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Vor 130 Jahren (2): Eine Zeitreise in den Leipziger Osten des Jahres 1886

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    Schauen wir mal nach Volkmarsdorf, wo auch das Sterben mit der wachsenden Bevölkerung Schritt hält und manchem der Weg zum bisherigen Friedhof zu weit scheint. Also wird eifrig im Reudnitzer Tageblatt räsoniert, ob es nicht ein eigener in Volkmarsdorf werden solle. Auch die heute prägende Lukas-Kirche steht noch nicht, doch das wachsende Selbstbewusstsein der Bewohner und ihre Menge ruft nach einem neuen Gotteshaus im Viertel. Dabei erregt man sich kräftig über die Bauweise einer anderen Leipziger Kirche und lehnt den „überaus widerwärtigen Eindruck“ dieser schlankweg ab. Und mal wieder geht es um Zucht und Ordnung beim Nachwuchs.

    Reudnitzer Tageblatt, Ausgabe vom 4. Januar 1886

    „Das stetige Wachstum unseres Ortes legt die Frage nahe, ob es jetzt nicht an der Zeit sei, für Volkmarsdorf einen eigenen Friedhof zu erwerben. Wie bekannt, muß der Friedhof zu Schönefeld über kurz oder lang durch Zukauf erweitert werden und wenn dies geschieht, bleibt der längst beklagte Mißstand, daß die Leichen aus Neuschönefeld, Neustadt und Volkmarsdorf auch fernerhin dorthin begraben werden müssen, fortbestehen. Unter den drei Ortschaften ist Volkmarsdorf die vollreichste und da diese Gemeinde damit umgeht, sich ein eigenes Gotteshaus zu bauen, so wäre es wohl angebracht, wenn jetzt schon für diese Gemeinde ein eigener Friedhof beschafft würde.“

    Gerechnet hat man offenbar auch schon, der Gottesacker wäre vielleicht lohnend? „Die Kosten würden sich für die Gemeinde nicht allzu hoch stellen, da ja jede Grabstelle bezahlt werden muß, der Hauptvorteil wäre aber der, daß dann der lange und bei schlechtem Wetter sehr unangenehme Weg nach Schönefeld nicht mehr nötig wäre, gibt es doch noch Grund und Boden in der Nachbarschaft, der verkäuflich und zur Anlegung eines Gottesackers geeignet ist.“

    Einen eigenen Friedhof wird es in Volkmarsdorf dennoch nie geben. Nach Schönefeld sind es von Neuschönefeld übrigens keine drei Kilometer. Dafür klappt der Bau des Gotteshauses.

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    Denn die Lukaskirche wird weiter geplant und im September 1891 eingeweiht. Also schaut man im Jahr 1886 mal nach, wie die anderen Kirchbauten in anderen Orten um und in Leipzig so aussehen. Eine fällt den Volkmarsdorfern dabei besonders ins Auge: In der inneren Südvorstadt hat man vor einer Woche die neogotische Peterskirche eingeweiht. Doch der riesige Neubau gefällt offenbar nicht allen, ein schlechtes Vorbild soll offenbar nicht wiederholt werden.

    Stand zur Zeit der Kirchendebatte in Volkmarsdorf bereits. Die Peterskirche in der Südvorstadt (a. d. Riemannstraße) & fand wenig Gefallen. Foto: L-IZ.de
    Stand zur Zeit der Kirchendebatte in Volkmarsdorf bereits. Die Peterskirche in der Südvorstadt (a. d. Riemannstraße) & fand wenig Gefallen. Foto: L-IZ.de

    Das Ortsblatt berichtet für die Volkmarsdorfer aus der Stadt unweit der Vororte: „Die Bauart der hiesigen neuen Peterskirche erfährt in der ‚Frtf. Ztg.‘ eine scharfe Kritik, in welcher man bei aller Anerkennung des Lobenswerten doch gegen die Form im großen und ganzen mancherlei Bedenken hat. Einige charakteristische Einzelheiten geben wir im Wortlaut wieder. Es heißt u.a.: „Namentlich machen die Priesterstuben an der Ostseite, die wie Karussells zur Nachtzeit aussehen, mit ihren kohlenmeilerförmigen Dächern einen überaus widerwärtigen Eindruck.“

