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Montag, 18. Januar 2021

Spuren von Krieg, Töpfern, barocker Gartenlust und einem Dorf der Jungsteinzeit

Von Ralf Julke

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    In dieser Woche haben die Mitarbeiter des Landesamtes für Archäologie ihre Grabungen an einem besonderen Stück Leipziger Boden beendet. Das Wachstum der Stadt verschafft ja auch ihnen jede Menge aufregender Arbeit. Denn wenn alte Brachen für Neubau vorgesehen sind, dann dürfen die Archäologen graben in Erdschichten hinunter, die seit Jahrhunderten niemand angerührt hat.

    Nur so lassen sich die Befunde sichern, bevor die Bagger kommen und die Erdschichten für immer vernichten, um neue Keller und Tiefgaragen anzulegen.

    Gegraben hat das Landesamt für Archäologie vom 1. März bis zum 15. Juni auf einer Fläche zwischen der Nonnenmühlgasse und der Dimitroffstraße. Hier befand sich bis Jahresbeginn noch ein Parkplatz. Aber seit die neue Katholische Kirche St. Trinitatis auf der Nordseite der neu hergerichteten Nonnenmühlgasse eröffnet wurde, sind natürlich auch die brachliegenden Grundstücke auf der Südseite der Gasse wieder in den Fokus der Investoren gerückt. Hier kann man in bester Lage gleich vis-à-vis vom Neuen Rathaus regelrecht wählen, was man gern bauen möchte. Hier lassen sich First-Class-Büros genauso gut an den Mann bringen wie hochpreisige Wohnungen für Leute, die in Leipzig gut verdienen.

    Dabei war diese Ecke selbst bis zu den Zerstörungen des 2. Weltkrieges kein nobles Quartier. Im Gegenteil. Jahrhundertelang lebten hier, im westlichen Teil der Petersvorstadt, eher arme Gewerke – Handwerker, Fischer, Tagelöhner, vor allem aber Töpfer. Noch viel früher – bis zur Aufhebung im Jahr 1543 – befanden sich hier die Wirtschaftshöfe des Georgennonnenklosters. Von denen schon 1547 nichts übrig blieb, denn da erreichte der Schmalkaldische Krieg Leipzig und die Petersvorstadt wurde – um Schussfreiheit zu schaffen – abgebrannt. Das ist auf der zweitältesten Stadtansicht, der von 1547, gut zu sehen.

    Da sieht man an dieser Stelle – mit freiem Schussfeld auf die alte Kurfürstliche Burg – ein kahles Feld. Das Straßenraster ist noch zu erkennen und ein paar Bäume markieren die Grundstücksgrenzen im Inneren des abgebrannten Karrés.

    Blick über die Ausgrabungsfläche Richtung Dimitroffstraße alias Klitschergässchen. Foto: Ralf Julke
    Blick über die Ausgrabungsfläche Richtung Dimitroffstraße alias Klitschergässchen. Foto: Ralf Julke

    Bislang hat nur der Holzschnitt von 1547 belegt, wie das damals war. Jetzt hat die Grabung die Brandschichten aus dem Schmalkaldischen Krieg nachgewiesen. Und nicht nur die. Denn immer wieder wurden die Vorstädte abgebrannt, wenn es um die Verteidigung der Stadt gegen Angreifer ging. Eine weitere Brandschicht gehört augenscheinlich in die Zeit des 30-jährigen Krieges und wird der schwedischen Belagerung von 1642 zugeordnet. Und natürlich haben auch die Bombardements des 2. Weltkrieges hier eine Brandschicht hinterlassen. Und nicht nur die Brandschichten wurden gefunden, sondern auch jede Menge kriegerische Spuren: Geschosskugeln, Bleischmelzen, Uniformknöpfe, Teile von Musketen. Selbst der Völkerschlacht konnte eine Zerstörungsschicht zugeordnet werden.

    Dass sich das an dieser Stelle so häuft, hat natürlich mit dem gegenüberliegenden Standort des einstigen kurfürstlichen Schlosses zu tun, dem dann 1549 der Neubau der Pleißenburg folgte, die bis 1899 da stand, wo dann das Neue Rathaus errichtet wurde.

