Wie wäre es denn mit Kurt-Masur-Gässchen? Wenn denn schon alle möglichen Leute unbedingt ein Plätzchen nach dem jüngst verstorbenen Kapellmeister benennen wollen. In Gohlis gibt es seit Monatsbeginn eines: Eine hübsche Schlippe zwischen Eisenacher Straße und Möckernscher Straße. Eigentlich ein Unikum aus Urzeiten, als hier zwischen mehreren Häusergrundstücken ein handtuchbreiter Streifen einfach frei blieb.

Das fiel sogar schon in den Zeiten auf, als hier noch einige Brachen an der Straße lagen. Irgendwie so, als hätte jemand zwar mal einen Durchbruch geplant von der Mottelerstraße, die von Norden, von der Georg-Schumann-Straße her, kommt Richtung Möckernsche Straße. Vielleicht war’s ja auch so: Man hat sich gründlich verplant und das übrig gebliebene Stück Fläche reichte zu gar nichts aus – jedenfalls nicht zu einer Straße. Und so lag es Jahrzehntelang unbenutzt. Es wurde auch nie als Weg ausgebaut.

Bis man im Zusammenhang mit der städtebaulichen Sanierung in Gohlis darüber stolperte und natürlich über das Naheliegende: Das Stückchen Weg ist natürlich ideal, wenn man von der Eisenacher Straße schnell mal zur Möckernschen will – zu Fuß oder mit dem Rad. Seit das Neubaugebiet mit Eigenheimen an der Stallbaumstraße fertig geworden ist, erst recht. Denn von dort führt seitdem die Schmutzlerstraße direkt von Süden her auf die Stelle zu, die bis zum Frühjahr nichts anderes war als ein Stück Wildnis und Wildpfad zwischen vier Hausgrundstücken.

Der Wildpfad vor dem Umbau zum Gehweg. Foto: Ralf Julke
Der Wildpfad vor dem Umbau zum Gehweg. Foto: Ralf Julke

Da wird auch bei der feierlichen Straßenweihe für die Schmutzlerstraße 2015 so mancher über die Straße geschaut haben und ins Grübeln gekommen sein.

Denn im Zuge der Verkehrsberuhigung auf der Möckernschen Straße wurde genau an dieser Stelle auch eine Fußgängerinsel gebaut – mitsamt markantem Blindenleitsystem. Nur machte die Insel eigentlich wenig Sinn, wenn man drüben dann auf einen Buckelpfad stieß.

Die Schmutzlerstraße ist übrigens nach dem einstigen Pfarrer der Studentengemeinde Georg Siegfried Schmutzler benannt, der 1957 wegen „Boykotthetze“ verhaftet, zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt und in Torgau eingesperrt wurde. 1961 kam er frei, ging dann nach Dresden und später nach Westberlin. Er gehört zu den markanten Persönlichkeiten, die für den Widerstand im Umfeld der Universität gegen Gleichschaltung und Indoktrination standen. 1997 bekam er die Ehrenmedaille der Stadt Leipzig und schon 2004 beschloss der Stadtrat, dass eine Straße nach ihm benannt werden sollte. Das hat dann elf Jahre gedauert bis zur Umsetzung.

Im Frühjahr 2016 meldete dann das Leipziger Baudezernat, dass man den Wildpfad da in Gohlis endlich durch eine richtige Wegeverbindung ersetzen wolle.

Vom 11. April bis Ende Mai wollte man die Schlippe zu einem Geh- und Radweg umbauen. Es hat dann doch wieder einen Monat länger gedauert als geplant. „Sanierungsziel ist die bessere Anbindung des Gebietes Stallbaumstraße an die Georg-Schumann-Straße mit Geschäften und öffentlichem Personennahverkehr sowie die bessere Anbindung des Wohngebietes an den Auewald. Der Ausbau des Abschnittes erfolgt unter Vollsperrung. Die Benutzung als Durchwegung zwischen Möckernscher Straße und Eisenacher Straße ist in dieser Zeit nicht möglich.“

Wirklich möglich war sie auch vorher nur für Bergziegen.

Das hat sich geändert. Es ist ein ordentlicher gepflasterter und rollstuhlfahrergerechter Gehweg angelegt worden. Die Kosten betrugen 60.000 Euro. Womit die Stadt – wie das zuständige Dezernat betont – „einem Anliegen vieler Anwohner“ nachkam. Es sind eine Menge rühriger Leute in das neue Wohnquartier an der Stallbaumstraße gezogen, die sich auch emsig zu Wort melden, wenn sie sehen, dass vor Ort ein paar Dinge ohne großen Aufwand verändert und verbessert werden können.

Die Tempo-Reduzierung auf der Möckernschen Straße war so ein Thema.

Mit der neu gebauten Schlippe kommt man jetzt direkt von der Schmutzlerstraße zur Mottelerstraße und kann dort direkt hinauffahren zur Georg-Schumann-Straße. Und wer nach Motteler fragt: Das war der „rote Feldpostmeister“, der Mann, der – als die SPD illegal war – ihre Parteizeitung heimlich nach Deutschland expedierte und verteilte. Ein Organisationstalent, dem man dann 1901 – da war er schon 65 – Verlag und Druckerei der LVZ anvertraute. Nebenbei war er auch noch Reichstagsabgeordneter. Seinen Nachruf in der LVZ schrieb 1907 übrigens Franz Mehring. Der war unter Motteler Chefredakteur der LVZ. Motteler hat den großen Kotau der SPD vor der kaiserlichen Kriegspolitik nicht mehr miterlebt – Mehring schon. Schon vorher hat er sich von den ganzen untertänigen Revisionisten um Bernstein und Ebert distanziert. Gegen Burgfrieden und Kriegskredite hat er sich dann genauso gewehrt wie Karl Liebknecht, dieser andere Sozialkdemokrat aus Leipzig, der das Säbelrasseln und Blutvergießen für schlicht nicht zustimmungsfähig hielt.

Es lohnt sich also, mal durch Gohlis zu spazieren, bevor man sich in die Straßenbahn setzt und zum Südfriedhof fährt. Da wurde Motteler am 2. Oktober 1907 beerdigt und – ja, das wäre was für unsere heutigen Sozialdemokraten – 4.000 Trauernde folgten seinem Sarg. Und die Trauerrede hielt kein Geringerer als der SPD-Vorsitzende August Bebel. Der war ja selbst eine Zeit lang Leipziger. Jetzt war er aber extra aus Berlin gekommen.

Worauf man so alles kommt, wenn man in Gohlis durch eine hübsche neue Gasse läuft.

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