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Montag, 18. Januar 2021

Indymedia-Demo: Ein Video und „Rand“-Beobachtungen

Von Michael Freitag

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    Wurde es so schlimm, wie manche im Vorfeld vermutet (oder vielleicht gar gehofft) hatten? Nein. War es friedlich? Auch nein. Letztlich war es dieses Mal die aus mehreren Bundesländern zusammengezogene Polizei, welche am 25. Januar souverän reagierte und bei der brenzligsten Situation von allen an der Richard-Lehmann, Ecke Karl-Liebknecht-Straße durch eine Defensivtaktik bei gleichzeitiger Stärkedemonstration eine weitere Eskalation verhinderte. Was bleibt, ist wohl die Frage, warum es unter den am Ende rund 1.300 Demonstranten nicht allen reichte, ein beeindruckendes Bild großer Masse und Solidarität für ihr „linksunten.indymedia“ zu hinterlassen.

    Impressionen von der „Wir sind Indymedia“-Demo am 25. Januar in Leipzig

    Video: L-IZ.de

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    Was sich zu Beginn der Auftaktkundgebung von „Wir sind alle Indymedia“ am Simsonplatz um 17 Uhr mit rund 500 Teilnehmern als eher klein darstellt, wächst unmittelbar nach dem Start der loslaufenden Demonstration zunehmend an. Einerseits, weil bald noch einige der 200 Gegendemonstranten von der frühzeitig an der Brandstraße beendeten Kundgebungsdarstellung André Poggenburgs (mit 10 Teilnehmern) hinzustoßen.

    Andererseits, weil es mit jeder Querstraße mehr und mehr Teilnehmer werden, sodass sich bereits kurz vor dem Südplatz deutlich über 1.000 Menschen auf der Karl-Liebknecht-Straße Richtung Süden bewegen.

    Die Erwartungshaltung an die Demonstration und ihrer vermuteten Unfriedlichkeit kann man bereits an der sehr hohen Zahl der anwesenden Foto- und Filmreporter ablesen, darunter nach eigenem Bekunden auf Twitter auch jemand, der angeblich „undercover“ für das rechtsradikale Compact-Magazin filmte. Ob diese Anwesenheit von den Demonstranten entdeckt worden war oder sich unter diesen viele befanden, welche zunehmend gereizt auf die Schwemme von nah heranrückenden Filmteams und deren helles Scheinwerferlicht reagierten, ist noch unklar.

    Wahrscheinlich ist, dass hier eine hohe Mediendichte auf teils international zugereiste Vermummte trifft, welche durchaus Lust auf Krawall zu haben scheinen und etwas gegen zuviel Licht haben. Auch durchaus regional szenebekannte Journalisten beklagen sich bereits während und nach der Demonstration über die teils feindliche Stimmung gegenüber jenen, die das Demonstrationsgeschehen filmen wollen.

    Aufschaukeln

    Während es auf der Kundgebung auf dem Simsonplatz vor allem um das Verbot von „linksunten.indymedia“ ging, beginnen schon auf der Harkortstraße über Riemannstraße zur Karl-Liebknecht-Straße hin die Rufe „Policia assasini“ und „Hass, Hass, Hass wie noch nie, All cops are bastards, ACAB“. Ab dem Südplatz dann der „Folklore“-Teil; die ersten einzelnen Bengalofeuer werden entzündet und kurz vor der Kreuzung Kurt-Eisner-Straße fliegen die ersten Böller aus der in Teilen vermummten Demonstration.

    Maßgeblich für die anschließend nicht mehr nur begleitenden Rolle der Polizei dürfte der nachfolgende Angriff an der Ecke Fichtestraße sein. Eine Gruppe Einsatzbeamter, welche sich am Rande der Demonstration bewegt, wird plötzlich mit einem Bewurf aus Böllern und Raketen nicht von der Front, sondern aus der Mitte des lang gestreckten Demonstrationszuges eingedeckt.

    Nachdem sie sich – teils rennend – auf Höhe der dortigen Konsumfiliale in die Fichtestraße zurückgezogen hat und einige Angreifer dies als Signal werten, noch einmal nachsetzen zu können – verschärft die Polizei anschließend langsam aber deutlich die Gangart.

    Zum ersten Mal erschallt umgehend mit dieser Situation die Aufforderung aus einem polizeilichen Lautsprecherwagen an den Demonstrationszug, die Vermummungen abzulegen und das Abbrennen von Bengalos und anderer Feuerwerkskörper einzustellen. Teils wird dies quittiert mit „Halt die Fresse“ und „ACAB“-Rufen, an der Grundsituation ändert sich nicht viel.

    Endspiel?