    Doch besonders an ein paar Tieren scheiden sich die Geister. „Das Unerreichbare aber hat man geleistet mit dem Schmucke aus der Tierwelt, der aller Orten an dem Gebäude angebracht ist. Zunächst präsentieren sich über zwei Thüren ein paar freistehende Raubvögel, die man nach der Größe zu schließen, für Mäusebussarde halten kann. Ferner ist an einer hervorragenden Stelle des südöstlichen Giebelrandes ein Storchennest samt Storch in Stein gehauen zu erblicken. Unmittelbar darunter befindet sich die Taufschale, ein Schalk meinte, das Symbol darüber solle die Sage versinnbildlichen, daß der Storch die Kinder bringe. Das Ungeheuerliche sind aber fünf häßliche, etwa 1 ½ Meter große Hunde, welche am Ostende der Kirchen auf hohen Pfeilern aufgestellt sind.“

    Die Hunde gibt es übrigens laut Auskunft von Pfarrer Andreas Dohrn auch heute noch an der Peterskirche. Derartiges Rampenlicht wie damals wird ihnen zurzeit allerdings nicht zuteil.

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    Im ausgehenden Jahrhundert war Stammtisch offenbar nicht gleich heutiger Stammtisch. Hier wird zu einem öffentlich geladen, der auch Soziales zu heute ungewohnter Zeit leisten möchte. „Neustadt, Stammtisch zum Kreuz Nr. 82. Morgen Dienstag den 5. Januar abends 8 Uhr findet unsere dritte Christbescherung für arme Kinder Neustadts im Restaurant zum Ratskeller (damals am Neustädter Markt) statt, wozu wir alle Freunde und Bekannte unseres Stammtisches ganz ergebenst einladen. Das Präsidium.“

    Reudnitzer Tageblatt, Ausgabe vom 8. Januar 1886

    Lust auf Karriere? Mal wieder geht es um die wichtige Frage der Beleuchtung im Viertel. „Reudnitz: Die Stelle eines Laternenwärters ist zu besetzen. Meldungen hierzu sind bis zum 10. Januar d.J. hier einzureichen. Reudnitz, den 4. Januar 1886, die Gemeindeverwaltung, Größe l“

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    Und auch die Erziehung des Nachwuchses bleibt ein Dauerbrenner in diesen Tagen. Man muss sich wohl angesichts der wiederholten Berichte endgültig davon verabschieden, dass diese Zeit die Phase der wohlerzogenen Kinder gewesen sein soll. Zum Glück sind Kinder bis zum Internet-Zeitalter alle ähnlich gewesen.

    „Wir haben schon des öfteren Gelegenheit genommen, die Kinder unserer Vororte in ihrem Betragen auf der Straße und bei ihren Spielen zu beobachten. Wir sind nicht der Meinung, und das möchten wir vorerst besonders betonen, daß man die Kinder in ihrer Freiheit allzusehr einschränke und ihnen die notwendige Bewegung im Freien verbiete. Jedoch haben wir oft gesehen, daß viele dabei ziemlich ausarten und besonders Erwachsenen gegenüber, die durch Ermahnen den jugendlichen Uebermut in die rechte Bahn zu leiten und Ungezogenheiten, Sachbeschädigungen etc. zu verhindern suchen, mit rohen und ungebührlichem Reden begegnen, die im Kinde unter keinen Umständen heimisch sein dürften.“

    Und der Konflikt, wer daran wohl die Schuld trage, ist tatsächlich ein uralter. Denn weiter heißt es in der Reudnitzer Stadtpostille: „Eine große Schuld liegt dabei jedenfalls am Elternhaus. Auch die Schule kann zur Verhütung dessen viel thun, wenn sie in der rechten Weise vom Elternhaus unterstützt wird. Wenn, wie wir neulich erst in Sellerhausen sahen, die Kinder noch zwischen 8 und 9 Uhr abends auf der Straße herumtoben, so ist es nicht nur Pflicht der Eltern, sondern auch der Ortspolizei, in Gemeinschaft mit der Schule dagegen einzuschreiten. Daß das in Zukunft geschehen möge, ist der Zweck dieser Zeilen.“

    Ein paar Fragen bleiben wohl bis heute, zum Beispiel: Was soll die Schule abends um 8 dagegen tun? Und was, außer herumtoben, haben die kleinen Racker nun eigentlich genau angestellt? Die Eltern hingegen sind in dieser Zeit ganz gut damit beschäftigt, bis zu 12 Stunden am Tag in der Fabrik zu arbeiten.

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