5.5 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Dienstag, 19. Januar 2021

Liveticker zu rechte Strukturen zerschlagen: Connewitz, Fight-Nacht & eine Demonstration

Von Michael Freitag, René Loch & Alexander Böhm

Mehr zum Thema

Mehr

    Hatte jemand gedacht, das puffert eine Stadt wie Leipzig einfach weg, der sieht sich in den letzten Tagen und Wochen getäuscht. Die Gangart seitens linker Extremisten hat sich zuletzt deutlich verschärft, man glaubt sich im moralischen Recht bei der Gewaltausübung gegen Ladenlokale, Biomarktgeschäfte, Autohäuser und AfD-Adressen. Die rechtsextreme Seite und ihre Unterstützer glaubten hingegen offenbar, man zerlegt am 11. Januar 2016 mal eben auf der Wolfgang-Heinze-Straße Ladengeschäfte und kann dann wieder zur „Fightnacht“-Tagesordnung übergehen. In der Fanszene von Lok nutzt ein bekannter Name eine Entscheidung des Fußballclubs für seine Zwecke.

    +++ 22:04 Uhr: Fazit +++

    Vor gut einer Stunde beendete Juliane Nagel (Die Linke) die Demo, die kurz vor 21 Uhr zu ihrem Ausgangspunkt am Herderpark zurückgekehrt war. Wie bereits zu Beginn – als man auf die „a monday without you“-Demo am 5. September hinwies – bewarb man nun wieder eine künftige Veranstaltung: Diesmal die Aktivitäten gegen die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden.

    Die Demo am heutigen Tag blieb bis zum Ende friedlich. Auch Böller – die beispielsweise auf der Soli-Demo nach dem Überfall in Connewitz zahlreich geworfen wurden – waren heute nicht zu hören. Lediglich einige Besucher des Fightevents benahmen sich daneben und warfen Flaschen auf Journalisten und Demoteilnehmende. In Connewitz sitzen die Menschen nun vor den Läden und hoffen darauf, dass ihre bis in die Nacht geplante Anwesenheit eine reine Vorsichtsmaßnahme bleibt.

    +++ 20 Uhr: Zeit für ein erstes Zwischenfazit +++

    Die Demonstration selbst verläuft friedlich und hat das Gelände des Kohlrabizirkus wieder verlassen. Attacken gab es eher aus den Reihen der Besucher der Veranstaltung im Kohlrabizirkus. Presse und öffentliche Aufmerksamkeit mag man hier ebenso wenig, wie die offenen Fragen einzelne Kämpfer des heutigen Abends betreffend.

    Auf der Demonstration „Rechte Netzwerke zerschlagen“ ist das geschehen, was angesichts der angemeldeten Demonstration zu erwarten war. Es blieb friedlich, öffentlich und informativ. Obwohl unsere Reporter vor Ort von mehr Musik als Parolen berichten, gab es auf der Zwischenkundgebung nochmals eben jene Informationen zu Leipziger Strukturen am rechten Rand.

    Nur zögerlich geben die IFC-Gegner den Platz vor der Arena frei. Foto: L-IZ.de
    Nur zögerlich geben die IFC-Gegner den Platz vor der Arena frei. Foto: L-IZ.de

    Und ganz so, als ob man selbst schon lange keine Angst mehr vor demonstrativen Beweisen dabei hat, kam natürlich auch Legida-Ordner Ronny U. neben den durch Christopher H. herbeigerufenen Lokfans zum Stelldichein der Freunde von Gewalt im Käfig. Offensichtlich von dem Angriff auf ihn Anfang Juli wieder genesen, darf man also davon ausgehen, dass sich hier eben jene Leute zusammenfinden, die entweder mit Legida auf die Straße gehen oder eben der Meinung sind, man könne randalierend ein ganzes Stadtviertel in Angst versetzen.

    Dass es natürlich heute mal ums Geldverdienen geht, konnte man am Andrang an der Einlasstür sehen.

    Ein Zwischenruf „Ihr F …“ aus der Gegendemonstration wurde durch die Initiative „the future is unwritten“ mit dem öffentlichen Hinweis auf Twitter quittiert, dass man solche Sprüche nicht toleriert und sie eher auf der Seite der Veranstaltungsbesucher erwarte.

