Seit Weihnachten 2021 führt Dr. Konstanze Caysa nun bereits gezielt Gespräche. Nicht mit bekannten Persönlichkeiten, wenn man darunter Prominente versteht, sondern mit Menschen, die ihr im Alltag begegnen, die sie faszinierend findet; lohnend nachzufragen, das Gesprochene aufzuzeichnen. Und letztlich in eine Interviewform zu bringen, die möglichst original die ausgesprochenen Gedanken wiedergibt. Oft anonym, weil es manchem hilft, sich wirklich zu öffnen.

Anlass und Ausgangspunkt war sicher die Corona-Pandemie, die damit einhergehende Entfernung der Menschen auf Plätze hinter Monitoren, weg von direkten Begegnungen in Theaterhäusern und Restaurants ebenso, wie die eingeschränkte Kommunikation hinter Masken. Eine Zeit, die nicht nur Caysa als „kritischen Lebensabschnitt eine einzelne Person betreffend oder gar global die gesamte Menschheit“ bezeichnet. Eine Zeit, in welcher so manches Gespräch entfiel. Und Sicherheit.

Wenig überraschend, dass Caysa vor allem „die individuelle Selbstbestimmungsfähigkeit der Menschen im Hinblick auf Möglichkeiten des Einzelnen, sich selbst zu regieren bzw. zu lernen, sich selbst zu führen“, interessiert. Eine Haltung, „die sich der Einzelne in seinem Leben erarbeiten muss, will er ein selbstbestimmtes Leben nach seinen freien Entscheidungen privat, beruflich, politisch führen.“

Konstanze Caysa im Gespräch mit Juri M.

Juri M. Ist Student und 29 Jahre alt. Er beschreibt in verschiedensten Facetten seinen Kampf mit dem Alltag. Manchmal fühlt er sich, als ob eine „Vielheit der Kräfte“ in ihm wüten. Vielleicht macht das seine Wut, die er als „charakteristisch“ für sich beschreibt, aus.

Seine Perspektive scheint ihm manchmal die eines „Aliens“ zu sein, der nicht immer weiß, wozu er sich überhaupt noch für irgendetwas wirklich interessieren sollte. Aber er träumt von einer Zeit, in der er endlich ein echtes Interesse am Leben, an seinem ganz eigenen Leben erfährt und dementsprechend lustvoll in jeden einzelnen Tag starten kann – in seinen Alltag …

Wie geht es Ihnen?

Na ja. Wie soll ich sagen? Ich bring mal eine Situation, die immer wiederkehrt bei mir, an.

Wenn ich am nächsten Tag eine verantwortungsvolle Aufgabe hab, die echtes Können erfordert, die ich aber auf jeden Fall zugesagt hab, dann komm ich aus der Spur. Das muss auch nichts ganz Großes sein.

Gesprächspartner Juri M. Zeichnung: Konstanze Caysa

Man muss vielleicht gar nicht so viel dabei können, aber wenn ich etwas verspreche oder so, dann will ich es auch richtig und gut machen. Ich habe Angst, etwas falsch zu machen. Letztens habe ich eine Online Vorlesung mit anschließender Diskussion moderiert und das war eine echte Aufregung vorher. Ich habe halt Angst, etwas falsch zu machen – mich zu verhaspeln oder zu versprechen – und das ist doof und sowas macht mich dann sehr nervös. Und dann kann ich eben nicht schlafen und dadurch gerät mein Rhythmus immer wieder durcheinander. Genau. Und so geht es mir eben sehr oft.

Aber es geht mir tatsächlich auch schon immer so, weil ich glaube, für ganz, ganz wenig Sachen eine intrinsische Motivation zu haben und oft so quasi in der Luft hänge wie so ein Alien, das auf einem Planeten gelandet ist, der überhaupt nicht für dieses Setting geeignet ist.

