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Das Untertan-Projekt: Diederich spielt den edlen Retter für Guste Daimchen

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    Wolfgang Bucks Problem ist: Im Gerichtsaal ist er mutig und wächst über sich empor. Aber im Privatleben ist er ein Feigling. Er traut sich nicht, Guste Daimchen zu sagen, dass er die Verlobung auflösen möchte und lieber nach Berlin geht. Es ist eine der burschikosesten Szenen in diesem Buch, wie er ausgerechnet unseren Diederich dazu überredet, mit ihm gemeinsam zu Guste in die Schweinichenstraße 77 zu gehen.

    Über den Straßennamen darf sich jeder selbst seine Gedanken machen. In Heinrich Manns Roman sprechen alle Namen – auch die der Protagonisten, die er auf die Bühne schickt, um dort Theater zu spielen. Denn während Wolfgang Buck, der ja als Rechtsanwalt einfach in die großen Fußstapfen seines Vaters treten könnte, lieber nach Berlin ans Theater will, spielt Diederich tatsächlich die ganze Zeit Theater.

    Haben wir geschrieben, dass wir es nicht verstehen?

    Natürlich verstehen wir ihn ein bisschen. Und das hat mit Psychologie zu tun. Man vergisst es ja beinah beim Lesen, wo doch alles auf Kaiser Wilhelm II., Nationalismus, Säbelrasseln und bucklige Anbetung der Macht hin geschrieben ist.

    Aber es ist auch das Jahrzehnt, in dem Sigmund Freud die Grundlage der Psychoanalyse legte. Und sein Forschungsobjekt waren ja die unterdrückten Triebe und Sehnsüchte der Kleinbürger. In ihren Träumen kamen diese unterdrückten Sehnsüchte zum Vorschein. Auch wenn manches an Freuds Theorie heute hinterfragt wird, hat sich an seinem Forschungsgegenstand ja nichts geändert:

    Wenn Menschen ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht erfüllen, weil die gesellschaftlichen Konventionen das verbieten, dann entstehen zwielichternde Persönlichkeiten. Solche wie dieser Diederich, in dem noch immer das weiche, empfindsame Kind steckt, das sich manchmal meldet und ihn sich schämen und stottern und hilflos sein lässt. Dann zerbricht die Rolle, die er sich eingeübt hat. Denn das, was er nach außen zeigt, ist Rolle. Die legt er nicht einmal zu Hause ab, wenn er mit seinen Schwestern umgeht wie ein Zirkusdompteur.

    So wie Heinrich Mann Diedrichs Beziehung zu Vater und Mutter geschildert hat, wäre das eigentlich ein ausgewachsener Ödipus-Komplex. Samt Kastrations-Angst. Ob das – wie bei Freud – auch noch mit einem „Begehren der Mutter“ zu tun hat, darf man bezweifeln. Aber die absolute Identifikation mit und die Unterordnung unter den gewalttätigen Vater waren ja offensichtlich. Und sein ganzes Erwachsenenleben ist geprägt von der Suche nach neuen, autoritären und rücksichtslosen Vatertypen. Denn nichts anderes ist der Regierungsrat von Wulckow ja für ihn. Mitsamt der völlig unmotivierten Bestrafungsandrohung – ihn einfach wegen Beamtenbeleidigung inhaftieren zu lassen.

    Und Diederich wertet diese unheildrohende Begegnung auch noch positiv, gibt sich stolz, mit dem Regierungspräsidenten gesprochen haben zu dürfen. Dass der ihn verdonnert hat, sein eigenes Haus zu verkaufen, behält er lieber für sich. Ganz der brave Sohn, der den väterlichen Befehl zwar nicht versteht, aber auch nicht wagt, gegen eine Zumutung aufzubegehren.

    Es war wohl einer der größten Fehler von Sigmund Freud, die Übertragung der psychoanalytischen Forschungsergebnisse auf gesellschaftliche Phänomene innerhalb der Forschergruppe zu untersagen. Und bekanntlich hat er sich dort selbst genauso wie ein unberechenbarer Vater benommen und den Psychiater Otto Groß aus der Familie verbannt wie einen verstoßenen Sohn.

    Das Ergebnis ist: Die Wahrnehmung seiner Lehre fokussierte sich auf die eher delikaten Seiten mit Inzest, Hysterie und Neurosen. Die Beeinträchtigung des gesunden Selbst bleibt Privatsache und niemand sieht, wie diese zerstörten Egos durch ihr Handeln nicht nur das zerstörerische Verhalten weitertragen, sondern die ganze Gesellschaft deformieren.

    Und wie das geht, wird ja an Diederich sichtbar: Die vermeintliche Erwartung, wie er sich „als deutscher Mann“ zu verhalten habe, bestimmt sein Benehmen. Die Pausen der Sprachlosigkeit sind Pausen, in denen er sich nicht nur hinter seine verächtliche und herausfordernde Maske zurückzieht, sondern sich auch innerlich wieder das gibt, was einige Leute „sich einen Ruck geben“ nennen.

