Auf dem Augustusplatz demonstrierten am Sonntagnachmittag circa 300 Menschen für die Freiheit der iranischen Bevölkerung. Die USA und Israel starteten zuvor am Samstagmorgen eine gemeinsame Militäroperation gegen das Mullah-Regime. Kritik am Krieg war durch die größtenteils iranischen Teilnehmer weniger zu vernehmen, stattdessen erlebte man eine ausgelassene Stimmung.

Nach einem wochenlangen Hin und Her zwischen der USA und dem Mullah-Regime über eine Verhandlungslösung u.a. zur Verhinderung des iranischen Atomwaffenprogramms folgte der bereits erwartete Schlag gegen die islamistische Regime. US-Präsident Donald Trump und der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu begründeten den Angriff mit der wachsenden Bedrohung durch den Iran. Beide Staatsoberhäupter appellierten an die Bevölkerung des Iran, dass sie nicht der Feind sei, sondern das Regime.

Diese Botschaft kam offensichtlich auch bei zahlreichen Exil-Iranern in Deutschland an. Statt die gewöhnlichen Hassparolen gegen die USA und Israel bei Demonstrationen im Nahost-Kontext sieht man zurzeit eher eine „Bombenstimmung“ in mehreren Orten in Deutschland.

So auch auf dem Augustusplatz: Süßigkeiten wurden verteilt, Sekt wurde getrunken und Menschen tanzten und feierten ausgelassen. Nur die Reden am Anfang, Flugblätter, zahlreichen Schilder und iranische, israelische, ukrainische, deutsche und US-amerikanische Flaggen erinnerten daran, dass hinter der ausgelassenen Stimmung politische Forderungen stehen.

„Rettungsaktion“

Die Kundgebung wurde u.a. von der Gruppe “Perser in Leipzig” organisiert. Die L-IZ sprach mit Solmaz, die ein Wechselbad der Gefühle schilderte.

“Gestern Abend [Anm. am Samstag nach den Angriffen, d. Red.] haben wir geweint, gelacht und getrunken.” Sie äußerte das vollkommene Gegenteil, dass man von jemanden erwarten würde dessen Heimatland gerade angegriffen wird: “Wir nehmen es nicht als Angriff, sondern als militärische Intervention wahr” und setzte nach: “Als Rettungsaktion für 90 Millionen Iraner.”

Solmaz freut sich über die aktuellen Entwicklungen. Foto: Alexander Böhm
Solmaz freut sich über die aktuellen Entwicklungen. Foto: Alexander Böhm

“Alle schauen nur nach Palästina”, zeigte sie sich enttäuscht. “Ich weiß nicht, warum wir keine Unterstützung erhalten.”

Und in der Tat: Die internationalen Reaktionen der letzten Jahre fielen nicht durch großes Engagement für die iranische Opposition auf, weder in der offiziellen Politik noch im außerparlamentarischen Raum.

Die Niederschlagung der großen Proteste von 2009: Kaum Reaktionen, vereinzelte Demonstrationen. Nach dem gewaltsamen Tod der 22-Jährigen Jina Mahsa Amini 2022 war der Ruf “Jin, Jiyan, Azadî” (“Frau, Leben, Freiheit”) auf Leipzigs Straßen zu hören. Der Slogan hielt Einzug in die feministische Protestkultur, aber reale Auswirkungen oder gar ernsthafter Druck auf das Regime waren nicht zu spüren.

Frau, Leben, Freiheit-Kundgebung am Augustusplatz 2022. Foto: Alexander Böhm
Frau, Leben, Freiheit-Kundgebung am Augustusplatz 2022. Foto: Alexander Böhm

Auch nach den Massakern im Rahmen der Massenproteste am 8. und 9. Januar gab es von der internationalen Politik Worte, aber wenig Taten.

Im Angesicht der im Raum stehenden Opferzahlen kann eine gewisse Freude über die Tod des obersten geistlichen Führer – oder schlicht Diktator – Ali Chamenei wenig verwundern: Offizielle Angaben sprachen von 3.117 Toten, laut unbestätigten Informationen der TIME aus dem iranischen Gesundheitsministerium soll es sich jedoch um mehr als 30.000 handeln – was ungefähr der Einwohnerzahl Riesas entspricht.

