Leipzig hat auch 2015 ein paar Legenden gefeiert, die historisch so nicht stimmen

Da und dort machen sich ja Leute Gedanken der Art "Bin ich ein Leipziger?" Natürlich. Denn den Leipziger an und für sich gibt es nicht. Tatsächlich ist Leipzig wie eine bunte Schichtentorte, bei der man vorm Anschneiden nur die bunte Verzierung sieht. Das sind die Mythen und Legenden der Stadt. Eine Legende hat ja in diesem Jahr ihr 850-jähriges gefeiert.
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Das war die Leipziger Messe. Sie hat es am 5. Juli mit einem Tag der offenen Tür in der neu eröffneten Kongresshalle gefeiert. Und sie hat zu diesem Anlass auch ein Büchlein herausgegeben: „Messegeschichte(n)“. Darin erzählen sieben bekannte Autoren über die Leipziger Messegeschichte und so ein paar Aspekte drumherum, weil das nun einmal alles zusammengehört: Messe, Kaufleute, Mäzenatentum, Musik, Kunst, Architektur und Buch.

Man verliert es ja immer mehr aus dem Blick, dass die Leipziger Innenstadt eigentlich aus lauter alten Messehäusern besteht  mit ein bisschen anderem Kram drumherum. Es sind nicht Messemännchen und Doppel-M, die dafür gesorgt haben, dass „keine andere deutsche Stadt (…) so eng mit ihrer Messe“ verbunden ist wie Leipzig. Die Messepaläste, die Durchhöfe und Passagen zeugen nicht nur von Leipzigs Messegeschichte – sie sind es. Deswegen hat die Messegesellschaft auch das Leipziger Passagenfest 2015 als Geburtstagsparty genutzt: Ohne Messe keine Passagen.

Der eben zitierte Spruch, den auch die beiden Messegeschäftsführer Martin Buhl-Wagner und Markus Geisenberger in ihrem Vorwort verwenden, passt, weil er ein Phänomen beschreibt, das man so in keiner anderen deutschen Großstadt besichtigen kann.

Aber sowohl im Vorwort als auch im ersten Beitrag zur Geschichte in dieser Broschüre beginnt dann die Legende: „Leipzig ist Messestadt – von Anfang an“. Dass es ausgerechnet der Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums, Dr. Volker Rodekamp, ist, der die Legende wieder erzählt, macht die Sache nicht besser. (So nebenbei erzählt er auch die andere alte Legende, urbs libzi sei mit „Ort bei den Linden“ zu übersetzen – was so ebenfalls nicht stimmt). Und es stimmt auch nicht, dass Leipzig „an der Kreuzung europäischer Handelsstraßen“ entstanden ist.

Am Anfang war wohl ein kleines Nest – mit durchaus lokaler Bedeutung, vielleicht mit einer günstigen Lage an den Übergängen über die Flüsschen Parthe, Pleiße und Weiße Elster. Mehr nicht. Kein  überregionaler Markt, kein Straßenkreuz großer Handelsstraßen. Die am besten frequentierte Handelsstraße der Zeit, die Alte Salzstraße, führte wohl nördlich von Wahren nach Taucha an Leipzig vorbei. Wichtig wurde der kleine Ort erst, als er eine herausgehobene Rolle im Burgwardsystem der deutschen Könige bekam.

Das ist nicht leicht zu akzeptieren, wenn nun die üblichen Stadtbilderklärer seit 50 und mehr Jahren immer wieder die alten Kamellen erzählen. Aber nichts deutet darauf hin, dass gar am heutigen Richard-Wagner-Platz irgendeine Art überregionaler Markt entstand.

Aber alles deutet darauf hin, dass Leipzig zu einem regionalen Markt wurde, als irgendwann zwischen 1156 und 1170 die eigentliche, die neue Stadt Leipzig östlich des alten Burgwards gegründet wurde – mit der ersten Stadtkirche (wobei die Forscher noch immer rätseln, ob es nicht doch gleich zwei waren) und dem ersten Markt. Deswegen hat ja auch die Nikolaikirche in diesem Jahr ihr 850-jähriges gefeiert.

Aber ein Markt ist noch keine Messe. Alles im 1. Band der Stadtgeschichte schön aufgedröselt. Und die ersten Jahrhunderte waren davon geprägt, dass der Leipziger Markt sich mühsam und in heftigen Auseinandersetzungen erst einmal als regionaler Markt durchsetzen musste – gegen Städte wie Taucha, Zwenkau, Merseburg. Später ging es um die Etablierung großer Jahrmärkte, der Vorform der Messen. Die sogenannten „Messeprivilegien“ Kaiser Maximilians, die eigentlich nur Jahrmarktsprivilegien sind, repräsentieren die Hochphase dieses Ringens um eine überregionale Positionierung des Leipziger Marktes. Wer die wichtigsten Jahrmärkte einer Region an sich binden konnte, machte die besseren Geschäfte. Und auch zur Zeit der Ausstellung des Maximilianschen Privilegs ging es vor allem gegen Städte wie Erfurt, Halle, Magdeburg.