    Anschließend spult die Polizei ein defensiv-taktisches Drehbuch ab. Bis zum Erreichen der Kreuzung Richard-Lehmann-Straße/ Ecke Karl-Liebknecht-Straße wiederholt eine eher fränkisch klingende Polizeistimme die Aufforderung des Vermummungsverbotes und der Böllerei via Lautsprecherdurchsage wie vor Einsatzmaßnahmen gesetzlich vorgegeben exakt drei Mal, sodass praktisch jeder Demonstrant mitzählen kann, wann der Einsatzpunkt kommen wird.

    Diesen hat ab jetzt die Polizei auf der Kreuzung Richard-Lehmann-Straße fixiert, auf dem die Demonstration nach der dritten Durchsage zum Stehen kommt, während die Einsatzleitung bereits Einheiten in jeder der vier Straßenrichtungen positioniert hat.

    Parallel dazu beginnen an dieser Stelle jene Demonstrationsteilnehmer, die selbst Krawall suchen, erste echte Zerstörungen. Ein lautes Platzgeräusch kennzeichnet die berstende Scheibe an der Haltestelle Richard-Lehmann-Straße, abbiegende Polizeiwagen werden attackiert, während sich der Kessel der Polizei zuzieht. Jetzt kommen auch die großen Böller zum Einsatz, offenbar haben einige Demo-Teilnehmer eine Menge eingepackt.

    Bilder zu einem späteren Zeitpunkt zeigen auch aus der Gehwegpflasterung herausgelöste Steine vor der dort ansässigen „Subway“-Filiale.

    Für etwa 10 Minuten ist nun – auch die Bilder des nach 0:15 Uhr beginnenden Polizeieinsatzes von Silvester 2019/20 am Connewitzer Kreuz im Kopf – tatsächlich zu befürchten, dass hier eine Art Kampfsituation zwischen Demonstrierenden, allen Umstehenden und der Polizei entstehen wird.

    Zwischenbeobachtungen zu diesem Zeitpunkt an der Kreuzung

    Ein Mann mit einem Kind auf den Schultern läuft auf Höhe der HTWK vorüber, der Kleine sagt von oben, weinend: „Papa … hier gehen wir nicht mehr her!“ Der Mann stimmt zu und so verschwinden Papa und Sohn auf der Lehmann-Straße Richtung MDR, die Beamtenkette lässt sie durchgehen. Andere wollen auch nur noch weg, versuchen über die Kantstraße die Demonstration zu verlassen – auch da Beamte, die den Weg versperren, kurze Zeit darf hier und an anderen Punkten niemand mehr vorbei.

    Ein Mann, der behauptet aus Dresden zu sein und für Indymedia zu demonstrieren, weist den Autor des Textes darauf hin, doch die Kamera nicht in der Hand zu tragen, diese könnte bei einem möglichen Gerangel kaputtgehen. Der Autor selbst zieht sich (nicht deshalb, aber aufgrund der Situation selbst) auf eine möglichst lichtstarke Position zurück, um nicht irgendwo hineinzugeraten, wo man auch als Journalist schwer wieder herauskommt. Und anschließend nicht mehr berichten kann.

    Was schnell deutlich wird: aus der Demonstration heraus fehlt denen, die Steine werfen wollen, die Unterstützung. Was etwas langsamer deutlich wird: dieses Mal wird es keine wild umherrennenden Polizeitrupps geben, die Beamten bleiben passiv und warten ab, während sie die Ausgänge versperren. Und ganz langsam Menschen gehen lassen, die friedlich gehen wollen.

    In einer sichtgeschützten Ecke zieht derweil ein junger Mann seine Gesichtsmaske ab, die schwarze Oberbekleidung aus und nun mit einem andersfarbigen Hoodie bekleidet spaziert er davon.

    Die Anmelderin der Demonstration hat mittlerweile das Ende der Versammlung bekanntgegeben.

    Auflösung oder die Widersprüche der Gewalt

    Als die verbliebenen Demonstranten nach fast einer Dreiviertelstunde ihre Spontandemonstration mit der Polizei abgesprochen haben, gehen nun noch runde 500 Menschen bis zum Herderpark. Und verstreuen sich dort, in der Wolfgang-Heinze-Straße, langsam in alle Richtungen.

    Auf dem Heimweg entlang der Karl-Liebknecht-Straße ist ein Mitarbeiter der Konsum-Filiale an der Fichtestraße damit beschäftigt, der versammelten Polizei zu erzählen, wann und wie wohl ein Stein oder anderes die Frontscheibe des Ladens getroffen hat.

    Der Wagen des Fensterglasers steht nun, zwei Stunden nach dem Vorfall, daneben. Haben hier mal wieder Menschen zur Steigerung des Bruttosozialproduktes beigetragen, während sie glaubten, gegen den Kapitalismus, die Polizei und für Integration zu kämpfen?

    Die ewigen Widersprüche der Gewalt.

    Liveticker zum Demosamstag: Protest gegen Indymedia-Verbot und Poggenburg

    Verhandlung am Mittwoch: Worum es beim Indymedia-Prozess geht

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