Dieses Alien wird sich auch immer wieder überlegen, ob das alles, was hier passiert, es überhaupt etwas angeht. Ich muss eben oft erst so eine innere Barriere überwinden, um mich überhaupt für irgendwas zu interessieren. Das ist wie eine Verspieltheit der Kräfte in mir, glaube ich. Das spielt eine große Rolle für mich.

Ja, und ich glaube, das führt dann auch schnell dazu, dass ich dann abends noch ganz viele Sachen mache, weil ich die ja vorher nicht erledigt hab, weil ich nicht so motiviert war. Also eigentlich bräuchte ich wahrscheinlich tatsächlich irgendwann in meinem Leben eine Phase, in der ich noch mal versuche, rauszufinden, was mich wirklich, wirklich interessiert.

Aber ich hab auch immer diese Angst, dass es mir sozusagen nicht gelingen wird.

Ich glaube, im Moment ist wirklich so eine Phase, in der ich zum Glück merke, dass wieder mehr Verbindungen zwischen Menschen zustande kommen, weil eben lange Zeit wegen Corona diese teilweise erzwungene, teilweise freiwillige Selbstisolation bei vielen Leuten sehr gut ankam.

Ich habe mich dann sehr alleine und machtlos gefühlt und jetzt gerade habe ich das Gefühl, es nehmen viele wieder die Verbindung auf. Und das ist eigentlich ein sehr schönes Gefühl. Neulich war ich am Lagerfeuer und da habe ich eine sehr alte Bekannte wieder getroffen. Mit ihr hatte ich schon seit Jahren nichts mehr zu tun und habe dort auch neue Leute kennengelernt und das war für mich so ein bisschen wie die Schokolade früher, also so die ähnliche Stimmung.

Man konnte auch neue Leute kennenlernen und auch so ein bisschen sich unverbindlich treffen. Und da hab ich wirklich gemerkt, dass mir das eben sehr gefehlt hat, weil natürlich kann man auch mit Freunden was Schönes machen, aber dass man eben so mit Leuten abhängt, die man nur so halb kennt oder die man gar nicht kennt, so wie das eben vorher ja normal war eigentlich.

Diese Situation habe ich sehr vermisst.

Haben Sie auch über soziale Netzwerke oder auf anderem Wege digital Leute oder gar Freunde kennengelernt?

Das LZ Titelblatt vom Monat Mai 2022. VÖ. am 27.05.2022. Foto: LZ

Also man kann auf Facebook tatsächlich auch neue Leute kennenlernen. Nur ich habe mit diesen sozialen Medien ein anderes Problem. Und zwar ist es so, dass ich manchmal schon gerne Sachen sage oder auch schreibe, bei denen ich mich freue, wenn das nicht für fünf Jahre theoretisch noch in einem Protokoll steht.

Und man kann das nachlesen, weil so Dinge, die jetzt vielleicht in einem spontanen Gespräch überhaupt nicht so schwerwiegend wären, weil man sich vielleicht mal sich nicht so perfekt ausgedrückt hat, kein Problem im Nachhinein wären. Aber das bleibt dann wirklich in diesen Chats viele Jahre gespeichert, theoretisch immer und für jeden einsehbar.

Jetzt fühlt es sich so an, wenn man was spontan geschrieben hat, als sei es gleich in einen Grabstein gemeißelt … Und damit fühle ich mich oft nicht so ganz wohl und es fehlt auch einfach die körperliche Anwesenheit. Im Moment habe ich gerade so eine Art E-Mail Freundschaft.

Ich habe diesen Menschen nie getroffen. Ich weiß (noch) nicht, wie der aussieht und das ist auch sehr spannend. Er schreibt mir auch ganz viel zu Musik und Philosophie und ich lerne ganz viel von ihm. Aber es ist eben trotzdem so, dass mir grundlegend etwas fehlt. Es ist irgendwie auch sehr schwer zu erklären, aber mir fehlt da menschlich einfach was. Das ist für mich nicht genauso wie eine wirkliche Bekanntschaft oder Freundschaft, in der beide körperlich da sind, anwesend eben.