    Aber nicht nur die kriegerischen Spuren erzählen hier Geschichte. Die Ausgräber stießen natürlich auch auf die unübersehbaren Spuren der einstigen Töpferwerkstätten – nicht nur die Gruben, die sie in den Lehm gegraben hatten, sondern auch auf etliche der in diesen Gruben abgelagerten Reste ihrer Produktion, darunter auch beeindruckend gestaltete Ofenkacheln.

    Und noch etwas hat die Ausgräber überrascht: Sie fanden die Spuren eines barocken Gartenareals, eines richtigen Lustgartens mit Wegen und Beeten und allerlei kleinen Fundstücken, die an das einstige Lustwandeln erinnern: Tonpfeifen, Porzellantässchen, Glaskaraffen, Austernschalen … Doch kein alter Leipziger Stadtplan verzeichnet hier einen der namhaften Leipziger Bürgergärten. Auch der berühmte Friedrich Gottlob Leonhardi erzählt von keinem namhaften Garten oder Ausflugsetablissement am Klitschergässchen (wie die Beethovenstraße damals hieß) oder am Klostergässchen (wie die Nonnenmühlgasse um 1799 hieß). Ein Stadtplan von 1781 macht zumindest sichtbar, dass das Quartier nur an den Rändern – teilweise recht locker – bebaut war, im Innenbereich aber durchaus mehrere rechteckige Grünflächen erkennbar sind.

    Karaffen und Tonpfeifen deuten ja nicht wirklich auf einen gestalteten und gepflegten Barockgarten hin, wie es die Boseschen Gärten damals waren, sondern eher auf einen Gasthof mit Bewirtung auch im Freien. Ob der Gasthof zum Blauen Ross, der damals an der Esplanade (heute Teil des Peterssteinweges) lag, hier eine Rolle gespielt haben könnte, muss offen bleiben. Dazu lag er eigentlich zu weit östlich der jetzt untersuchten Stelle (und wird ganz bestimmt eine Rolle spielen, wenn auch die Parkplatzfläche direkt am Peterssteinweg unter die Spaten der Ausgräber kommt).

    Aber nicht nur die kriegerische Neuzeit, der lustwandelnde Barock und der Fleiß der Leipziger Töpfer wurden sichtbar.

    Als die Archäologen noch etwas tiefer gruben, stießen sie auf Pfosten eines größeren Gebäudes und eine Abfallgrube aus der Jungsteinzeit, die sie auf die Zeit von 5.500 bis 4.900 vor Beginn unserer Zeitrechnung datierten. Damit gab es jetzt binnen kurzer Zeit zwei Nachweise für steinzeitliche Besiedlung direkt im Leipziger Innenstadtbereich – den anderen Fund hat man ja 2008 bei Ausgrabungen im Innenhof des Boseschen Hauses (Bach-Museum) gemacht. Dass Menschen schon vor 7.000 Jahren hier auf dem Hochufer in unmittelbarer Nähe zur Pleiße siedelten, muss nicht mehr bewiesen werden. Silexklingen, Steinbeile und Scherben mit Linienband- oder Tiefstichdekor ermöglichten die Datierung dieses frühen Dorfes, das an der Stelle rund 700 Jahre existierte. Nur zum Vergleich: Dieses Dorf ist rund 2.000 bis 2.500 Jahre älter als die berühmte Himmelsscheibe von Nebra.

    Natürlich schließen sich die Funde an jene archäologische Ausgrabung an, die 2011 auf dem benachbarten Grundstück der Trinitatiskirche stattfanden. Auch damals hat man reiche Funde zu den einstigen Töpferwerkstätten gemacht. Übrigens mit Tongruben, die weit ins Mittelalter, wohl bis ins 12. Jahrhundert zurückreichten, was dann für eine ziemliche Überraschung sorgte. Oder um die Landesarchäologen einmal selbst zu zitieren: „Wenn aber im Mittelalter an diesen Stellen große Lehmentnahmegruben bestanden, kann hier nicht das Nonnenkloster St. Georg gestanden haben.“

    Das Kloster muss damit zwangsläufig weiter nördlich gestanden haben, dichter an der Burg. Aber auch auf dem Trinitatis-Grundstück hat man Spuren der einstigen jungsteinzeitlichen Siedlung gefunden, ganz ähnlich wie in den 1990er Jahren, als das Grundstück an der Ecke Dufourstraße/Martin-Luther-Ring ergraben und dann neu bebaut wurde.

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