Seiten 365 bis 368

Das Untertan-Projekt: Wahlkampf auf die nationale Art

Für alle LeserAufatmen ist nicht für diesen Diederich. Denn der Wahltag kommt heran. Und augenscheinlich war es auch schon 1893 so, dass dieses Gerammel um Wählerstimmen und Sitze die Parteisoldaten hysterisch machte. Jedenfalls die, die ihre Wahlabsprachen mit lauter faulen Deals hintersetzt haben. Bis keiner mehr wusste, wer eigentlich mit wem alles faule Deals geschlossen hat. Und das prasselt nun alles auf Diederich herein. Sein Maschinenmeister Napoleon Fischer marschiert ihm schnurstracks eines Morgens einfach ins Schlafzimmer.

Denn wie das so ist mit faulen Deals: Wer den Sozis Unterstützung und ein Gewerkschaftshaus verspricht, um ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal zu bekommen, dem traut man auch zu, dass der auch gleich mal mit den verfeindeten Freisinnigen einen faulen Deal gemacht hat.

„Sie haben sich bei Heuteufel angebiedert. Er hat Ihnen Ihr Denkmal schon bewilligt. Wenn sie nicht gleich heute mit fliegenden Fahnen zu ihm übergehn, dann tun Sie es sicher bei der Stichwahl und treiben schnöden Volksverrat.“ Das muss sich Diederich sagen lassen, wo er noch im Bett liegt. Breitbeinig steht sein Maschinenmeister davor und droht. Auch gleich mal mit Streik. Wenn er nicht in den Reichstag kommt, will er ganz Netzig bestreiken lassen.

Das sind einem dann doch sehr seltsame Wahlverbündete. Und das Wort „Deal“ schlüpft einem so durch, weil das heute unter den Nationalprotzen ja wieder das Mittel der Wahl zu sein scheint, auch wenn am Ende nichts herauskommt als heiße Luft.

Oder wie bei Diederich ein heiseres: „Seine Majestät, der Kaiser, hurra!“

Aber da ist der finstere Fischer schon längst wieder raus aus seinem Schlafzimmer.

Der Wahlkampf hat ihn wieder. Oder eben das, was sich in Wahlkomitees so entspinnt, wenn noch nichts gewählt ist. Man beäugt die Feinde und redet sich groß. Wahlumfragen gab’s ja noch nicht. Da konnte man sich noch alles Ausspinnen bis zum letzten Tag. Auch die gemutmaßten Intrigen der Gegenpartei. Denn wenn man selber trickst und mit falschen Karten spielt, traut man das ja auch den anderen zu.

Ein hübscher Gedanke. Kann es sein, dass unsere heutigen nationalen Plaudertaschen genauso ticken? Dass sie ihre Berechtigung, mit falschen Karten und „fakenews“ zu arbeiten, daraus ziehen, dass sie den anderen so eine Handlungsweise einfach auch mal unterstellen? Man muss es ja nur behaupten. Oder mit den Worten des Cleverles Thilo Sarrazin, der sogar dann PR kriegt, wenn keiner ihn drucken will: „Das muss man doch mal sagen dürfen.“

Das müsste man jetzt mal einen guten Schauspieler einlesen lassen – so hingenuschelt, damit keiner merkt, dass da einer schon beim Reden weiß, dass er sich eine Bosheit herausnimmt: „Mussmndchmlsgendrfn.“

Muss man bestimmt.

Was solche Leute halt so müssen.

Meinen ist alles. Verdächtigen gehört dazu. Etwa dass die Partei der Freisinnigen immer noch alles unternimmt, um die Wähler für ihren Kandidaten, den Doktor Heuteufel, zu gewinnen.

Wie liest sich das dann in der Interpretation unserer strammen Nationalen? So: „Der Korruption des demokratischen Klüngels war alles zuzutrauen!“

Auch dass sie stramme Nationale mit eigenen Versprechungen ködern, so wie Diederich seine neuen Kumpels geködert hat mit Versprechungen für den Tag nach der Wahl. Wenn man selbst der festen Überzeugung ist, dass Wahlen aus lauter Korruption bestehen, dann bekommt man natürlich lauter seltsame Freunde, die das Fell schon verteilen, bevor die Schlacht geschlagen ist. Zumindest ahnt Diederich, dass er und seine nationalen Freunde vielleicht doch noch nicht gewonnen haben. Und dafür hat er ja Major Kunze auch nicht zum Kandidaten gemacht. Denn eigentlich haben ja die Freisinnigen den Reichstagssitz seit Jahren fest in der Hand. Und bekommen soll ihn ja – Napoleon Fischer.

