Fußball mit Nebenerscheinungen

Vor dem Stadtderby: Leipziger Ordnungsamt zeigt 154 gewaltbereiten Fans die Rote Karte

Für alle LeserWenn am Sonntag die BSG Chemie den 1. FC Lokomotive zum heiß erwarteten Stadtderby im Sachsenpokal empfängt, werden über 150 Lok-Anhänger definitiv nicht im Stadion anzutreffen sein. Die Stadtverwaltung Leipzigs untersagte in Kooperation mit der Polizeidirektion den gewaltbereiten Problemfans den Aufenthalt rund um den Alfred-Kunze-Sportpark. Die Chemiker selbst erließen ihrerseits bereits eine Reihe von Hausverboten. Im Zentrum steht mal wieder auch die selbsternannte „Fanszene Lokomotive Leipzig“.

Auf der Facebookseite der Gruppierung wittert diese bereits die ganz große Verschwörung, gegen sie – die aus ihrer Sicht einzig wahren Fans des Probstheidaer Clubs. Wer an den Aufenthaltsverboten alles mitgewirkt habe, bleibe wohl im Dunkeln, so die Schreiber mehrerer Beiträge zum Derby. Und dass Chemie-Ultras fest in den Strukturen der Leutzscher verankert seien, stört die Verfasser ganz besonders. Die BSG Chemie hat nämlich ihrerseits einigen Lok-Fans, die in der Vergangenheit als Gewalttäter aufgefallen sind, Hausverbot für den Alfred-Kunze-Sportpark erteilt.

Die Initiative des Leipziger Ordnungsamts geht derweil nicht von den Vereinen, sondern einer längst alarmierten Polizei aus. Wie ein Pressesprecher der Stadt gegenüber L-IZ.de bestätigte, hat die Polizei der Sicherheitsbehörde die Namen der 154 Betroffenen vorgelegt. „Die betroffenen Personen sind in der Vergangenheit im Zusammenhang mit Fußballveranstaltungen des 1. FC Lokomotive Leipzig bereits durch aggressives Verhalten polizeilich bekannt geworden“, begründete der Pressesprecher die einschneidende Maßnahme. Die 154 Lok-Anhänger dürfen sich innerhalb eines Sperrkreises rund um den Spielort nicht aufhalten – unabhängig davon, ob sie ein gültiges Ticket für das Hochsicherheitsspiel besitzen oder nicht.

Viele Lokfans wird es am Sonntag so oder so zumindest nicht offiziell ins Leutzscher Holz verschlagen. Den Probstheidaern wurde ein Gästekontingent von 750 Tickets zugebilligt, die Alternative im (teureren) Zentralstadion zu spielen, schlug die BSG Chemie aus. Die verbliebenen der insgesamt 4.999 Karten setzten die Gastgeber unter ihren Mitgliedern und Dauerkartenbesitzern ab und meldeten am 10. November den Ausverkauf des Stadions.

Auch der 1. FC Lok versucht gegenzusteuern

Der 1. FC Lok empfiehlt seinen Fans die gemeinsame Anreise, unter den normalen Lokfans hofft man noch immer auf einen friedlichen Verlauf des 13. November. Gegen 10:45 Uhr setzen sich die kostenlosen Shuttle-Busse gemeinsam mit dem Mannschaftsbus am Bruno-Plache-Stadion in Bewegung. Wer kein Ticket ergattern konnte, kann das Spiel in geselliger Runde im Bruno-Plache-Stadion via Videowand in Probstheida verfolgen, der MDR überträgt am 13. November ab 12 Uhr live, so das Angebot der Blau-Gelben.

Nach ersten Wortmeldungen ist diese Alternative der „Fanszene“ egal, sie wollen lieber zum Abschlusstraining von Lok vor dem Derby erscheinen. „ MORGEN UM 17.45 UHR VOR DEM BRUNO-PLACHE-STADION! Lasst uns aus einem normalen Training, einen Spieltag machen. FÜR IMMER FUSSBALLCLUB LOKOMOTIVE! CHEMIESCHWEINE RAUS!“, steht da zu lesen. Gemeint ist damit der Freitag, 11. November. So versucht man auf der Facebookseite auch, innerhalb der Fankreise die Oberhand zu behalten – als ob man für alle sprechen würde.