    Und dass es diese Leute gerade in wichtigen politischen und medialen Positionen immer noch gibt, zeigte ja die helle Begeisterung der Kommentatoren über die berühmte „Ruck-Rede“ von Bundespräsident Roman Herzog im Jahr 1997, dem letzten Jahr der Kohl-Regierung: „Durch Deutschland muß ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen, vor allen Dingen von den geistigen, von den Schubläden und Kästchen, in die wir gleich alles legen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen …“

    Und als dann Horst Köhler 2004 im Amt folgte, vermisste er auch gleich mal den Ruck. Man sieht regelrecht vor sich, wie sich alle ZUSAMMENREIẞEN, STRAFFE HALTUNG ANNEHMEN und (Jawoll, Herr Bundespräsident!) mit erhobenem Kopf, durchgedrücktem Kreuz und erhobenem Kinn ans Werk gehen. Und rucken.

    Es ist dieselbe steife, unlebendige Sprechweise wie bei Wilhelm II. Und bei Diederich. Denn wenn er jetzt auf einmal von seinen Gefühlen gegenüber Guste Daimchen reden sollte, der er ja mit seinen perfiden Gerüchten sehr böse mitgespielt hat, kommt nichts anderes als ein „Gefühl der Verantwortlichkeit“. Klingt modern, nicht wahr?

    Unsere Ruck-Meister lieben solche Phrasen noch immer, in denen irgendetwas Gefühliges anklingt, aber kein Gefühl steckt. Nur steife Theaterrolle. Denn eigentlich müsste ja Diederich vor Guste auf die Knie fallen und sie wirklich um Verzeihung bitten, weil sie zumindest ahnt, wer das fiese Gerücht in die Welt gesetzt hat und auch die ganze Zeit gegen Wolfgang Buck intrigiert hat.

    Aber im Gegenteil. Die Rolle des „deutschen Mannes“ eignet sich prima, alle Verantwortung von sich zu weisen und sich in höherer patriatischer Moral zu sonnen, was man für gewöhnlich Scheinheiligkeit nennt. Und Diederich weiß, dass er scheinheilig ist, wenn er jetzt seine scheinbar höhere moralische Position nutzt, Guste noch einmal zurechtzuweisen und ihr klarzumachen, was für ein Opfer es ist, wenn er jetzt tatsächlich die Rolle übernimmt, die Wolfgang Buck nicht mehr haben wollte.

    Aber erst, nachdem das mit dem Geld geklärt ist.

    „Er hat mich doch selbst angestellt, daß ich sollte seinen Kochtopf umrühren. Und wenn der Kochtopf nicht in braune Lappen eingewickelt gewesen wäre, hätte er ihn schon längst überkochen lassen.“

    Mit dem Kochtopf war Guste Daimchen gemeint.

    „Haben Sie ‘ne Ahnung! Das ist es ja, das kann ich ihm nicht verzeihen, daß ihm immer alles wurscht war, sogar mein Geld.“

    Was einem diesen Buck ja sogar sympathisch macht: Er wollte Guste nicht wegen ihres Geldes heiraten, auch wenn ein Gerücht von anderthalb Millionen Mark durch Netzig wabert. Ihm waren die ganzen Netziger Abhängigkeiten wurscht, wie Guste sagt. All die Abhängigkeiten, auf die Diederich nach außen hin Rücksicht nimmt. Moralisch sauberer steht einer in so einer Kulisse nicht da, wenn er sich seinen Lebenstraum erfüllt oder gar die Liebe seines Lebens heiratet, sondern wenn er sich wie Diederich hinstellen kann und mit „schneidender Betonung“ verkündet, „jemand hat im Gegenteil die allerernstesten Ansichten vom Leben, und er empfindet modern und großzügig, und im vollen Gefühl der Verantwortlichkeit gegen sich selbst sowohl als gegen seine künftigen Kinder, wie gegen Kaiser und Vaterland übernimmt er den Schutz des wehrlosen Weibes und zieht es zu sich empor.“

    Das ist reiner Wagner. Und die beiden landen, nachdem Guste diesem schneidigen Diederich tatsächlich zu Füßen gefallen ist, hernach tatsächlich im Lohengrin. Oper zu Oper. Und dabei haben beide ganz beiläufig nur geklärt, dass es die ganze Zeit ums Geld geht. Denn mit Gustes Geld kann Diederich seine Fabrik retten. Darüber hat er ja schon viele Seiten vorher spekuliert.

    Jetzt ist die Sache geklärt, er kann sich wie ein edler Lohengrin benehmen und das „gefallene Weib“, das Guste ja gar nicht ist, zu sich emporziehen. Der Mann, den er sich immer vorstellt und dessen Rolle er spielt, steht heldenhaft auf hohem Sockel und redet auch dann noch edles Zeug, wenn er sich die ganze Zeit schäbig und intrigant verhalten hat.

    Zumindest eines aber wissen wir von Guste: Sie kennt das Spiel. Sie hat Diederich schon damals im Zug Paroli geboten. Wer so einen deutschen Helden heiratet, weiß, wo man den Pantoffel hinhängen muss. Sind eben harte Zeiten. Da heiligt der Zweck auch noch diese Verlobung. Und das Schöne ist: Als beide im Lohengrin sitzen, bemerken sie verwundert, dass es auch in dieser Kostümklamotte die ganze Zeit nur um ein fieses, falsches Gerücht geht, das am Ende nur noch einer heilen kann, indem er das besudelte Weib zu sich emporzieht: Lohengrin.

    Was für eine Klamotte.

    Vorhang runter.

    Atem holen für den nächsten Akt.

    Das „Untertan-Projekt“

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