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Das Untertan-Projekt: Diederich entdeckt den Donald in sich

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    Und dann ist die große Wahlveranstaltung der Freisinnigen im größten Saal von Netzig, im Saal der „Walhalla“. Und die Nationalen machen es wie zuvor die Freisinnigen – sie drängeln sich mit hinein. Heute würden Hundertschaften von schwer gerüsteter Polizei dafür sorgen, dass sich die Anhänger der beiden Parteien gar nicht erst nahekommen. Man möchte fast anrufen beim alten Heinrich Mann: War das damals tatsächlich noch normal und möglich?

    Und zwar so, dass kein Mobiliar zerdroschen wurde und kein Nationalalternativer hinterher eine Klage an die Presse schickte, wie schäbig dieser einzigartigen demokratischen Vorzeigepartei durch diese schrecklichen Radikalen mitgespielt wurde? Die Radikalen sind ja immer die anderen, die unfrisierten jungen Leute mit ihren selbst gemalten Transparenten hinten im Saal zum Beispiel.

    Aber im alten Netzig reicht ein einsamer Polizeioffizier, der es sich auf der Bühne bequem gemacht hat und der nur zu seinem abgesetzten Helm greifen muss, und die Leute im Saal benehmen sich wieder. Nicht mal, als die Stimmung so richtig hochkocht und mal die Nationalen, mal die Freisinnigen wütend und laut werden, fühlt er sich bemüßigt, aufzustehen. Nicht einmal, als Diederich die Sache so richtig zum Brodeln gebracht hat und sein Lieblingsarzt Heuteufel entrüstet auf den Polizeileutnant einredet, der sich von seinem Stuhl nicht rührt, aber Heuteufel belehrt, „daß der Beamte allein entscheide, ob und wann er auflöse.“

    Ein einsamer Polizeioffizier, den das ganze Fuchteln und Schäumen nicht aus der Ruhe bringt.

    Vorher hatte der alte Buck in aller Ruhe erklärt, was er von der Militärvorlage des Kaisers hält. Da kam noch einmal der ruhige, alte Geist von 1848 zum Tragen. Er verbietet Diederich, der eben noch „demokratische Korruption“ in den Saal brüllte, nicht einmal das Wort. Im Gegenteil. Er ist so souverän, dem Gegner sogar das Wort zu erteilen.

    „Er soll sprechen. Auch Verräter haben das Wort, bevor sie abgeurteilt werden. So sehen die Verräter an der Nation aus. Sie haben sich nur äußerlich verändert seit den Zeiten, da mein Geschlecht kämpfte, fiel, ins Gefängnis und auf die Richtstätte ging.“

    Kurz denkt man daran, dass Diederich den Freisinnigen sogar vorgeworfen hatte, sie würden sich missbräuchlich für Nationalisten erklären. Aber sogar das scheint im deutschen Geschichtsunterricht mittlerweile vergessen zu sein. Es waren die 48er, die für ein einiges Deutschland kämpften, Leute wie dieser alte Buck, die sich ein einiges Deutschland mit einer demokratischen Verfassung wünschten. Da hatte das Wort Nation noch einen anderen Klang, den man heute nicht mehr erkennt, wenn man die so oft missbrauchte Nationalhymne hört, das „Lied der Deutschen“.

    Was mit Wilhelm II. und Typen wie Diederich aufkam, war der – damals modernere – imperialistische Nationalismus, dem das einige, demokratische Land wurstegal war, die lieber in Kriege zogen und andere in den Staub treten wollten. Zwischen diesen beiden Nationalismen klafft so eine riesige Lücke, dass heute augenscheinlich selbst die meisten Medien glauben, die Wilhelminische Version sei die einzige.

    Und Buck sagt es diesem Diederich jetzt ins Gesicht: „,Schon damals gab es solche, die statt der Ehre den Nutzen wählten und denen keine Herrschaft demütigend erschien, wenn sie sie bereicherte. Der sklavische Materialismus, Frucht und Mittel jeder Tyrannei, er war es, dem wir unterlagen, und auch ihr, Mitbürger …‘ Der Alte breitete die Arme aus, er spannte sich zu dem letzten Schrei seines Gewissens. ‚Mitbürger, auch ihr lauft heute Gefahr, von ihm verraten und seine Beute zu werden! Dieser Mensch soll sprechen!‘“