Über diese heimliche Verbundenheit mit den Sozis staunt man nur die ganze Zeit. Aber das kommt dabei heraus, wenn man mauschelt. Man kommt in Nöte, so wie Diederich am Tag nach der Wahl, als sich herausstellt, dass ausgerechnet Heuteufel haushoch führt, Napoleon Fischer Zweiter ist und die Nationalen ausgerechnet in der Stichwahl entscheiden, wer von beiden in den Reichstag kommt. Da werden Diederichs faule Deals „zur nationalen Sache“. Denn wenn Fischer nicht in den Reichstag kommt, will er streiken lassen.

Und da wird es dann ganz verquer: Diederich muss eilen, um Pastor Zillich davon abzubringen, Zettel zu kleben, auf denen die Nationalgesinnten aufgefordert werden, im zweiten Wahlgang Heuteufel zu wählen. Die Freisinnigen haben längst selbst geklebt: Sie seien ja selbst national.

„Der Trick des alten Buck enthüllte sich vollends …“

Da ahnt er noch nicht, dass ihm der Briefträger Munition ins Haus tragen würde, mit der er die Freisinnigen so richtig aufmischen würde. Eigentlich ist es wieder nur ein Deal, an dem wahrscheinlich ein mächtiger Mann im Hintergrund gedreht hatte. Der alte Klüsing will seine Fabrik an Diederich verkaufen. Etwas, was sich ja schon abzeichnete, auch wenn Diedrich seine eigene kleine Fabrik in Grund und Boden gewirtschaftet hat. Sogar Sötbier, den erfahrenen Buchhalter, hat er gefeuert. Er ist kein angenehmer Unternehmertyp, dieser Diederich Heßling. Kein Wunder, dass Napoleon Fischer keine Achtung vor ihm hat.

Und dass ein Nachsatz im Brief des alten Klüsing zur Wahlkampfmunition wird, hat auch nur damit zu tun, dass Diederich seine Rüstung längst wieder geschlossen hat. Nur die Begegnungen mit der nun in schwarzen Trauerflor gekleideten Emmi erinnern ihn daran, dass er mal sein Herz hat gucken lassen.

Jetzt geht es gegen andere Leute, die er in seinem Kopf längst zu Feinden erklärt hat. Das Kaiserwort mit dem „Pardon wird nicht gegeben!“ wird zwar erst später fallen. Aber dieser Kaisertreue denkt, wenn es um Politik geht, schon genau so: „Wer da noch Schonung übte, machte sich mitschuldig. Diederich prüfte sich. ‚Schonung wäre geradezu ein Verbrechen. Sehe jeder, wo er bleibe! Hier heißt es rücksichtslos vorgehen. Dem Geschwür die Maske herunterreißen und es mit dem eisernen Besen auskehren! Ich übernehme es im Interesse des öffentlichen Wohles, meine Pflicht als nationaler Mann schreibt es mir vor. Es ist nun mal eine harte Zeit!‘“

Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass solche Typen schon wieder überall herumlaufen und sich anmaßen, aus ihrer „Pflicht als nationaler Mann“ heraus die Stimmung anzuheizen, bis alle glauben, „Schonung wäre geradezu ein Verbrechen“. Es müsse ausgekehrt werden. Und zwar so gnadenlos, dass immer mehr Menschen es mit der Angst bekommen und Angst haben müssen, wo sie bleiben?

Es sieht ganz so aus. Mit „harten Zeiten“ lässt sich augenscheinlich jede Gnadenlosigkeit begründen. Man muss sie nur herbeireden.

Die Chance dazu hat Diederich „am Abend darauf“.

Weil’s aber da wirklich haarig wird, machen wir eine kleine Pause. Zum Verschnaufen.

Es ist eine der vielen Stellen, an denen man das Buch beiseitepfeffern will, weil einem dieser Typus zu lebendig wird. Es sind diese saturierten Diederiche, die immer behaupten, sich um das „öffentliche Wohl zu kümmern“, wenn sie gnadenlos werden. Denn sie erklären ja die anderen zum „Geschwür“.

Mit Worten fängt es an.

Immer.

Das „Untertan-Projekt“.

Untertan-Projekt
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