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Das Untertan-Projekt: Diederich bekommt den Geruch seines Herrn zu riechen und wird wie ein Hund behandelt

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    Das Frappierende an den Leuten, die die Macht anhimmeln, ist ihre Bereitschaft, sich zu allem missbrauchen zu lassen. Freiwillig. In immer vorauseilendem Gehorsam. Deswegen sind diese Typen auch so leicht für Kriege, Mobbing und Schnädderedäng zu begeistern. Das ist ihre Welt. Und man liest und fragt sich die ganze Zeit: Wo ist eigentlich der lebendige Kern dieses Diederich Heßling? Was, verflixt noch mal, begeistert und erwärmt ihn wirklich?

    Es ist dieselbe Frage, die man sich heute beim Auftrumpfen der zwei neueren Heßling-Parteien stellt: Kann es sein, dass diese alten Säcke mit ihren panischen Angst-Szenarien in Wirklichkeit nichts lieben, sich für nichts mehr begeistern, sich selbst nicht mögen und ihre Leere dadurch kaschieren, dass sie sie mit Hass und Lügenmärchen auffüllen, damit wenigstens irgendein Sinn in ihr entleertes Leben kommt?

    Nein, ich zitiere jetzt keine Landtagsreden dieser Leute. Da zeigen sie leider ihre ganze Leere. Sie sind wie Gespenster. Und sie reagieren auch auf keine Korrektur. Sie verbreiten ihre Lügen und Märchen immer wieder, unverändert. Eigentlich schwer begreiflich, dass Menschen so beharrlich an einer Sicht auf die Welt festhalten, die mit der Realität nichts zu tun hat.

    Das hat schon etwas Sektenartiges. Wir sehen es ja bei Diederich, wie er sich biegt und windet und immerfort in peinliche Situationen gerät, weil er durchaus noch merkt, dass seine Kaisersprüche mit der Wirklichkeit im kleinen Netzig nicht zusammenpassen und die Leute ihm oft genug irritiert begegnen.

    Es sträubt sich alles in einem, wenn man diesem eifrigen Diederich zuschaut, wie er am Rand einer Kaffeetafel bei der Präsidentin von Wulckow zu deren Gemahl zitiert wird. Der lässt ihn warten, reagiert nicht auf sein Klopfen, negiert ihn sogar, als Diederich sich mit dem Wulckowschen Hund in sein Arbeitskabinett schiebt.

    „Dann aber trat der Wulckowsche Hund ein, schritt riesenhaft und voll Verachtung an Diederich vorbei und kratzte an der Tür. Sofort ertönte es drinnen: ‚Schnaps! Komm herein!‘ – worauf die Dogge die Tür aufklinkte. Da sie vergaß, sie wieder zu schließen, erlaubte Diederich sich, mit hineinzuschlüpfen. Herr von Wulckow saß in einer Rauchwolke am Schreibtisch, er wendete den ungeheuren Rücken her. „,Guten Tag, Herr Präsident‘, sagte Diederich, mit einem Kratzfuß. ‚Na, nun quatscht du auch schon, Schnaps?‘ fragte Wulckow, ohne sich umzusehen.“

    Das ist der alte Preußengeist, könnte man meinen. Die arroganten Landjunker (und von Wulckow ist ja auch einer) behandeln Leute wie Diederich wie Hunde. Sitz! Platz! Braver Hund! Und das Verblüffende ist: Diederich hat das zutiefst verinnerlicht. Deswegen knallt er ja die Hacken zusammen vor jeder Uniform und jedem Höhergestellten. Und wenn das erst mal sitzt, steckt der funktionierende Untertan in der Klemme. Dann kann er nämlich nur noch warten, bis der Herr so gnädig ist, seine Existenz wahrzunehmen. Und das dauert. Von Wulckow zeigt es diesem strammen deutschen Patrioten so richtig.