Der 1. FC Lok entzog der Fanszene Lokomotive bereits die Privilegien nach den Böllerwürfen. Foto: Jan Kaefer

Der 1. FC Lok entzog der Fanszene Lokomotive bereits die Privilegien nach den Böllerwürfen. Foto: Jan Kaefer

Ursprünglich planten gewaltbereite Lok-Anhänger zudem einen Fanmarsch, im Zentrum erneut die „Fanszene Lokomotive Leipzig“. Am Montag unterband die Stadt das Vorhaben. „In einem Gespräch mit dem Veranstalter am Montag wurde behördlicherseits dargestellt, dass es insbesondere in der Problemfanszene des 1. FC Lokomotive Leipzig eine enorme Mobilisierung unter Einbeziehung der jeweiligen befreundeten Problemfanszenen anderer Vereine zu diesem Spiel gekommen ist“, berichtete der Pressesprecher. Im direkten Kontakt steht man seitens der gewaltbereiten Leipziger dabei unter anderem mit Gruppierungen rings um den Halleschen FC.

Zudem sei davon auszugehen gewesen, dass bei dem angemeldeten Fanmarsch überwiegend Teilnehmer zu erwarten sind, die eben nicht im Besitz von Eintrittskarten für den Alfred-Kunze-Sportpark seien, das Spiel selbst also für sie nicht von Interesse sein dürfte. Ziel der Veranstaltung sollte offenbar sein, potenzielle Gewalttäter im Schutze des Marsches so nah wie möglich an die Spielstätte der Leutzscher heranzuführen. Die Verantwortlichen machten dem Anmelder deutlich, dass eine solche Veranstaltung nicht genehmigt werden könne. Daraufhin machten die Organisatoren einen Rückzieher und gerieren sich nun auf der Facebookseite als Opfer von staatlicher Willkür.

Einerseits sei man irgendwie ganz normal, und verstehe nicht, „dass der Fanmarsch aufgrund unkalkulierbarer Risiken, die anscheinend ein Lokfan ohne Eintrittskarte darstellt, so nicht genehmigt worden wäre.“ Dicht gefolgt von einer Formulierng, die deutlich macht, in welchen Kategorien man bei der „Fanszene“ eigentlich denkt. So wolle man die „Mannschaft nicht im Stich … lassen und mit 750 wackeren Blau-Gelben Kriegern dem Abschaum aus dem Unterholz Paroli zu bieten.“, so die „Fanszene“. Da man auch in Leipzig für gewöhnlich zur Klärung von Sieg und Niederlage 11 gegen 11 auf dem Fußballrasen steht, ist das Ansinnen klar.

Was wohl indirekt das ausgesprochene Demonstrations- und Versammlungsverbot bestätigen dürfte – schließlich gilt: „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.“ Eben diese Friedlichkeit scheinen die Behörden hier nicht gegeben zu sehen.

Wer ist die „Fanszene Lokomotive Leipzig“?

Um die Argumentation der Behörden nachvollziehen zu können, die im Netz auch von ortsfremden Fußballfans als Willkür interpretiert wird, bedarf es einer näheren Betrachtung der selbsternannten „Fanszene Lokomotive Leipzig“. Die Betreiber der Facebook-Seite sprechen nämlich keineswegs – wie sie vorgeben – für die gesamte organisierte Fanbewegung der Blau-Gelben.

Vielmehr handelt es sich um einen Personenkreis, den Beobachter anhand von BIldern und Szeneinfos auf einen harten Kern von 50 bis 60 Lokfans schätzen, von denen ein Teil der rechtsextrem geprägten Hooligan- und Ultraszene zurechenbar sind. Die führenden Köpfe waren bereits in ähnlicher Funktion bei der einst tonangebenden Ultragruppe „Scenario“ aktiv, die der Verein im Sommer 2013 mit einem Auftrittsverbot belegte. Ab demselben Jahr stand die Gruppe unter Beobachtung des Landesamts für Verfassungsschutz. Im Herbst 2014 erklärte „Scenario“ die Selbstauflösung, offenkundig jedoch nur, um der Beobachtung ein Ende zu setzen.

