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Das Untertan-Projekt: Diederich sieht die schäbige Rückseite der Macht

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    Eben glaubt man noch: Jetzt ist der Groschen bei Horst – sorry: Diederich – gefallen, schon fällt man als Leser in ein tiefes Loch. Aber da bin ich jetzt schon zu weit vorgeprescht – mitten in den Wahlkampf in Netzig. Auch das ist nicht neu, dass sich politische Karrieristen benehmen wie ... da fällt mir jetzt kein Wort zu ein. Eher staune ich, wie Heinrich Mann seinen Untertanen seziert. Denn Untertanen sind zerrissene Menschen. Sie dürfen nicht ganz sein.

    Und sie müssen ihre eigentlichen Gefühle tief unten verstecken. Die Gefühle für Agnes (der es zum Glück gut geht) und Schwester Emmi (die zutiefst verzweifelt ist) sind nur die erste Schicht, die unter Diederichs antrainierter Rüstung zum Vorschein kommt. Die Rüstung ist gewachsen, als er das rabiate Welt- und Erziehungsbild seines Vaters übernahm und als er das ganze elitäre Regelwerk der Burschenschaft Neuteutonia verinnerlichte.

    So wie tausende junger Bürgerlicher im Wilhelminischen Kaiserreich. Das betont Heinrich Mann nicht extra, deswegen fällt es einem nicht auf, wenn man Diederich immerfort vor Uniformen strammstehen und die Hacken zusammenknallen sieht oder wenn er von Höhergestellten wie Herrn von Wulckow regelrecht beleidigt und erniedrigt wird und hinterher trotzdem stolz darauf ist, dass „die Macht“ so mit ihm gesprochen hat. Ihn also überhaupt erst einmal wahrgenommen hat.

    Und damit akzeptiert hat. Das erst gibt ihm – gefühlsmäßig – einen Wert.

    Er hat nicht gelernt, die Wertschätzung durch Menschen, die ihn bedingungslos lieben (wie Agnes) oder respektieren (wie die beiden Bucks) als Wert zu begreifen. Im Gegenteil: In seinem Kopf läuft permanent eine Verunglimpfung dieser aus seiner Sicht heimtückischen Annäherungen statt. Er unterstellt den Frauen genauso viele heimliche Hintergedanken wie dem leutseligen alten Buck, der versucht, mit ihm gemeinsam Politik in Netzig zu machen.

    Man merkt schon: Es spiegelt sich erstaunlich viel 21. Jahrhundert in diesem Buch. Als hätten wir allesamt nichts daraus gelernt, was da ein Jahrhundert lang bei uns abrollte. Als wäre die Rolle als Untertan die wünschenswerteste, die sich ein Bewohner der Komfortzone Deutschland nur wünschen kann.

    Und logischerweise erlebt Diederich, als er nun am frühen Morgen den feigen Leutnant von Brietzen besucht, sein Waterloo. Er weiß schon vorher, dass es ein Waterloo wird, denn genauso hat er sich ja dem Vater von Agnes gegenüber verhalten – mit einem sauschlechten Gewissen. Und vielen faulen Ausreden, an die er selbst nicht glaubte. Bis hin zu der feigen Ausrede, ja doch ganz würdevoll den Komment seiner Burschenschaft eingehalten zu haben.

    Deswegen ist er ja so eiligst aus Berlin abgereist.

    Und nun kommt ihm Leutnant von Brietzen genauso – nur dass der sich nun auf seine Offiziersehre, oder was immer die Herren in Uniform dafür halten, rausreden konnte und Diederich abserviert wie eine störende Fliege. Am Ende lässt er ihn gar von seinem Burschen aus dem Raum drängen. Sich vom Burschen des schon längst fluchtbereiten Leutnants „die Fresse einschlagen lassen“, das will Diederich doch lieber nicht.

    Er tröstet sich damit, dass er dem Leutnant wenigstens seine Meinung angedeutet hat.

    Aber in ihm kocht es. Und weil es kocht, hat Diederich seine eigentlichen Gefühle nicht mehr im Zaum. Denn eigentlich ist seine Beziehung zur Macht immer eine doppelte gewesen: Er betet sie an, weil sie so übermächtig und gewalttätig ist. Und er hasst sie.

