lehrlings und seines Lehrmeisters im Januar 1886 geht so: „Ein hiesiger Klempnermeister hatte einen äußerst renitenten und böswilligen Lehrburschen, der es geradezu mit Virtuosität verstand, seinen Meister und andere Leute, bei jeder Gelegenheit zu ärgern. Ihm befohlene Arbeiten führte er entweder gar nicht oder in einem so langsamen Tempo aus, dass jedem endlich die Geduld reißen musste. Seinen schönen Eigenschaften legte der Bursche bald noch eine weitere bei, er übervortheilte die Kunden seines Meisters, bei denen er irgendeine Reparatur anzufertigen hatte. Der Meister drohte darum, ihn aus seiner Stellung zu entlassen, wenn er sich nicht bessere. Aber das half wenig.

    Eines Morgens hatte der Bursche wieder einmal seine Pflicht nicht gehörig erfüllt. Da wollte ihm sein Meister – man achte auf die Wortwahl – den längst verdienten Denkzettel in Gestalt einer Ohrfeige applizieren, aber der Bursche hielt im entscheidenden Moment den heißen Löthkolben gleich einem Schild vor sein Gesicht und der Meister verbrannte sich die Hand. Und verlor gänzlich die Fassung: Hiermit war aber das Maß bis zum Überlaufen voll und der Meister bläute ihn gehörig mit einem Hammerstiele durch und steckte ihn sodann zur Thüre hinaus. Für diese, man muß sagen, verzeihliche Übertretung seines Züchtigungsrechts hatte sich der Meister wegen Misshandlungen seines früheren Lehrlings vor Gericht zu verantworten.

    Schließlich musste der Meister 20 Mark Strafe zahlen und Redakteur Otto Hübler zweifelte: Ob der Vater des betreffenden Lehrlings demselben wirklich einen wahren guten Dienst leistete, als er den Strafantrag gegen den Meister stellte, wollen wir nicht entscheiden, wir glauben aber genügende Ursache zu haben, dies zu bezweifeln.

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    Der Laternenanzünder Luft wird seit drei Wochen vermisst. Er hat sich vermutlich in die Luppe gestürzt.

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    Noch mehr Zeitreise in der Artikelserie Leipzig 1914

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