Immer wieder Wurzen: Angriff auf Wohnung eines Geflüchteten

Für alle LeserDie sächsische Kleinstadt Wurzen ist ein Schwerpunkt rassistischer Gewalt gegen Geflüchtete – obwohl viele Einwohner das leugnen. Nachdem sich im Juni bereits ein Mob geformt hatte, der von der Polizei noch gestoppt werden konnte, wurde nun eine Wohnung mit Pflastersteinen beworfen. Eine Person soll dabei verletzt worden sein.

Als vor einigen Monaten das antifaschistische Bündnis „Irgendwo in Deutschland“ zu einer Demonstration nach Wurzen mobilisierte, war die Aufregung im Vorfeld groß. Viele Bürger sahen sich und ihre Kleinstadt zu Unrecht in die „rechte Ecke“ gestellt. Manche befürchteten ähnliche Ausschreitungen wie kurz zuvor rund um den G20-Gipfel in Hamburg und verbarrikadierten ihre Geschäfte. Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei empfing schließlich die ankommenden Demonstranten am Bahnhof – jene Beamten kommen normalerweise bei Geiselnahmen, Entführungen, Razzien oder Terrorlagen zum Einsatz.

Am Ende war es laut Polizei eine friedliche Demonstration. Jedoch erhielten mehrere rechte Störer Anzeigen wegen gefährlicher Körperverletzung, Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und Mitführens eines Schlagstocks.

Verbarrikadiertes Geschäft während der Antifa-Demo im September. Foto: L-IZ.de

Verbarrikadiertes Geschäft während der Antifa-Demo im September. Foto: L-IZ.de

Wie berechtigt das Anliegen der Demoteilnehmer war, auf die rechten Umtriebe in der Stadt nahe Leipzig aufmerksam zu machen, hat sich in der Nacht auf Donnerstag, den 14. Dezember, ein weiteres Mal gezeigt. Nachts um 2 Uhr warfen Unbekannte drei Pflastersteine in die Fenster einer Wohnung, in der ein Geflüchteter lebt. So schilderte es am Donnerstagnachmittag das Netzwerk für Demokratische Kultur in Wurzen. Die Polizei bestätigte laut MDR diese Darstellung. Das Netzwerk berichtet zudem von einem Bekannten des Mieters, der in der Wohnung übernachtet hat und von einem Stein am Bein verletzt worden sei. Die Polizei ermittelt laut MDR trotzdem nur wegen Sachbeschädigung.

An dem beschädigten Fenster seien außerdem Aufkleber mit der Aufschrift „All Chemiker are Jews“ („Alle Chemiker sind Juden“) gefunden worden. Ähnliche Sticker waren zuletzt vor dem Derby zwischen dem 1. FC Lok und der BSG Chemie aufgetaucht. Während des Spiels kam es dann zu antisemitischen Rufen seitens einiger Lok-Fans.

Terror in Wurzen. Eine Frage der Perspektive. Foto: L-IZ.de

Terror in Wurzen. Eine Frage der Perspektive. Foto: L-IZ.de

Anfang Dezember folgte ein diskriminierender Vorfall im Rahmen eines Fußballspiels in Wurzen selbst. Beim Gastspiel des Roten Stern Leipzig gaben Zuschauer mehrmals Affenlaute von sich, wenn ein bestimmter Spieler des Leipziger Vereins am Ball war. Auch Geflüchtete wurden nicht zum ersten Mal in diesem Jahr Opfer einer rassistischen Attacke in Wurzen. Im Januar kam es an einer Wohnung zu Drohungen und Einschüchterungen. Im Juni folgte dann eine Zusammenrottung von etwa 50 teils alkoholisierten Personen, die offenbar eine Wohnung angreifen wollten. Die Polizei konnte den „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“ rufenden Mob jedoch davon abhalten.

Wurzen ist seit den 1990er Jahren für seine Neonaziszene bekannt, welche rechte Kampfsportler und Versandhändler ebenso umfasst wie Anmelder von völkischen Demonstrationen. In der jüngeren Vergangenheit hatte die Stadt unter anderem mit deutlichen Stellungnahmen des Oberbürgermeisters Jörg Röglin (SPD) auf die Gewalttaten reagiert. Aktuell gibt es noch keine Stellungnahme.

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