    Und fast wirkt Diederich schon erledigt, weil alle zu wissen glauben, dass er sein Haus an Wulckow verkauft habe. Sie kennen seinen Hintermann. Ist er erledigt? Beinah. Denn Diederich ist tatsächlich ein begnadeter Wahlkämpfer. Selbst davon lässt er sich nicht umpusten. „Er stammelte etwas von Verleumdung, das Herz flog ihm, einen Augenblick schloß er die Augen, in der Hoffnung, er werde umfallen und der Sache überhoben sein. Aber er fiel nicht um – und als nichts anderes mehr möglich war, kam ihm ein ungeheurer Mut.“

    Denn jetzt sieht der Leser zu, wie einer in Wahlkämpfen überlebt. Er trumpft auf. Hätte man auch ohne „f“ schreiben können. Denn genau so hat es ja der Donald auch gemacht. Das Wahlvolk interessiert sich nicht für die Werte, für die ein Buck steht. Es will Kämpfer und Sieger sehen. Wer zaudert, ausweicht, zurückweicht, hat schon verloren. Das weiß ein Donald. Und Diederich weiß es auch. Deswegen hat er ja den Brief des alten Klüsing mitgebracht, in dem eigentlich nur steht, dass der seine Fabrik verkaufen will. Aber in Wahlkämpfen wird alles Munition, erst recht das, was keiner beweisen kann.

    Wahlkämpfe werden nur zu gern aus lauter Fakenews und „alternative facts“ gemacht. Hauptsache, man trägt sie so herausfordernd vor, dass alle sie glauben. Und als Diederich gar behauptet, Bucks Parteifreunde wären losgegangen und hätten versucht, Klüsing ein Grundstück für das von ihnen gewünschte Säuglingsheim abzukaufen (auf Kosten der Stadt), tobt der Saal. Denn auf einmal scheint Diederichs Mauschelei mit von Wulckow austariert. Die anderen sind ja doch nicht besser. Und das trifft, weil gerade Bucks Ruf davon lebt, dass er immer eine ehrliche Haut war.

    Und weil Diederich den Namen des alten Kühlemann in den Raum wirft, der ja sein Geld an die Stadt vererben will, wird bei Kühlemann zu Hause angerufen.

    Doch Kühlemann ist tot. Gerade gestorben.

    Diederich triumphiert, denn jetzt scheint alles für ihn zu sprechen und seine dreiste Behauptung, er wisse, wer da zum alten Klüsing gegangen sei. Er wirft die Namen einfach in den Raum, obwohl er nichts beweisen kann. Es ist wie bei Donald: Behaupte es einfach, so laut und rücksichtslos, wie du kannst, und bring die anderen in Erklärungsnot.

    Kühlemanns Tod erscheint zumindest Pastor Zillich wie ein „Fingerzeig Gottes“.

    Doch die Verkündung des Todes lässt den Tumult im Saal abflauen, „das Eingreifen des Todes in die Politik machte aus Parteien Leute; sie sprachen gedämpft und verzogen sich. Als er schon draußen war, erfuhr Diederich noch, der alte Buck habe eine Ohnmacht erlitten.“

    Augenscheinlich ging es auch Heinrich Mann so: Ihn widerte die Art, wie einige Patrioten Politik machten und dabei auf Gefühlen herumtrampelten, lärmten, verunglimpften und den Wahlkampf mit Gerüchten aufheizten, sichtlich an. Nicht sein Diederich leidet. Der fühlt sich in diesem Gelärme sichtlich pudelwohl. Da kann er K.o-Schläge austeilen, muss aber keine Gefühle zeigen. Während der alte Demokrat Buck mit all seinen Gefühlen dabei ist und zutiefst getroffen ist. Es hat sich etwas geändert, in diesem friedlichen und freisinnigen Netzig.

    Und im Grunde schildert Heinrich Man hier ja etwas, was die Historiker immer nur der Weimarer Republik angekreidet haben. Aber das stimmt eben nicht: Die Radikalisierung hat in Deutschland schon viel früher begonnen. Und die ersten, die glaubten, in ihrer heiligen patriotischen Mission mit jedem Mittel fechten zu dürfen, waren des Kaisers nagelneue Nationalisten. Solche wie Diederich.

    Und aus der Geschichte wissen wir, dass das erst der Anfang ihrer Radikalisierung war.

    Deswegen machen wir jetzt lieber Pause und blättern um.

    Das „Untertan-Projekt“.

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