Am 11. Januar 2016 eskaliert die Lage abschließend in Connewitz. Die Täter zeigen kein Unrechtsbewusstsein. Direkt neben dem zerstörten König Heinz verhaftet die Polizei rund 215 Straftäter, welche sich zu Legida gehörig fühlen und in der Wolfgang-Heinze-Straße Schaufenster zertrümmern. Foto: L-IZ.de

Am 11. Januar 2016 eskaliert die Lage abschließend in Connewitz. Die Täter zeigen kein Unrechtsbewusstsein. Direkt neben dem zerstörten König Heinz verhaftet die Polizei rund 215 Straftäter, welche sich zu Legida gehörig fühlen und in der Wolfgang-Heinze-Straße Schaufenster zertrümmern. Foto: L-IZ.de

Losgeworden ist der Verein die dahinter stehenden Personen nie wirklich. Der Vorsänger aus Scenario-Zeiten heizt den Fans im Stadion weiterhin mit dem Megafon ein. Im Hintergrund geben professionelle Freefighter mit besten Verbindungen ins Leipziger Nachtleben den Ton an. Die führenden Köpfe der „Fanszene“ sind bestens mit Akteuren der regionalen Neonazi-Szene vernetzt, erneut versucht sich nunmehr die „Fanszene“ zum Sprachrohr für alle, gerade jüngere Lokfans zu erheben.

Längst „polizeibekannt“

Am 11. Januar 2016 überfielen Sympathisanten der „Fanszene“ laut L-IZ.de vorliegender Namensliste gemeinsam mit befreundeten Hooligans, etwa aus Dresden und Halle, aber auch mit fest organisierten Neonazis den alternativen Szenekiez in Leipzig-Connewitz. Parallel dazu zelebrierte in der Innenstadt der örtliche Pegida-Ableger sein einjähriges Bestehen. Dass einzelne Mitglieder der „Fanszene“ in der Vergangenheit an Legida-Aufmärschen teilnahmen, versteht sich von selbst.

Im Stadion selbst verzichten die Rechten mittlerweile auf rechtsextreme Äußerungen. Was bleibt, sind rechtsextreme Ästhetik und ein Fetisch für Gewalt. Erst letzten Sonntag attackierten Lok-Fans aus der „Fanszene“ in einer Regionalbahn den zufällig zugestiegenen sächsischen Grünen-Vorsitzenden Jürgen Kasek unter Beisein der Leipziger Grüne Christin Melcher und der Grünen-Bundestagsabgeordneten Monika Lazar. Nur das Eingreifen der Polizei verhinderte, dass die Situation gänzlich außer Kontrolle geriet, indem alle drei den Zug wieder verlassen konnten.

Die Meldung machte überregionale Schlagzeilen. Was die allermeisten Medien verschwiegen: Die Lok-Fans in dem Zug hatten sich zum Auswärtsspiel ihres Teams bei CZ Jena als Neunziger-Skins mit Bomberjacken und Glatzen verkleidet. Mindestens einer aus der Gruppe hatte dazu – auf einem Bild auf Facebook bei der als „Fanszene“-eigene Aktion deklarierten Darstellung sichtbar – eine alte, gelabelte Scenario-Bomberjacke aus dem Kleiderschrank hervorgekramt.

Solche Strohpuppen wurden an mehreren Brücken angebracht. Die Polizei sucht nun Zeugen. Foto: PD Leipzig

Solche Strohpuppen wurden an mehreren Brücken angebracht. Die Polizei sucht nun Zeugen. Foto: PD Leipzig

Lok-Präsident Jens Kessler distanzierte sich anschließend deutlich von dem Übergriff auf den Grünen-Politiker. „Bei den Angreifern handelt es sich nicht um Fans des 1. FC Lok Leipzig, sondern um politisch motivierte Chaoten mit krimineller Energie, mit denen wir nichts zu tun haben möchten.“ Allein werden jedoch Kessler und die Vereinsführung von Lokomotive mit dem Problem kaum fertig werden können.

Die „Fanszene“ sorgt sich nicht um das Image ihres Vereins, für sie ist Lok nur ihre Lok, wenn sie Gewalt ausstrahlt. Auch die wirtschaftliche Situation spielt nur eine Randrolle. Sanktionen für ihr Fehlverhalten, die von den Fußballverbänden ausgesprochen werden, nehmen die Gewalttäter billigend in Kauf. Wenn es hart auf hart kommt, waren sie im Zweifel niemals beteiligt, wie an den Böllerwürfen beim Spiel gegen Rasenballs II. Mannschaft im eigenen Stadion. Erkannt haben will man hier aber auch keinen derer, die in direkter Sichtweite mit Böllern und kiesgefüllten Bechern nach dem Linienrichter und eigenen Lokleuten am Feldrand warfen.

Die übliche Gewaltverherrlichung verbuchen sie in steter Regelmäßigkeit unter dem Schlagwort „Fankultur“ und die Marke 1. FC Lokomotive betrachten sie faktisch als ihr Eigentum. Einige der Kampfsportler traten kurzzeitig sogar bereits unter dem Label „Boxclub Lokomotive Leipzig“ bei Wettkämpfen an, ganz so, als habe der Probstheidaer Sportverein eine Freefight-Abteilung.