Erst danach konnte der Leipziger Markt sich langsam zu einem Messeplatz entwickeln. Wirklich geschafft hat es Leipzig erst Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts.

Und eigentlich vernebelt die Legende von 850 Jahre Messeplatz das Eigentliche, das, was Leipzig wirklich ausgezeichnet hat: Die Beharrlichkeit beim Durchsetzen der eigenen wirtschaftlichen Interessen. Was mit dem Leipziger Bürgertum zu tun hat, das oft genug eben kein geborenes Leipziger Bürgertum war, sondern ein zugewandertes. Die Stadt war nicht interessant, weil der Menschenschlag hier besonders nett war, sondern weil sich hier ökonomische Interessen ballten. Dass Leipzig sich zum Messeplatz entwickelte, hat mit der Entstehung modernerer Wirtschaftsstrukturen und Handelswege zu tun. Und natürlich auch neuerer Handelsgüter, die es sich lohnte, auf die großen Jahrmärkte zu bringen. Bücher zum Beispiel. Deswegen setzt Thomas Keiderling in diesem Bändchen seinen Beginn der Leipziger Messe ins 15. Jahrhundert: „Bücher gehörten zu den ersten Waren, die auf der Leipziger Messe gehandelt wurden …“

Was Leipzig ja bekanntlich im Lauf von 100 Jahren zum wichtigsten Buchmesseplatz Deutschlands gemacht hat. Die berühmte „Buchstadt“ kam erst hinterher.

„Legende im Wandel“ ist Keiderlings Beitrag beschrieben. Denn gerade die Buchmesse, die 1991 schon fast alle für erledigt erklärt hatten, ist heute eine der größten und erfolgreichsten Publikumsmessen in Leipzig. Was eigentlich auch wieder nichts mit Legende zu tun hat, sondern mit dem Fakt, dass es die erste Messe war, die mit dem Leseprogramm „Leipzig liest“ und immer neuen Spezial-Angeboten den Schritt zur Interaktion und zum „Event“ gegangen ist.

Aber viele Leipziger Legenden sind ja auch entstanden, weil man in einer glorreichen Vergangenheit Trost suchte, während man in einer eher trostlosen Gegenwart ausharren musste. Ganze Regale sind ja mittlerweile gefüllt mit Erinnerungsliteratur, die von den Leipziger Messen in DDR-Zeiten schwärmen, diesem bisschen internationalen Flair, das da zwei Mal im Jahr in eine sonst eher triste Gegenwart hineinwehte. Wenigstens die Zeitungen machten diese „Drehscheibe zwischen Ost und West“ immer wieder groß, so dass sich die Leipziger noch gut einbilden konnten, ihre Messestadt wäre international im Rennen. Die Ernüchterung kam nach 1990.

Und genau in diese Zeit der Trostlosigkeit fällt ja auch die Erfindung der ganz alten Messe. Denn 1965 hat man ja die gemeinsame Gründung von Stadt und Messe irgendwann um das Jahr 1165 auch schon gefeiert. Und zwar so, dass heute noch viele alte Leipziger davon überzeugt sind, 1965 hätte man die Gründung Leipzigs gefeiert und nicht nur 800 Jahre Stadt- und Marktrecht.

Es gibt also so eine Art Legenden-Leipzig, das immer wieder aus der Kostümkiste geholt wird, das den Glanz in eine große Vergangenheit projiziert und den Blick auf die eigentlichen wirtschaftlichen Veränderungen, die auch die Messe zum Wandel zwingen, eher verstellt. Dabei ist eigentlich das die spannende Geschichte, ohne die auch die Gegenwart nicht zu verstehen ist. Wozu dann eben auch die gebaute Messestadt gehört, denn dazu brauchte es auch eine Ecke Mut, eine Stadt mit jeder wirtschaftlichen Entwicklungsphase immer wieder neu umzubauen – so geschehen im 16. Jahrhundert, als man sich die drei wichtigsten Jahrmärkte gesichert hat, so geschehen im 18. Jahrhundert, als Leipzig tatsächlich auch auf europäischem Level zu spielen begann, so geschehen mit der Erfindung der Mustermessen um 1900. Diese Bauphase kann man nun in Leipzigs Innenstadt noch besichtigen, auch wenn die Messehäuser längst anders genutzt werden. Quasi eine eingefrorene Messestadt des frühen 20. Jahrhunderts. Und auch das ist schon wieder Geschichte.

1.000 JahreJubiläumInnenstadtLeipziger Messe
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