Häusliche Gewalt: In Leipzig ein Problem, nicht erst durch Corona

Für alle LeserIn Leipzig ist der Beratungsbedarf bei häuslicher Gewalt bisher nicht angestiegen. Er war schon vorher hoch und das Personal knapp. Lynn Huber ist seit 2006 Mitarbeiterin in der Koordinierungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking und im Vorstand des Vereins Frauen für Frauen e.V. Wann die Fälle häuslicher Gewalt in Leipzig zuletzt am höchsten waren, wie man Hilfe bekommt und was zu häuslicher Gewalt führt, erklärt sie im Interview.

Frau Huber, können Sie feststellen, dass die Corona-Krise für mehr häusliche Gewalt sorgt?

Wir können bis jetzt noch nicht sagen, dass wir einen starken Anstieg hatten, wir gehen aber davon aus, dass dieser noch kommen wird. Die Anfragen im Beratungszentrum des Frauen für Frauen e.V. und in den Frauenhäusern in Leipzig waren schon vor der Krise sehr hoch. Die personellen Ressourcen waren daher schon vorher knapp.

Die Krise hat es noch mal deutlicher gemacht, dass wir systemrelevant sind, denn interessanterweise sind wir keine Pflichtaufgabe der Kommunen. Das heißt: Gemeinden müssen keine Frauenschutzeinrichtungen vorhalten. Wenn wir aber systemrelevant sind, sollten Frauenschutzeinrichtungen auch flächendeckend in Sachsen gefördert werden.

Wie frequentiert war die Beratungsstelle vor der Corona-Krise?

Wir wurden schon vor der Krise viel angefragt. 2019 haben wir in der Koordinierungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking (KIS) 747 Personen beraten. Unser Netzwerk aus verschiedenen Kooperationspartner/-innen unter anderem der Polizei, der Frauenhäuser, des Allgemeinen Sozialen Dienstes, der Täterberatung und Rechtsanwältinnen arbeitet gut, daher sind wir gut aufgestellt. Frauen können sich bei uns per Telefonberatung oder Onlinevideoberatung Hilfe holen.

Unsere Aufgabe ist einerseits die Netzwerkarbeit, also die genannten Akteuren, die mit dem Thema in Berührung kommen, an einen Tisch zu holen. Ein anderer Teil ist Beratung und Hilfe von Betroffenen. Es gibt eine Kooperationsvereinbarung mit der Polizei. Wenn die Polizei zu einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt gerufen wird, dann übermittelt sie uns die Kontaktdaten der Betroffenen mit deren Einwilligung und wir bieten dann unsere Beratung an.

Es geht uns darum, Betroffene über die Gewaltdynamik zu informieren und einen Sicherheitsplan für Betroffene und deren Kinder zu entwerfen. Viele Betroffene gehen nicht in ein Frauenhaus, sondern bleiben in der Wohnung und der Täter wird der Wohnung verwiesen und es werden Anträge nach dem Gewaltschutzgesetz gestellt.

Was meinen Sie mit Gewaltdynamik?

Es ist nicht so, dass in Familien immer und permanent Gewalt stattfindet. Es ist ein Kreislauf. Es gibt immer wieder Phasen in denen es eine scheinbar gute, liebevolle und fürsorgliche Partnerschaft zu sein scheint. Dadurch ist es schwer für Betroffene auszusteigen, weil sie immer hoffen, dass die gute Phase für immer anhält.

Die Betroffenen denken oft, dass sie es in der Hand haben, die Gewaltausbrüche zu verhindern. Man muss es früh erkennen, dass dem nicht so ist. Es wird oft notwendig, Hilfen von außen in Anspruch zu nehmen, um Schutz herstellen zu können.

Ist es schwer, Opfer davon zu überzeugen?

Das machen wir in der Beratung. Es ist jede Situation anders. Dadurch, dass wir das seit Jahren machen und viele Situationen kennen, können wir das den Opfern spiegeln und erklären, an welchem Punkt sie wohl gerade sind. Gerade aufgrund des Kreislaufs kann es passieren, das Betroffene mehrere Anläufe brauchen, bis sie den eigenen Schutz herstellen können.

