Radtouren auf den Spuren Johann Sebastian Bachs und der Traum einer mitteldeutschen Bach-Radroute

Die Idee liegt eigentlich auf der Hand: Mit Flugzeug, Auto oder Zug kann man eigentlich nicht auf Bachs Spuren wandeln. Die sind alle zu schnell. Das Tempo im Zeitalter des berühmten Leipziger Thomaskantors gaben Pferde an, Kutschen und - wenn jemand rüstig war - Schusters Rappen. Die Idee, die die beiden Detmolder Musikstudentinnen Mareike Neumann und Anna-Luise Oppelt da 2012 hatten, lag also irgendwie auf dem Weg.
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Die beiden hatten schon vorher die Welt gern mit dem Rad erkundet, hatten auch schon mitbekommen, wie Salzburg den Mozart-Radwanderweg vermarktet. Und dann wechselte Anna-Luise Oppelt zum Gesangsstudium nach Weimar und fand sich auf einmal mitten in der Welt des Johann Sebastian Bach wieder. Weimar war eine der wichtigsten Wirkungsstätten Bachs, bevor er nach Köthen ging und dann nach Leipzig. Arnstadt und Eisenach, ebenfalls echte Bach-Städte, sind von Weimar aus locker mit dem Rad zu erreichen. Irgendwann machten sich Oppelt und Neumann auf und versuchten, auch mal mit dem Rad alle Bach-Wirkungsstätten in Mitteldeutschland zu erkunden.

„Das ist ja etwas völlig Einmaliges für so einen berühmten Musiker, dass sich sein Wirkungsfeld so auf eine Region wie Mitteldeutschland beschränkt“, sagt Anna-Luise Oppelt. Man kann alle diese Städte abradeln. Nicht an einem Tag. Ein paar Tage braucht man schon. „Aber fast überall fährt man auf einem gut ausgebauten Radwegenetz, teilweise auf berühmten Radrouten wie dem Saale-Radwanderweg“. Sie nutzte am Mittwoch, 15. April, die Chance, das Ergebnis ihrer Erkundungen in Leipzig vorzustellen. Denn die beiden musikalischen Freundinnen wollen ihre Entdeckung nicht für sich behalten.

Ein wenig rätselten sie auch: Warum gab es eigentlich noch keinen Bach-Rad-Wanderweg? Man müsste die bestehende Radwege-Beschilderung doch überall nur um Zusatzschilder ergänzen. Dafür haben die beiden sogar schon in Ministerien und Rathäusern vorgesprochen. Die Auskünfte waren im Grunde alle positiv: Das wäre jederzeit zu machen und würde auch freudigst begrüßt. Wenn irgendjemand die Zusatzbeschilderung finanziert.

„Wir haben das mal ausrechnen lassen“, sagt Oppelt. „Das würde rund 20.000 Euro kosten.“ Nur will kein Land und kein Kreis vorpreschen. Das Geld müsste jemand anders sammeln. Ein Verein zum Beispiel. „Aber wir sind zuversichtlich“, sagt Oppelt. Die auch verrät, dass ein gedruckter Reiseführer für die Bach-Radroute schon in Vorbereitung ist. Ein Verlag fehlt noch, der das Projekt unterstützt. Dann könnte Jeder, der in der warmen Jahreszeit Lust hat, auf den Spuren Bachs zu radeln, mit fundiertem Wissen losfahren.

Das kann, wer mag, auch auf geführten Radtouren bekommen. Dieses Projekt haben die beiden Musikerinnen schon 2013 umgesetzt. Erst einmal testweise, um herauszubekommen, wie weit man mit Gruppen von 15 oder 20 Leuten in überschaubaren Tagesabschnitten kommt. „Aber viel wichtiger war herauszufinden, ob es genügend Übernachtungsmöglichkeiten gibt und ob die Sehenswürdigkeiten auch geöffnet wären, wenn wir dort ankommen“, erzählt Oppelt aus der Entstehungsphase der Touren. „Viele Sehenswürdigkeiten werden nur ehrenamtlich betreut, haben nur beschränkte Öffnungszeiten. In vielen Orten haben wir heute Kontakte und können Besichtigungstouren direkt anmelden.“

Denn sie haben nicht nur die wichtigen Bachstätten in Eisenach, Weimar, Leipzig auf dem Programm, sondern machen auch an den kleinen Orten Station, die in Bachs Leben trotzdem eine Rolle spielten – am Bachstammhaus in Wechmar oder in der Traukirche Dornheim, die nur die Zeiten überlebt hat, weil die Dornheimer ihr Kirchlein nach 1990 selbst gerettet und gesichert haben. In Eisenach, Ohrdruf, Arnstadt usw. stehen richtige Stadtführungen auf dem Programm. Acht Tage dauert die „kleine“ Tour, die von Eisenach nach Leipzig führt, die Elf-Tage-Tour endet in Köthen. 2013 haben die beiden die Tour testweise erkundet. 2014 haben sie erstmals drei Touren offiziell angeboten. Und fanden großes Interesse – bei Musikern, Kantoren und Lehrern genauso wie bei jüngeren Musikinteressenten. Zwischen 30 und 83 Jahren war schon fast Alles vertreten.