    Der letzte Redner des frühen Abends rief soeben dazu auf, heute besonders im Anschluss wachsam zu bleiben und Unterkünfte für Gefluchtete und Projekte zu bewachen. Die Befürchtungen, dass es nicht die ganze Nacht friedlich bleiben könnte, ist also noch da. Die Polizei hat heute nach bisherigem Erleben zurückhaltend agiert. Um 20 Uhr hat sich auch der kreisende Helikopter wieder verabschiedet. Die Demonstration kehrt nach Connewitz zurück.

    +++ 18:55 Uhr: Erste freundliche Begrüßungen +++

    Für Pressevertreter darf sich die Imperium-Veranstaltung zumindest vor der Tür schon mal ganz „real“ anfühlen. Erste Bedrohungen vor Ort, ganz wie auf jeder Neonazi-Demonstration oder bei Legida, erste Flaschenwürfe nach Fotografen. Die Versicherungen der Friedlichkeit zumindest bei einigen Besuchern der Kampfsportnacht ist damit wohl bereits obsolet.

    Da hat dann wohl kaum noch jemand Lust darauf, sich das Spektakel innen genauer anzusehen. Entgegen der Zusagen des Betreibers des Kohlrabizirkus im Vorfeld findet sich natürlich auch ein Banner der Veranstaltung auf dem Dach des Gebäudes.

    Besucherandrang und Fotowettbewerb bei der Imperium Fight-Veranstaltung. Foto: L-IZ.de
    Besucherandrang und Fotowettbewerb bei der Imperium Fight-Veranstaltung. Foto: L-IZ.de

    +++ 18:30 Uhr: Die Proteste gegen Imperium finden 1.000 Teilnehmer +++

    Die als eher friedlich einzuschätzende, weil offizielle Demonstration „Rechte Netzwerke zerschlagen“ ist nun um 17:39 Uhr am Herderpark gestartet. Rund 200 Teilnehmer sollen sich ihr bislang angeschlossen haben. Das Ziel der Demonstranten – der Kohlrabizirkus, wo unweit von Connewitz um 18 Uhr der offizielle Einlass begonnen hat. Laut Initiative „Durchgezählt“ soll die Demonstration nun rund 1.000 Teilnehmer umfassen.

    +++ 17 Uhr: Die Stimmung in Leipzig ist gereizt +++

    War bis zum 11. Januar 2016 und dem Überfall auf Connewitz noch die Polizei der Lieblingsfeind von linken Brandstiftern und Steinewerfern, haben sich seither die Aktion sozusagen „ausdifferenziert“ und werden gewalttätiger. Während einige derzeit glauben, mit Steinen gegen Biomare den Kapitalismus höchstselbst zu bekämpfen, richteten sich mit dem Brandanschlag am 24. August morgens zirka 2 Uhr auf das Jaguar-Autohaus an der Plautstraße die unbekannten Täter direkt gegen einen Sponsor der „Imperium Fighting Championship V“ am heutigen Abend im Leipziger Kohlrabizirkus.

    Unmittelbar danach folgten – eher weniger im Zusammenhang mit dem rechten Kampfsportabend, aber irgendwie zur neuen Gangart passend – vier Adressen von AfD-Stadträten.

    Das Ergebnis der Nacht vom 24. auf denn 25. August laut AfD-Mitteilung: „Dem Chef der AfD-Stadtratsfraktion, Tobias Keller, wurden seine Geschäftsräume verwüstet. Er geht von fünfstelliger Schadenshöhe aus. Stadtrat Hentschel wurde sein Motorroller abgefackelt. Unser Grünauer Bürgerbüro wurde mit Buttersäure attackiert, somit ist es für mehrere Wochen nicht mehr zu nutzen. Auch unserem Mitglied Roland Ulbrich, wurden seine Kanzleiräume verwüstet.“ Was die AfD natürlich eher zu einem Rücktrittsruf in Richtung OB Burkhard Jung verannlasste, statt die in Landesverantwortung liegende ausgedünnte Polizei in Sachsen zu thematisieren.

    Die angegriffene Kanzlei von Roland Ulbrich (AfD, Patriotische Plattform & Legida-Redner) in der Leibnizstraße. Foto: L-IZ.de
    Die angegriffene Kanzlei von Roland Ulbrich (AfD, Patriotische Plattform & Legida-Redner) in der Leibnizstraße. Foto: L-IZ.de

    Allen Anschlägen gemein ist die Bekennerschaft linksradikaler bis extremer Kreise und das dumpfe Gefühl, so vorgeblich etwas gegen rechte Strukturen in Leipzig zu unternehmen. Wobei Biomare irgendwie nach wie vor aus dem Raster fällt – hier könnten sogar persönliche Affinitäten mit einem politischen Deckmäntelchen eine Rolle gespielt haben. Die Stimmung in der linksradikalen Szene Leipzigs jedenfalls ist deutlich gereizt seit dem Überfall am Beginn des Jahres auf Connewitz. So gereizt, dass mancher zu übersehen scheint, dass damit auch andere Kräfte moralisch aufgewertet werden, die man mit Gewalt zu bekämpfen sucht.