Auch Human Rights Watch konnte zumindest anhand von Zeugenaussagen und weiterern Quellen eine hohe Zahl an Toten bestätigen und warnte, dass, wenn das Regime nicht gestoppt würde, es weiterhin zu Gräueltaten käme.

“Jetzt nehmen wir gerne die Hilfe”, meinte Solmaz im Gespräch zum Einsatz der USA und Israel.

Zukunft?

“Wir verstehen nicht die Unterstützung der Politik für das Regime”, drückte sie ebenfalls Unverständnis über die mangelnde Handlungsbereitschaft der deutschen Politik gerade mit Blick auf außenpolitische Interessen aus. “Ein Iran ohne das Mullah-Regime würde mehr Sicherheit in der Region bedeuten.”

Für sie ist die Bedrohung anderer Länder recht eindeutig. “Iran bereitet eine Atombombe vor”, sagte sie und wunderte sich über die beschwichtigenden Reaktionen. “Was denken die Politiker?”, fragte sie und meinte, dass mit der Umsetzung des Waffenprogramms auch die Bombe Europa bedrohen würde.

Doch wie könnte eine Alternative zu den Islamisten im Teheran aussehen? Bereits an den Flaggen auf der Demonstration könnte man die eindeutige Meinung der Teilnehmer erkennen. Fast sämtliche iranische Flaggen trugen den Löwen mit Säbel vor der aufgehenden Sonne. Es handelt sich um die alte Staatsflagge, die bis 1979 unter dem ehemaligen Schah galt.

“Wir haben die einzige Alternative Reza Pahlavi”, ist sie sich sicher. Pahlavi ist der Sohn des ehemaligen Schahs Mohammad Reza Pahlavi. Er wurde 1979 im Laufe der Revolution gestürzt. Unter Ajatollah Ruhollah Chomeini wurde aus der Diktatur des Schahs eine Glaubensdiktatur. Die Mullahs zwangen über Jahrzehnte der Bevölkerung eine streng schiitische Leitkultur auf, im krassen Gegensatz zur unter dem Schah mehr westlichen und weniger vom Islam geprägten Kultur.

„Es geht nicht um Monarchie“, antwortete Solmaz auf die Nachfrage zu den bereits gemachten Erfahrungen unter Pahlavis Vater, “wir wollen unsere Kultur zurück”.

Das Ergebnis der islamischen Revolution war für sie eindeutig und bezeichnete Chomeini als Fehler. “Die Iraner haben den Islam erlebt”, meint sie, “90 Millionen haben ihn hinter sich gelassen.” Sie wünscht sich eine säkularen und demokratischen Iran.

An die deutsche Politik hatte sie die Forderung, dass die iranische Botschaft in Berlin sofort geschlossen werde. Auch im verteilten Flugblättern wurde diese Forderung erhoben und ein Abbruch der politischen und finanziellen Verbindungen gefordert.

Was im Iran wirklich gerade passiert, lässt sich schwer einschätzen. Ist eine Mehrheit auf der Seite von Pahlavi wie auf dem Augustusplatz? Gibt es andere nennenswerte oppositionelle Gruppen, die die Macht der Mullahs brechen können? Oder wird das Regime für weitere Jahre an der Macht bleiben?

Antworten aus dem Iran selbst sind vorerst nicht zu erwarten. Wie bereits während der Proteste Anfang Januar blockiert das Regime zurzeit die Kommunikation. Das Projekt NetBlocks vermeldet seit dem Beginn des Krieges einen Einbruch des Internetverkehrs auf ein Minimum.

Der Internetverkehr ist eingebrochen. Quelle: NetBlocks
Der Internetverkehr ist eingebrochen. Quelle: NetBlocks

Auch Solmaz hat keinen Kontakt, so wie viele andere Iraner im Ausland zur ihren Bekannten und Verwandten.

Man kann nur das Beste hoffen.

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