    Und in dem erklingt noch die kleine tapfere Stimme, die ihn daran erinnert, dass er sich gerade wirklich zum Abtreter machen lässt. Denn „plötzlich wallte es auf in ihm. Empörung und der dicke Qualm verschlugen ihm den Atem, er dachte, mit unterdrücktem Keuchen: „Wer bin ich, daß ich mir das muß bieten lassen? Mein letzter Maschinenschmierer läßt sich das von mir nicht bieten. Ich bin Doktor. Ich bin Stadtverordneter! Dieser ungebildete Flegel hat mich nötiger als ich ihn!“

    Aber er lässt sich das gefallen. Sein ganzer empörter Protest findet nur inwendig statt. Er traut sich nicht, es diesem Junker auf den Rücken zuzusagen und türenknallend zu gehen. Inwendig wird er zum Rebellen und Umstürzler. Und wenn heute unsere bürgerlichen Untertanen-Versteher behaupten, die Gefahr des Umsturzes ginge nur von den Radikalen, gar den Linken aus, der lügt. Der lügt sich auch selbst in die Tasche. Das ist die ganze Falschheit an der Extremismus-Theorie. Denn inwendig, da sind auch diese braven Patrioten wilde Berserker und Zerstörer.

    Sie kochen ihren Hass auf kleiner Flamme: „,Wenn wir mal Schluß machen mit der ganzen Bande – !‘ Die Fäuste ballten sich ihm von selbst, in einem Anfall stummer Rasererei sah er alles niedergeworfen, zerstoben: die Herren des Staates, Heer, Beamtentum, alle Machtverbände und sie selbst, die Macht! Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen!“

    Da haben wir die ganze Gespaltenheit des Diederich Heßling. Und sage nur einer, dass seine würdigen Nachfahren sich heute nicht schon wieder genauso benehmen, genauso in sich wütend kleine Umstürzler, die ihre Feigheit ummünzen in Härte und mit „Sicherheit und Ordnung“ die anderen zur Raison bringen wollen, die sich noch trauen, gegen die Anmaßungen der Macht noch so ein bisschen zu opponieren.

    Das ist es doch, was die Gesellschaften des Westens so zum Brodeln bringt: Die Rebellion der Kleinbürger, die sich gegen die (Staats-)Macht nichts trauen und deshalb lieber die „Multikulti-Demokratie“ zerstören möchten. Weil: wegen Aufmüpfigkeit. Wer aufmüpft, wird drakoniert. Schärfere Polizeigesetze müssen her, um den Aufmüpf zu unterbinden.

    Und während Diederich stumm vor sich hinwütet und die Fäuste bald, knurrt die Wulckowsche Dogge. Und jetzt wird es, wie versprochen, olfaktorisch, denn „unter dem Präsidenten hervor aber kam ein donnerndes Geräusch, ein langhinrollendes Geknatter – und Diederich erschrak tief. Er verstand nicht, was dies für ein Anfall gewesen war. Das Gebäude der Ordnung, wieder aufgerichtet in seiner Brust, zitterte nur noch leise. Der Herr Regierungspräsident hatte wichtige Staatsgeschäfte. Man wartete eben, bis er einen bemerkte …“

    Haben Sie auch so einen Chef? Oder geht das heute feiner zu? So schön hinter freundlicher Miene versteckt, wenn der Großmächtige dem kleinen Stadtverordneten erklärt, dass er überhaupt nichts zu sagen hat, sondern bitteschön die Erwartungen des Herrn zu erfüllen habe: eine klitzekleine Elektrizitätsverbindung für das Gut des Herrn von Quitzin, der ein Vetter des Herrn von Wulckow ist (aber keine Steuern zahlt, das kennen wir heute auch irgendwie wieder), ein bisschen Entgegenkommen, sonst kommt die Eisenbahnstrecke nicht bis nach Netzig.

    Wer sich umschaut in Ostelbien, der weiß, wie viele Bahnstationen nicht da sind, wo sie ein vernünftiger Mensch gebaut hätte.

