„Darf man das? Holocaust-Darstellungen und der gute Geschmack“

TdJW-Debatte: Zwischen Grenzüberschreitung und Betroffenheitskult

Für alle LeserTalkshow mit Publikumsbeteiligung am Samstag beim Theater der Jungen Welt (TdJW): Unter dem Titel „Darf man das? Holocaust-Darstellungen und der gute Geschmack“ befragte Moderator Bastian Wierzioch die vier Experten und das Publikum. Die Veranstaltung war Teil der dreitägigen Theaterwerkstatt in Kooperation mit der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und erlebte einen gut gefüllten Saal. Mehr als 80 Künstler und Theaterschaffende aus Deutschland, Polen, Tschechien und Israel waren für die Theaterwerkstatt nach Leipzig gekommen.

Zu Beginn wurden die Diskutanten der Reihe nach befragt, im Zentrum die Leitfrage des Tages. Jürgen Zielinski, Intendant des Theaters, fehlte leider krankheitsbedingt, für ihn nahm Jörn Kalbitz (Geschäftsführender Dramaturg des „TdJW“) in der Runde Platz. Daneben Kirstin Frieden (Literatur- und Kulturwissenschaftlerin), Max Czollek (Lyriker und Kurator „Radikale Jüdische Kulturtage“) und Regina Gabriel (Theaterpädagogin der Gedenkstätte Hadamar).

Die Debatte begann schleppend, drehte sich fast erwartbar lange um den hier beklagten „gesellschaftlichen Rechtsruck“ der letzten Jahre und die Frage, inwieweit sich dadurch die Arbeit der vier Teilnehmer verändert hat. Nach einer halben Stunde kam es dann unerwartet zu einem Zwischenruf aus dem Publikum: „Schuldigung, sehen sie die Überschrift da oben?“ – eine ungeduldige Aufforderung, endlich das angekündigte Thema zu diskutieren.

Danach wurde die Diskussion tatsächlich flotter, eine These von Max Czollek diente als Aufhänger: „Die Debatte um die Vergangenheit und Zukunft wird von einem Bedürfnis nach Läuterung der deutschen Vergangenheit strukturiert“. Er erklärte seine Idee dahinter, behandelte zudem auf provokante Art die Beziehung Deutscher zu Juden: „Das Einzige, was man über das Judentum wissen muss in Deutschland, ist, dass man sie vernichtet hat“.

Eine Steilvorlage für die Runde, die nun deutlich warmlief. Kirstin Frieden beklagte den „typisch deutschen Betroffenheitskult“, der für junge Deutsche, die weder Erinnerungen noch Schuld an Holocaust und Nationalsozialismus mit sich tragen, nicht angemessen sei.

Später musste sie sich dafür rechtfertigen, da eine Person aus dem Rang ihr vorgeworfen hatte, wie ein „Echo der Kritik an der Schuldpädagogik von der AfD zu klingen“. Daraufhin bekam sie Unterstützung von Regina Gabriel, die sich als „vehemente Verfechterin des Verbots der Überwältigung“ bezeichnete. Sie wünsche sich vielmehr Empathie gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus.

Die ganze Diskussion über besonders präsent war Max Czollek. Sein Schlussfazit: „Man darf alle Grenzen überschreiten, man muss dabei nur wissen, dass man sie überschreitet.“ Oder in den Worten von Jörn Kalbitz: „Die Kunst muss frei sein, aber nicht frei von Verantwortung.“ Kurz vor Ende wurde es dann noch kurz emotional. Eine Frau aus dem Publikum hatte sich gemeldet und mit gebrochener Stimme erzählt, dass einer ihrer Angehörigen in einem Konzentrationslager gestorben ist.

Sie schloss mit einer auf die Gegenwart bezogenen Mahnung: „Dass die Ukraine jetzt zerbombt wird, was ist das, was soll das? Da wird ein halbes Land weggenommen und die Leute hier gehen zum Weihnachtsmarkt.“ Letztlich der Ruf nach eben der oft vermissten Empathie mit den Opfern, wie sie zuvor auf dem Podium angesprochen wurde.

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