    Und jetzt bricht es aus ihm heraus: „Wenn Sie meinen, für Ihre Frechheiten bewilligen wir Ihnen auch noch die Militärvorlage! Sie sollen sehen, was Umsturz ist!“

    Und das von Diederich.

    Aber sogar das gibt zu denken. Denn es zeigt einen Mechanismus. Einen fatalen, der auch heute noch funktioniert. Denn wie sonst werden unzumutbare Gesetze durch die Parlamente gebracht, obwohl vorher das halbe Parlament wütet und sich wehrt und von Unzumutbarkeiten spricht? Wie viel Erniedrigung und Überwältigung steckt dahinter, wie viel Zerstörung an Mut und Selbstbewusstsein, die sich hinter so fatalen Worten wie Fraktionszwang und Parteidisziplin verstecken? Wie wenige haben die Kraft, sich gegen diese Zumutungen der Mächtigeren zu wehren?

    Nur so als Frage.

    Beispiele aus den letzten 20 Jahren kann sich jeder selbst zusammensuchen. Es gibt genug mehrheitlich beschlossene Zumutungen.

    Und natürlich hat das Folgen.

    Das deutet sich ja nur an, wenn Diederich nun „draußen in der einsamen Allee“ weiter wütet mit sich allein. „Das kann euch schlecht bekommen! Wenn wir mal Schluss machen!“

    Da hört er sich schon an wie ein wütender Sozi. Aber Heinrich Mann lässt uns beinah belustigt zuschauen, wie Diederich seine Wunden ganz schnell wieder verschließt und die Rüstung in Ordnung bringt. Nur keine Blöße!

    Denn was würde er jetzt tun, wenn er das, was er eben gesagt hat, auch ernst meinte? Er müsste seinen nationalen Kumpanen die kalte Schulter zeigen und zu Buck fahren und sich entschuldigen und endlich anfangen, über sich selbst als Mensch nachzudenken. Gefühle also auch zulassen.

    Aber sein Vater hat ihm ja eingebläut, dass man – „als deutscher Mann“ – keine Gefühle zeigt.

    Gottchen, diese „deutschen Männer“.

    Und so zwingt er seine Gedanken ins Glied zurück, „selbst die Natur, mochte sie schmeicheln oder die Zähne zeigen, war ohne Einfluß auf die Macht, die Macht über uns, die ganz unerschütterlich ist. Mit dem Umsturz war leicht drohen; aber das Kaiser-Wilhelm-Denkmal?“

    Und schnurstracks ist er wieder bei dem Mantra, mit dem er sich eingerüstet hat und mit dem er selbst seine tiefsten Erniedrigungen für notwendig erklärt: „Wer treten wollte, mußte sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht. Diederich, nach seinem Anfall von Auflehnung, fühlte schon wieder den heimlichen Schauer dessen, den sie tritt …“

    Nur als er nach Hause kommt und seine verzweifelte Schwester Emmi am Fenster sieht, merkt er, dass ihm diese mächtige Selbstermahnung gar nichts nützt: „Die Macht war wohl erhebend, aber wenn es die eigene Schwester traf – ‚Ich habe nicht gewußt, daß es mir so nahegehen würde.‘“

    Inwendig weiß er, dass er eine Niederlage erlitten hat und wie ein Hund behandelt wurde. Und er weiß auch, dass er daran gar nichts ändern kann.

    Es ist ausgerechnet das stille Leiden seiner Schwester, das ihm die Wahrheit zeigt. Die Wahrheit über das, was einige Leute als „die Macht“ bezeichnen. Aber er kommt nicht wirklich heraus aus dieser Schleife. Dazu fehlt ihm was.

    „Der Leutnant, der das alles veranlaßt hatte, verlor erheblich gegen sie – und mit ihm die Macht, in deren Namen er triumphiert hatte. Diederich erfuhr, daß sie manchmal einen gemeinen und niedrigen Anblick bieten könne: die Macht, und alles, was in ihren Spuren ging, Erfolg, Ehre, Gesinnung.“

    Wir sehen ihn ein paar Momente lang verzweifelt.

    Aber wie das so ist, wenn einer erst mal zum Nachdenken gekommen ist: Der nächste Wahltag kommt und ein Diederich stürzt sich wieder so blind ins Gefecht wie zuvor.

    Wir blättern um.

    Das „Untertan-Projekt“.

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