    Und wie ist das mit Flughäfen? Kann einer guten Willens behaupten, dass es mit Flughäfen heute nicht genauso ist? Wer hat da vor welchem Kettenraucher im Amtszimmer stramm gestanden? Oder durfte der Amtsinhaber in einer blank geputzen Vorstandsetage den Heßling spielen und Zusagen machen?

    Wer sorgt dafür, dass Macht nicht missbraucht wird, wenn sie einer hat?

    Und von Wulckow ist es gewohnt, seine Macht zu missbrauchen. Er ist ja nicht gewählt. Er ist der hiesige Vertreter der Macht und spricht Wünsche aus. Politik ist ihm Geschäft und Kuhhandel. Und wie er Heßling kaufen kann, weiß er. Indem er nämlich dem Konkurrenten die Papierlieferungen für die Kreisblätter entzieht. Kreisblätter waren damals amtliche Blätter, Verkündungsorgane der Macht.

    Und nun muss Diederich auch ausspucken, was er mit Napoleon Fischer heimlich ausgekungelt hat. Denn Fischer will in den Reichstag. Das waren noch mutige Maschinenmeister damals. Welcher Maschinenmeister will heute noch in den Bundestag, um dort mit Richtern, Polizisten, Lehrern und Rechtsanwälten die Tage zu verbringen? Ist schon seltsam, wenn man so über den Bundestag nachdenkt. Kein Wunder, dass die SPD irgendwie wie verbeamtet wirkt, so grau und mutlos.

    Und warum will Diederich nun ausgerechnet die Sozis unterstützen? Weil er so rechnet: Kommen die Sozis in den Reichstag, erschrecken die Freisinnigen und werden schnurstracks national gesinnte Wähler.

    Wenn einem diese komische Rechnung nicht auch so verflixt heutig vorkäme: Wir schüren die Angst vor den Linken – und siehe da: Die braven Diederiche wählen stramm national.

    Nur wagt Diederich ein bisschen zu viel, als er die Lumpen in seiner Fabrik mit den Lumpen des Herrn Regierungspräsidenten vergleicht, mit denen er ja umspringen könne, wie er wolle. Das lässt ihn von Wulckow gleich darauf spüren, als Diederich auch nur den Ansatz macht, ihn an der Errichtung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals in Netzig beteiligen zu wollen.

    Natürlich ist auch von Wulckow ein begnadeter Schauspieler. Im Handumdrehen ist er auf 180. „,Das ist unerhört, das war noch nicht da! So ein Koofmich mutet dem Königlichen Regierungspräsidenten zu, er soll seine schmutzigen Geschäfte mitmachen!‘ Wulckow dröhnte übermenschlich, er drang mit seiner gewaltigen Körperwärme und mit seinem persönlichen Geruch gegen Diederich vor, der sich rückwärts bewegte. Auch der Hund war aufgestanden und ging kläffend zum Angriff über. Das Zimmer war auf einmal erfüllt von Graus und Getöse.“

    Die von Wulckows konnte Heinrich Mann ganz ersichtlich nicht riechen. Und sein Diederich verlässt nicht empört das Zimmer. Im Gegenteil, er winselt darum, dass der Pöbler wieder gut zu ihm ist, kriecht regelrecht zu Kreuze und ist am Ende froh, dass der Wüterich ihn mit einem „Na ja“ zu seiner kaisertreuen Gesinnung entlässt. Und sogar stolz ist er „auf seinen Abgang, wenn auch beengt durch die Empfindung, daß der Präsident ihn als Bundesgenosse nicht lieber ertrug als er selbst seinen Maschinenmeister.“

    Da haben wir die ganze patriotische Gemütlichkeit: Sie steckt voller Verachtung, Ungewaschenheit und der unablässigen Verunsicherung ihrer verängstigten Helden, dass sie vor der Macht versagen und für zu leicht befunden werden.

    Und es riecht ja wieder so – nach Schweiß, schlechtem Tabak, Geschäftlmacherei und schlechtem Benehmen.

    Was für Zeiten. Was für ein modernes Buch.

    Das „Untertan-Projekt“

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