Wie viele Frauenhäuser gibt es in Leipzig?

Es gibt drei Frauenhäuser: in unserer Trägerschaft ist das 1. Autonome Frauenhaus und das Schutzhaus für geflüchtete Frauen und Kinder (S.H.E), zudem gibt es das Frauen- und Kinderschutzhaus eines anderen Trägers.

Wieso kommt es zu häuslicher Gewalt?

Das ist eine Problematik, die sich über die Generationen weiter trägt. Oftmals gibt es bei Täter und Opfer Vorerfahrungen aus der eigenen Kindheit. Es ist definitiv nicht schicht- und bildungsniveauabhängig. Das ist ein häufiges Vorurteil. Zusätzliche familiäre Belastungen in der Corona-Krise können eine Rolle spielen: finanzielle Probleme, die Enge des Wohnraums, permanente Anwesenheit der Kinder.

In Familien in denen es Tendenzen zu häuslicher Gewalt gibt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es dann erneut zu Übergriffen kommt. Durch die Corona- Krise gibt es weniger Rückzugsmöglichkeiten, auch aus Gewaltsituationen rauszugehen.

Gibt es noch andere Ursachen?

In der KIS beraten wir Frauen und Männer, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Über die Jahre waren es immer nur fünf Prozent Männer. Gewalt ist häufig geschlechtsspezifisch. Es gibt körperliche, psychische, sexualisierte Gewalt und soziale Gewalt, also Unterbindung von Kontakten, und auch Gewalt in Bezug auf finanzielle Ressourcen.

Gibt es klassische Zeiten im Jahr, in denen mit verstärkter häuslicher Gewalt zu rechnen ist?

An den Weihnachtsfeiertagen 2019 gab es ein sehr hohes Anfrageaufkommen. Wie gesagt erhalten wir Informationen, wenn die Polizei deswegen ausrückt. Dadurch bekommen wir mit, was in der Stadt los ist. Aber es gibt eigentlich nicht die klassischen Zeiträume.

Die Zahlen steigen jährlich, das liegt nicht daran, dass es mehr häusliche Gewalt gibt, sondern dass das Dunkelfeld aufgedeckt wird. Durch gute Netzwerk- und Pressearbeit wird das Thema immer besser in die Öffentlichkeit getragen. Immer mehr Betroffene sehen, dass es kein Einzelfall ist und wo sie sich hinwenden müssen. Das führt dazu, dass wir mehr angefragt werden, dadurch brauchen wir mehr Personal und mehr Platz. Es ist ein großes gesellschaftliches Problem, was schon lange existiert.

Wie läuft eine Beratung ab und wie viele Kolleginnen arbeiten bei der KIS?

In der KIS sind wir zu viert. Drei Kolleginnen beraten Erwachsene, eine berät Kinder- und Jugendliche. Die Beratungen der Kinder unterscheidet sich natürlich. Die Kinder haben eine eigene Perspektive und eigene Bedürfnisse. Diese werden in der Kinder- und Jugendberatung aufgegriffen und fließen mit in die Erwachsenenberatung ein. Meistens kommt die Beratung der Kinder über die Erwachsenenberatung zustande.

Es gibt aber auch den Fall, dass Jugendliche in ihrer eigenen Beziehung Gewalt erleben und sich an uns wenden. Die KIS bietet Krisenintervention an. Betroffene kommen meistens bis zu fünf Mal in die Beratung. Wenn es längerfristige Beratung oder Therapie braucht, vermitteln wir weiter an unsere Frauenberatungsstelle oder externe Therapeuten. Unser Fokus liegt auf dem Schutz und der Sicherheit von Betroffenen und deren Kindern.

Erreichbarkeit der Projekte des Vereins

KIS: 0341 3068778

Frauennotruf 0341-30610800

1.Autonomes Frauenhaus 0341 4798179

S.H.E. 0341 44238229

In Leipzig suchen immer mehr Opfer häuslicher Gewalt nach Unterstützung

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