Amtsgericht: Ein Fanschal macht Geschichten + Urteil vom 27. November

Am Amtsgericht Leipzig muss sich derzeit ein 31-jähriger Anhänger des 1. FC Lokomotive Leipzig wegen Raubes eines RB-Leipzig-Fanschals verantworten. Die Aufklärung des Falls kommt in der Verhandlung am 14. November nur schleppend voran, weil Angeklagter, Geschädigter und Zeugen unterschiedliche Versionen des Vorfalls erzählen.

Weniger als zweieinhalb Jahre sind seit dem 2. Juni 2013 vergangen, doch den meisten Fans von Rasenballsport Leipzig muss er wie ein Tag aus längst vergangenen Zeiten erscheinen. Damals spielte der heutige Zweitligatabellenführer noch in der Regionalliga. Erst durch Tore in der Verlängerung gelang den Leipzigern der Aufstieg in die 3. Liga. Etwa 2.000 Fans waren ihrer Mannschaft zum Auswärtsrelegationsspiel ins westfälische Lotte gefolgt, darunter Kai W. (46). Am späten Abend traf er mit dem Zug wieder am Hauptbahnhof Leipzig ein und entschloss sich, die persönliche Aufstiegsfeier gemeinsam mit fünf anderen Fans in die Kneipe „Optiker“ in der Kurt-Schumacher-Straße zu verlegen.

Dort war an jenem Abend auch Alexander S. (31), Anhänger des 1. FC Lokomotive Leipzig, zu Gast. Zwischen den beiden Fangruppen kam es zum Streit. Am Ende griff die Polizei S. mit dem Schal von W. auf. Was genau an diesem Abend passiert ist, schilderten die zum damaligen Zeitpunkt teils stark alkoholisierten Beteiligten sehr unterschiedlich. Hinzu kommt: Jeder von ihnen gibt sich absolut sicher, die wahre Version der Geschichte erzählt zu haben.

Da wäre zunächst die Sichtweise des Geschädigten: Er und die anderen RB-Fans seien im „Optiker“ von zwei Männern, die sie dem Umfeld von Lok Leipzig zuordneten, angesprochen und zum Gehen aufgefordert worden. Vor dem Lokal hätten dann etwa zehn dunkel gekleidete, teils vermummte Personen auf sie gewartet. „Ich hatte mörderische Angst und lief um mein Leben“, berichtete Kai W. Dabei sei er auf einem Gegenstand – womöglich einer Bananenschale – ausgerutscht. Im Fallen wurde ihm der locker um den Hals gehängte Fanschal entrissen. Anschließend flüchtete W. zusammen mit seinem damals noch minderjährigen Begleiter in ein nahes Hotel.

Richterin Ute Pisecky fand an dieser Darstellung des Geschehens hörbar wenig Gefallen: „Das wäre dann lediglich Diebstahl. Da wird sich der Angeklagte freuen.“ Zumindest an diesem Verhandlungstag sprach wenig dafür, dass Alexander S. überhaupt verurteilt werden könnte – sei es nun wegen Raubes oder nur wegen Diebstahl. Er war seinen Angaben zufolge rein in die verbale Auseinandersetzung verwickelt, bestreitet aber, jemanden gejagt oder beraubt zu haben. „Ich sah den Schal herumliegen und nahm ihn dann an mich“, so der Angeklagte. Zuvor soll es Provokationen durch die RB-Fans gegeben haben, auf die die Lok-Anhänger ihrerseits mit Schmähgesängen reagierten. Als die Polizei kam, habe er sich im Gebüsch versteckt – wegen schlechter Erfahrungen mit der Staatsmacht.

Wiederum eine andere Version trug Torsten D. (51) vor, der damals als Rezeptionist in besagtem Hotel arbeitete. Er sei sich sicher, dass der Schal erst dort geraubt wurde, wenngleich es Vorfälle dieser Art häufiger zu geben scheint, wie auch ein später vernommener Polizeibeamter bestätigte. „Dass RB-Fans auf der Kurt-Schumacher-Straße gejagt werden, sieht man im Nachtdienst häufig“, so D.

Der damals minderjährige Begleiter von W. war unentschuldigt nicht vor Gericht erschienen. Ein weiterer Zeuge befindet sich derzeit im Urlaub. Beide sollen Ende November am zweiten und vermutlich letzten Verhandlungstag vernommen werden. Es deutet sich bereits an, dass Richterin Pisecky dann die vierte Variante zu hören bekommt: Der Schal sei während der Flucht einfach heruntergefallen.

Update 28.11.2015

Dieses Verfahren vor dem „AG Leipzig gegen Alexander S. wurde am 23.11.2015 rechtskräftig mit einer Verurteilung des Angeklagten wegen Raubes in einem minder schweren Fall zu 8 Monaten Freiheitsstrafe, deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt wurde, abgeschlossen.“. Dies teilte Ricardo Schulz, Oberstaatsanwalt am 27. November 2015 mit.

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