Ich hab mir sogar schon überlegt, es könnte ja theoretisch IRGENDJEMAND sein – das ist jetzt vielleicht paranoid gedacht – : einer, der dafür bezahlt wird, Leuten irgendwas ins Ohr zu setzen ….

Anfangs hatte ich da auch wirklich starke Vertrauensprobleme. Und ich dachte auch: okay, das könnte alles Mögliche sein. Vielleicht macht er sich ja heimlich über mich lustig. Kann ich alles nicht wissen. Und es ist ja nicht nur das Vertrauen, es ist auch wirklich so, dass man sich trotzdem im Endeffekt allein fühlt …

Wenn mir jemand eine nette SMS schreibt, fühle ich mich schon weniger allein, weil ich weiß ja, Leute haben an mich gedacht, Leute, die ich kenne und habe das Gefühl, dass sie auch jederzeit zur Tür bei mir reinschneien könnten. Die sind irgendwie trotz Abwesenheit anwesend.

Haben Sie sich, Ihrer Selbstwahrnehmung folgend, im letzten Jahr verändert?

Ja, im letzten Jahr, in den letzten zwei Jahren, würde ich sagen.

Woher wissen Sie das?

… weil ganz anfangs, das war so etwa um meinen Geburtstag rum, als die Diskussion über Corona zuzunehmen begann. Ich glaube, so zwei, drei Tage später kam der erste Lockdown, also das war wirklich genau diese Zeit, wo noch viel diskutiert wurde, aber es noch keinen staatlichen Zwang in dem Sinn gab.

Das war ganz merkwürdig. Mir kam das auch so ein bisschen vor, als ob ich unterbewusst wahrgenommen habe, dass das in China schon passiert. Und ich habe zu der Zeit auch viele Zombiefilme, so eine Serie mit einem Zombie, gesehen und da erinnere ich mich noch, dass ich irgendwie durch den Wald gelaufen bin und so ein Gefühl gehabt hab: Jetzt kommt irgendetwas ans Licht, irgendetwas kommt da jetzt, da kommen jetzt ganz lustige Zeiten auf uns zu. Also vielleicht habe ich das vorher auch schon im Gefühl gehabt, aber nicht im Herzen. Wie eine Ahnung. Aber was genau ist eine Ahnung?

Es fing vor dem ersten Lockdown und auch währenddessen erstmal nicht so krass an – da war ich noch relativ entspannt. Dann erst merkte ich, wie extrem das werden könnte. Als mich ein Freund aus Halle nicht besuchen konnte und umgekehrt – ich glaube, da ist mir klargeworden, dass ich ziemlich viel Wut habe, was ich im Grunde für ein Wutbürger bin im Vergleich zu vielen anderen Leuten, die ich kenne. Ich hatte vorher schon so eine Ahnung, die mich unterschwellig wütend gemacht hat und ich glaube jetzt, dass bei mir im Hintergrund immer so eine große Wut ist.

Charakterisieren Sie Ihre Zeit! Versuchen Sie das so dicht wie möglich!

Okay! Für mich ist es eine neblige Zeit, in der alles durcheinandergeraten ist und man hat das Gefühl, es folgt kein richtiges Narrativ mehr. Nach dem Motto: Dieses Jahr ist dies und das passiert und daraus baut dann wieder das nächste auf. Es könnte immer der nächste Lockdown kommen, dann mit wieder anderen Regeln. Und es gibt keinen Fortschritt oder keinen Verfall, sondern es ist keine Ordnung drin und es passiert auch nicht wirklich irgendwas Greifbares.

Welche Rolle spielen Sie in der von Ihnen geschilderten Zeit?

Dazu möchte ich eigentlich nichts weiter sagen, sorry. Da müsste ich erst noch drüber nachdenken.

Vielen Dank für das Gespräch!

Im Gespräch mit Konstanze (2)“ erschien erstmals am 27. Mai 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 101 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändler

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