Es sei eben keine Allerweltstour, betont Oppelt, die mit ihrer Freundin bislang jede Tour begleitete. Beide sorgten nicht nur für die fachkundige Information unterwegs, sondern auch für die richtige Bach-Musik am richtigen Ort.

„Das war mir, bevor wir uns mit den Orten beschäftigt haben, gar nicht so bewusst, wie sehr Bachs Musik mit den Stätten, an denen sie entstanden ist, verbunden ist“, sagt Oppelt. „Bislang dachten wir ja immer, Bach sei so was Abgehobenes. Aber wenn man die Stücke dann an den Orten hört, wo sie entstanden sind, merkt man erst, wie sehr beides zusammen hängt. Ich glaube, Bach war viel erdverhafteter, als die meisten Leute glauben.“ Man begegnet dem großen Musiker also fast direkt da, wo er gewirkt hat. Denn viele seiner Kompositionen entstanden ja direkt für die kleinen und großen Kirchen und Schlösser, in denen er wirkte, bevor er in Leipzig sesshaft wurde.

Wobei das mit dem „sesshaft“ schon wieder eine andere Schattierung bekommt, wenn man diese Bach-Welt nun mit dem Rad erkundet. Denn auch in seiner Leipziger Zeit saß ja Bach nicht wie festgenagelt am Thomaskirchhof, sondern machte durchaus wichtige Fahrten – mal zum Preußenkönig nach Berlin, mal nach Dresden, aber auch in Schlösser und Kirchen rund um Leipzig, wo er oft genug als Tester für die dortigen Orgeln gefragt war. Natürlich fuhr er nicht mit dem Fahrrad, wohl eher mit der Kutsche. Aber das Radfahrer-Tempo kommt dem wohl am nächsten.

Und das faszinierte denn auch den Bratschisten Nils Mönckemeyer, sich dem Projekt als Schirmherr zur Verfügung zu stellen. „Wenn man mit dem Rad fährt, bekommt man wieder ein ganz anderes Gefühl für Zeit, man sieht mehr von der Landschaft, nimmt Vieles überhaupt erst wahr.“ Und dieses Tempo öffnet dann auch wieder die Sinne für Bachs Musik, die auch Mönckemeyer liebt. Dass er am Mittwoch beim Ortstermin in Leipzig mit dabei war, hat mit seiner Rolle für die drei 2015 angebotenen Bach-Touren zu tun: Er spielt das Auftaktkonzert der ersten Tour am 30. Mai um 19:30 Uhr in der Georgenkirche in Eisenach. Dort spielt er Werke von Bach und Gourzi.

Dass ein Bach-Konzert am Anfang der Tour steht, gehört zum Konzept. „Wir versuchen möglichst bei jeder Tour die wichtigen Konzerte und Musikereignisse mit aufzunehmen“, sagt Oppelt. Die zweite Tour 2015 im Juni zum Beispiel endet zum Bachfest in Leipzig. Die Tour ist schon seit einem Jahr ausgebucht und wird 20 musikliebende Franzosen von Eisenach nach Leipzig bringen. Am 5. Juni werden sich die Radler auf die letzte Etappe von Weißenfels nach Leipzig auf den Weg machen.

Die dritte Bach-Tour vom 1. bis 11. August ist dann die große Tour von Eisenach nach Köthen. Und weil die beiden Musikerinnen mit der Streckenführung ausgelastet sind, haben sie sich zur Vermarktung der Touren einen professionellen Tourveranstalter gesucht, die ViadellArte.

Man muss auch nicht unbedingt musikalisch sein, wenn man mitfahre, meint Oppelt. Aber Freude am Singen sollte man vielleicht doch haben. Denn auch das Selbersingen hat seinen Platz im Programm. Und so nebenbei erlebt man ein schönes Stück mitteldeutscher Landschaft. Im Bach-Tempo, könnte man sagen.

Johann Sebastian BachMitteldeutschlandRad
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