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Gebt ihnen einen Namen: Das war eigentlich auch das Anliegen der Initiative, die jahrelang darum kämpfte, dass am Alten Rathaus auch in irgendeiner Weise an die Hexenverbrennungen erinnert wird. Dort gibt es seit 2021 tatsächlich eine Tafel, die dieses finstere Kapitel in der Leipziger Stadt- und Rechtsgeschichte sichtbar macht.
Aber das Beklemmende dabei, so fand der Leipziger Andreas Uhde, ist die simple Tatsache, dass die Tafel keine Namen der Opfer nennt. Die unter fadenscheinigen Beschuldigungen hingerichteten Frauen bleiben anonym. Das geht auch anders, fand er. Und wandte sich an die Stadt. Ohne Erfolg.
„Im Frühjahr dieses Jahres habe ich mich an die Stadt Leipzig gewandt mit der Bitte um eine Gedenktafel für die Opfer der Hexenverfolgung. Die Antwort der Stadt war eindeutig: Es habe sich nichts Neues ergeben, man plane nichts Weiterführendes, und man sei dankbar für die bestehende Tafel ‚so wie sie ist‘“, erklärt Andreas Uhde gegenüber der LZ.
„Das hat mich nicht losgelassen. Denn die bestehende Tafel nennt Zahlen – ‚mindestens 250 Frauen, Männer und Kinder, davon 72 zum Tod‘ –, aber keine Namen. Kein einziger Name. Kein Gesicht. Keine Geschichte. Für mich sind diese Menschen keine anonyme Zahl. Es sind Menschen mit Namen. Mit Leben. Mit Würde.“
Hohe Zahlen, keine Namen
Wie belastbar die Zahl auf der Tafel am Alten Rathaus ist, ist offen. Die hohe Zahl von 250 Urteilen bezieht sich wohl eher auf ganz Kursachsen. In einem Beitrag für das „Jahrbuch der Leipziger Stadtgeschichte 2022“ untersuchte die Historikerin Madeleine Apitzsch die in Leipzig verfügbaren archivalischen Quellen.
Ihr Befund: „Mit Abzug der zweifelhaften Fälle und unter Berücksichtigung des Zaubereivorwurfs aus Zweenfurth sowie des Prozesses von 1618 wurden im Amt Leipzig zwischen 1479 und 1730 mindestens fünfundzwanzig Zauberei- und Hexenprozesse sowie eine Injurienklage, die sich auf eine zuvor erfolgte Anschuldigung des Drachenhaltens bezog, verhandelt.“
Und weiter: „Im Amt Leipzig wurden im Zeitraum von 1479 bis 1730 Hexereivorwürfe gegen fünf Männer, siebzehn Frauen und drei minderjährige Knaben erhoben.“ Die Quellenlage ist so lückenhaft, dass es nur zu sieben Personen vollständige Prozessakten gibt und insgesamt zu neun Personen detaillierte Informationen.
Dass Andreas Uhde nicht mehr Namen gefunden hat, ist also verständlich.
„Ich habe recherchiert. Ich habe Namen gefunden. Namen wie:
· Margaretha Liebler
· Margarethe Schultze
· Elisabeth Schuncke
· Maria Gottlöber
· Catharina Heiler
· Anna Maria Freygang.“
Zeit der Torturen
Er vermutet zwar noch „viele mehr, deren Namen niemand mehr kennt“. Aber genau das ist das Irreführende an der 2021 am Alten Rathaus angebrachten Tafel. Die dort verzeichneten Zahlen zeigen eben nicht die „Hexenverfolgung in Leipzig“, sondern die in ganz Kursachsen, auch wenn diese Prozesse in Leipzig verhandelt wurden.
Der Beitrag von Madeleine Apitzsch schildert dann freilich auch, welche Tortur die Beschuldigten erlebten, um ihnen – teils mit Folter – ein Geständnis abzuzwingen. Eine der beschuldigten Frauen starb sogar während dieser Folter.
Gerade da wird die Grausamkeit der Hexenverfolgung erst sichtbar, die ein Phänomen der Neuzeit ist. Was oft vergessen wird.
Und die Opfer kamen auch nicht alle auf den Scheiterhaufen. Belegt sind zwei Verbrennungen von Frauen, aber auch eine Enthauptung und ein Urteil mit Wangenbrennen und Stäupen. Zwei Männer wurden gerädert. Ab 1598 fielen die Urteile deutlich zivilisierter aus. Die Prozesse endeten eher mit Freilassung, Geldleistung, Gefängnis oder Urfehde.
Aber selbst wenn man diese Fakten kennt, erscheint die Tafel am Alten Rathaus eher irreführend und ungenau. Und auch völlig ungenügend, wenn es um die Schicksale der getöteten Personen geht.
Ein Ort für die Namen
Und so kämpft Andreas Uhde jetzt darum, dass die wegen Hexerei getöteten Frauen jetzt eine eigene Gedenktafel bekommen
„Ich habe eine eigene Gedenktafel entworfen. Mit ihren Namen. In großen Buchstaben. Damit sie nicht vergessen werden. Damit sie sichtbar werden. Damit ihnen das zurückgegeben wird, was man ihnen genommen hat: ihre Würde“, erklärt er. Und weiß auch, wo der richtige Ort für die Anbringung der Tafel wäre.
„Der richtige Ort für diese Tafel wäre meiner Meinung nach der Rabensteinplatz – die alte Richtstätte. Dort, wo einst Menschen wegen angeblicher Hexerei verurteilt und hingerichtet wurden. Dort, wo ihre Schreie verhallten. Dort, wo ihre Asche verwehte. Dort sollte ihr gedacht werden“, sagt er. Es ginge ihm nicht darum, „die Stadt anzuklagen. Nicht, um Schuld zuzuweisen. Sondern um den Opfern eine Stimme zu geben. Um die Erinnerung wachzuhalten. Um zu zeigen, dass es Menschen gibt, die nicht vergessen wollen.
Die Hexenverfolgung ist kein abgeschlossenes Kapitel. Sie wirkt bis heute nach. In der Scham. Im Schweigen. In der Angst. Und in der Art, wie wir mit denen umgehen, die anders sind.“
So wird das ein ganz gegenwärtiges Thema. Der Rabensteinplatz wurde übrigens bis 1822 als Hinrichtungsstätte genutzt. Die Hinrichtungen wurden hier öffentlich zelebriert. Und zwar nicht – wie in vielen Filmen so dargestellt – als blutiges Theater mit einem begeisterten Publikum. Im Gegenteil: Die Bevölkerung wurde öffentlich aufgefordert, den Hinrichtungen zuzuschauen. Das galt als Mittel, das Volk zu erziehen und ihm die Folgen von Gesetzesbrüchen elementar vor Augen zu führen.
Da wird wohl eher beklemmendes Schweigen geherrscht haben, wenn der Henker seines Amtes waltete. Und für den Rabensteinplatz gab es dann auch jahrzehntelang keine Nachnutzung, weil die Erinnerung an seine finstere Geschichte noch viel zu gegenwärtig war.
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