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Ist der stramme Bürger Diederich Heßling noch immer so lebendig wie 1918?

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    Wann hat Diederich Heßling eigentlich Geburtstag? Gilt das Jahr 1912 als sein Geburtsjahr, als Heinrich Mann ein erstes Kapital aus dem Roman, an dem er seit 1906 schrieb, im „Simpliciccismus“ veröffentlichte? Oder 1914, als Heinrich Mann begann, den fertigen Roman in Fortsetzungen in der Zeitschrift „Zeit im Bild“ zu veröffentlichen? Bis kurz vor Kriegsbeginn im August. Und dann musste dieser Roman vier Jahre in der Schublade verschwinden. Klar: Sein wirkliches Geburtsjahr ist 1918. Und sein Geburtsort heißt Leipzig.

    Denn dann nutzte Kurt Wolff dieses turbulente Jahr, in dem der Weltkrieg endlich endete, um den Deutschen das Buch in gebundener Form vorzusetzen, das ihnen beschrieb, welche Typen sie in den Krieg gesoffen, gemaulheldet und getönt hatten. Typen wie der Papierfabrikantensohn Diederich Heßling, der eigentlich noch aus der „guten alten Zeit“ stammte, unterm Kaiser aufgewachsen. Legendär bis heute die DEFA-Verfilmung von Thomas Staudte aus dem Jahr 1951.

    Im Grunde ist dieser Heßling ein Typus, den man längst im Abgrund der Geschichte verschwunden glaubte – innerlich ein völlig verunsicherter Mann, der seine Verunsicherung durch Grobheit und Panzerung zu verbergen sucht. Was er ja gelernt hatte. Denn so funktionierte Erziehung im wilhelminischen Reich. Heßlings Vater ist keine Ausnahme, der seinen Sohn mit Prügel zum Gehorsam und zur Falschheit erzieht. Im Grunde ein Fall echter „schwarzer Erziehung“ für Alice Miller. Denn wenn die väterlichen Prügel als liebevolle Erziehungsmethode behauptet werden, dann wird der Erzogene zum zerbrochenen, seiner selbst nicht mehr sicheren Mann.

    Aber da ist man schon drin in den ersten Seiten zu dem Buch, das wir in den nächsten Wochen hier lesen werden. Schön langsam. Auch aus Erfahrung. Denn als ich das Buch einst in einer längst zerlesenen Reclam-Ausgabe las, war es Schullektüre – die zu findende Botschaft klar, das Tempo vorgegeben. Man stürzt sich hinein in das Leben dieses erzogenen Feiglings, wird grün und schwarz vor Ärger, weil man mit diesem Typus ganz bestimmt nicht zusammen Bier trinken will oder gar dabei sein, wenn er andere Menschen mit hochgezwirbelten Kaiserbart erniedrigt und sich inwendig als der geborene Obermensch versteht.

    Da überliest man tatsächlich, wie dicht gepackt dieses Buch ist. Etwas, was einem erstaunlich fremd ist, wenn man heutige hochgefeierte Romane liest und merkt: Das ist fast alles nur Watte, der Autor schwätzt, hat aber nichts erlebt, nichts gesehen und nichts zu sagen.

    Und dann liest man dieses Buch, an dem Heinrich Mann über fünf Jahre geschrieben hat. Und man merkt, dass ihn dieser subalterne Typus des kleinen, eitlen Bürgers schon 1906 gewaltig angekekst hat. Er muss ihn beobachtet haben. Intensiv und klarblickend. Und er muss geahnt haben, zu was dieser Duckdich und kleine Schikanierer alles fähig ist. Was sich 1914 längst abzeichnete. Während die ersten Teile des Romans erschienen, besoffen sich im Reich längst all die kleinen und großen Heßlings am Säbelrasseln, um Deutschlands Größe in einem großen, formidablen Krieg zu beweisen. Oder beweisen zu lassen. Die Heßlings blieben ja zumeist daheim, während die Muschkoten draußen in den Schützengräben und auf den Schlachtfeldern verheizt wurden.