    In allen Fällen ermitteln mittlerweile Polizei, Staatsschutz und OAZ – wie auch in Sachen 11. Januar.

    Unglückliche, richtige Entscheidung bei Lok Leipzig

    Bereits am Montag dieser Woche traf Lok für das heutige Auswärtsspiel gegen den SV Babelsberg 03 gemeinsam mit Polizei und der Gegnermannschaft eine Entscheidung, was die Kartenkontingente betrifft. Um sicherzustellen, dass es nicht wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den Heißspornen beider Seiten wie vor knapp drei Jahren kommt, hatte man abgemacht, dass vonseiten Loks nur Vereinsmitglieder mit jeweils einer Karte anreisen dürfen. So wollte man es offenkundig dem Gastgeber Babelsberg leichter machen, vor Ort nicht lauter Stadionverbote durchsetzen zu müssen. Gleichzeitig musste Lok befürchten, wieder mitbestraft zu werden, wenn – wie in Erfurt – Lok“fans“ den Rasen stürmen und die eine oder andere Mannschaft bedrängen würden.

    Dass es jedoch dabei keine gleichzeitige Lösung für die Rückpartie in Leipzig gab, wurde unter anderem in der Lokszenerie als Kniefall vor jenen Babelsbergern gewertet, die damals an den Auseinandersetzungen beileibe nicht unbeteiligt waren (L-IZ.de berichtete).

    Jede Menge Zuspruch bei einigen Lokfans. Bild: Screenshot auf FB von der Fanszene Lokomotive
    Jede Menge Zuspruch bei einigen Lokfans. Bild: Screenshot auf FB von der Fanszene Lokomotive

    Auf der Facebookseite der „Fanszene Lok“ wurde gleichzeitig vor allem eines deutlich. Nach dem rigiden Kartenmanagement seitens Lokomotive Leipzig, findet hier ein Kämpfer der Imperium Fight-Nacht große Unterstützung.

    Christopher H., selbst Kämpfer des heutigen Abends, unterbreitete sogleich ein Angebot: „Nur als Tipp für den allgemeinen Lok Fan. Am Abend kämpfen in der Heimat einige Lokisten, die das Logo nicht nur als Tattoo, sondern den Verein vor allem im Herzen tragen, bei `Imperium Fighting Championship`. Einlass ist dort ab 18 Uhr im Kohlrabizirkus. Vor Ort erwartet einen keine Schikane, sowie nebenbei auf jeden Fall ein Heimspiel! Die Stimme kann somit wieder geölt werden!“

    50 Mitgliedern der Fanseite gefiel, dass H. hier das Lok-Image nicht zum ersten Mal in eine Veranstaltung hineintransferierte. Nachfragen zu seiner mutmaßlich aktiven Beteiligung an den Randalen in Connewitz gab es hier hingegen keine. Straßengewalt, Lokszenerie und vermeintlicher Sport verschwimmen hier erneut, der Frust richtete sich aus diesen Kreisen mit einem Spruchband gegen den Sportdirektor und ehemaligen Sicherheitschef des eigenen Fußballvereins.

    Polizei und Veranstalter versuchen zu beruhigen

    Glaubt man dem neuen Veranstalter der „Imperium Fighting Championship“, wird es heute eine ruhige Veranstaltung. Zu diesem Zweck hat er auch ein Interview mit sich selbst geführt – Nachfragen waren so offiziell unerwünscht. Auch die Polizei versuchte, die Lage im Vorfeld im Überblick zu behalten und hat Kräfte auch aus anderen Bundesländern geordert. Gerüchtehalber wollen aus den verfeindeten Lagern Sympathisanten nach Leipzig kommen. Zudem muss man davon ausgehen, dass bereits die Reibereien der vergangenen Nacht um den Club „Institut für Zukunft“ im Kohlrabizirkus ein weiterer Baustein der Auseinandersetzungen ist.

    Es wirkte, bei Licht besehen, wie eine „Vorfeldaktion“ zum heutigen Abend.

    In eigener Sache – Eine L-IZ.de für alle: Wir suchen „Freikäufer“

    Topthemen

    - Werbung -

    Aktuell auf LZ