Immer ganz vorn, aber anschließend nie wirklich dabei

Im Vorfeld des Spiels gegen die BSG Chemie wurde auf der Facebookseite „Fanszene Lokomotive Leipzig“ ein Video verbreitet, in dem der Machtanspruch auf Lok und gleichzeitig den Stadtteil Leutzsch dokumentiert werden sollte. Indem eine Gruppe von zirka 50 Personen im Lokoutfit unentdeckt das Stadion der BSG Chemie betraten und dort Parolen skandierten. Bezüge zur Idee „national befreiter Zonen“ sind nicht weit, es geht darum die Hoheit im Viertel zu dokumentieren. Im Kommentar der „Fanszene“ heißt es dazu: „Deshalb waren, wie ihr alle wisst, schon einige in Leutzsch und haben sich mal umgeschaut.“ Auf einmal wird aus dem sonstigen „wir“ der „Fanszene“ eine Gruppe „einiger“.

Am 10. November fanden sich nun zudem aufgehängte Strohpuppen an Brücken rings um Leipzig, mit denen man symbolisch Chemie Leipzig oder eben die Fans der BSG erhängte. Die Täter sind unbekannt, der Stil jedoch nicht. Im April 1996 hing eine Puppe von einer Autobahnbrücke in der Nähe von Jena: Sie trug einen Davidstern, der Kopf befand sich in einer Schlinge. Uwe Böhnhardt wurde dafür zu einer Haftstrafe verurteilt, welcher er sich durch die gemeinsame Flucht mit Uwe Mundlos und Beate Zschäpe entzog. Auf den Puppen vom 10. November in Leipzig finden sich nun aufgemalte Hinweise auf die BSG Chemie und die Polizei Leipzig fahndet nach Zeugen zu der symbolischen Hinrichtung.

Der Puls steigt in Leipzig spürbar an vor dem Derby. Foto: L-IZ.de

Der Puls steigt in Leipzig spürbar an vor dem Derby. Foto: L-IZ.de

„Wir brauchen da auch eine stärkere Unterstützung der Polizei, der Gesellschaft und insbesondere auch der Verantwortlichen der Stadt Leipzig. Wenn wir die Daten der Angreifer am 11. Januar in Connewitz hätten und der Zuginsassen, könnten wir sofort Hausverbote verhängen. Die Arbeit der vielen Ehrenamtlichen, die Kinder- und Jugendarbeit und das Engagement der über 2.000 Mitglieder wird durch diese Chaoten gefährdet. Beim 1. FC Lok Leipzig spielen Menschen aus mehr als 20 Nationen Fußball. Wir wollen keine Rechtsextremisten und Hooligans im Stadion haben“, erklärten die Verantwortlichen des Vereins am gestrigen Mittwoch.

Zwar sind der Polizei aus datenschutzrechtlichen Gründen die Hände gebunden, was die Weitergabe der Namen von Tatverdächtigen des 11. Januar 2016 betrifft. Dennoch scheint sie neben der landesweiten Kartei „Gewalttäter Sport“ wenigstens teilweise die Grundlage der behördlichen Betretungs- und Aufenthaltsverbote für die 154 gewaltbereiten Personen am 13. November in Leutzsch bei der Gefahrenprognose zu sein. Spätestens die noch ausstehenden Gerichtsprozesse zum gemeinsam begangenen schweren Landfriedensbruch in Connewitz unter anschließender Verhaftung vor Ort werden wohl jedoch das Licht auf Teile der im Vorfeld des Derbys agierenden Fans werfen.

Dann dürften auch für weitere Mitglieder der Gruppierung die Tore am Bruno-Plache-Stadion verschlossen bleiben. Mindestens 41 Stadionverbote gibt es bereits in Probstheida – doch bei Auswärtsspielen nützen nur landesweite Ausschlüsse oder das Agieren des Gastgebervereins, wie nun durch die BSG Chemie.

In jedem Fall dürfte sich Leutzsch am 13. November in eine Art Polizeifestung verwandeln, mit Hundertschaften werden die Beamten dann auch Personalien kontrollieren. Bei der „Fanszene“ rufen dennoch einige User dazu auf, sich am Spieltag „alle oder keiner“ trotzdem nach Leutzsch zu begeben. Andere, darunter ein ehemaliges NPD-Mitglied, weisen bereits darauf hin, dass dies 1.500 bis 2.500 Euro pro Person kosten könnte.

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