    Und für Heinrich Mann war das eine bittere Zeit. Sein Bruder Thomas hatte ja mit fein ziselierten Worten diesen Krieg der Wilhelme und Heßlings begrüßt. Der Bruderzwist würde noch Jahre schwelen. Und entsprechend froh war Heinrich Mann, dass er mit seinem Werk in dem kleinen Verlag, den Kurt Wolff 1913 in Leipzig gegründet hatte, unterkam. Jenem Verlag, der mit der Reihe „Der Jüngste Tag“ zum Vorreiter des deutschen Expressionismus werden sollte. Auf der Erinnerungstafel an der Villa Kreuzstraße 3 b, wo Wolff mit seinem Verlag unterkam, werden freilich nur die wichtigsten expressionistischen Dichter aufgeführt, die er verlegte. Heinrich Mann fehlt, obwohl Wolff 1916 die erste Gesamtausgabe von Manns Werken veröffentlichte. Und so nebenbei auch schon mal die ersten zehn Exemplare des „Untertan“.

    Erinnerungstafel an den Kurt Wolff Verlag am Haus Kreuzstraße 3b. Foto: Ralf Julke
    Erinnerungstafel an den Kurt Wolff Verlag am Haus Kreuzstraße 3b. Foto: Ralf Julke

    Aber in Zeiten der noch immer von der Heeresleitung und den zensierten Medien angeheizten Kriegseuphorie hielt er sich lieber zurück und wartete das Kriegsende ab. Und dann warf er den „Untertan“ auf den Markt, der es binnen kurzer Zeit zu einem Bestseller-Status brachte mit über 100.000 verkauften Exemplaren. Erst damit war Diederich Heßling wirklich in der Welt. Und nicht nur Kurt Tucholsky fand darin den untertänigen Typen wieder, der sich so leicht ins Bockshorn und in den Krieg hatte treiben lassen: „Die alte Ordnung, die heute noch genauso besteht wie damals, nahm und gab dem Deutschen: sie nahm ihm die persönliche Freiheit, und sie gab ihm Gewalt über andere. Und sie ließen sich alle so bereitwillig beherrschen, wenn sie nur herrschen durften!“

    Und man möchte eigentlich hinzufügen: Die Typen sind immer noch da. Sie haben das Hitler-Reich mitverbockt („Ich habe doch nur Befehlen gehorcht!“) und sich hernach wieder widerwillig angepasst. Und wer mit Amtspersonen zu tun bekommt oder so manchem deutschen Innenminister, der fühlt sich peinlichst erinnert.

    Und dann liest man das Buch wieder – und findet sie auch. Obwohl Diederichs Geschichte eigentlich vor 130 Jahren spielt. Als Schutzmänner noch respekteinflößende Autoritäten waren, Lehrer und Väter prügeln durften und Frauen mit höchst-freudschem Misstrauen betrachtet wurden. Und zwar von Typen, für die der Literaturwissenschaftler Klaus Theweleit den Begriff „faschistischer Typus“ gefunden hat: Männer zumeist, die „durch erlittene Prügel und militärischen Drill ein sekundäres Ich in Form eines ‚Körperpanzers‘ erworben haben, dessen äußere Kennzeichen u. a. militärische Strammheit, Steifheit und Unterkühltheit seien.“ (Wikipedia)

    Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen und immer verschreckt im Schneckenhaus. Und die unterdrückten Gefühle explodieren völlig unberechenbar – mal in Gewalt, mal in Wut, Pöbelei, schäumender Entäußerung. Und mittlerweile wissen wir, dass sich das fortpflanzt, wenn es nicht therapiert wird, dass gewaltaffine Männer oder gefühlskalte Eltern wieder solche Kinder erziehen wie diesen Anbeter der Macht: Diederich Heßling.

    Das wächst sich nicht allein aus. Das steckt auch in all den Umfragen, in denen die Sehnsucht vieler Männer nach einem „starken Führer“ und einem „harten Durchgreifen“ sichtbar wird.

    Also bleibt nichts anders übrig: Das Buch muss – bei allem Widerstreben – noch einmal gelesen werden. In kleinen Portionen, egal, wie lange es dauert. Lassen wir das „Untertan-Projekt“ starten. Und jeder ist eingeladen, mitzumachen. Mancher wird seinen zerlesenen „Untertan“ noch im Regal stehen haben, aber der Fischer Verlag, wo Heinrich Mann letztlich unterkam, hat „Der Untertan“ immer im Programm. Wer mitlesen will und Entdeckungen macht, ist herzlich eingeladen, seine Funde zu beschreiben.

    Mal schauen, wie lange wir brauchen, uns durch das Leben „des bürgerlichen Deutschen unter der Regierung Wilhelms II.“ (Heinrich Mann) zu wühlen. Und was dabei herauskommt.

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