Wir gehören auch zu Leipzig (2): Hells Angels-Chef Maik Richter im Interview über Rockerclubs, Runde Tische und die menschliche Natur

Im ausführlichen Interview nimmt Maik Richter (47), Chef der Hells Angels Leipzig, Stellung zum Miteinander der Leipziger Rockerclubs, zum eigenen Clubhaus der Hells Angels in der Dessauer Straße und den diversen Begegnungen mit der Leipziger Polizei.
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Der Club betreibt ein imposantes Clubhaus in der Dessauer Straße. Wie kann man so etwas finanziell stemmen?

Ob es wirklich so imposant ist, weiß ich nicht. Wir haben aus einer alten Ruine sprichwörtlich im Schweiße unseres Angesichtes elf Monate lang Tag für Tag eine vorzeigbare Heimstatt gemacht. Da kamen uns die handwerklichen Fähigkeiten unserer Member zugute. Kein Hexenwerk, aber solide und harte Arbeit.

Auch die Nähe zur rechten Szene wird dem Club unterstellt. Gibt es Mitglieder, die dieser Szene zugehörig sind?

Hells Angels sind prinzipiell unpolitisch, wir sind weder rechts noch links. Dieser Vorwurf wird doch nur gern verwendet, weil die Polizei damit eine härtere Gangart gegen uns rechtfertigen kann. Wir haben mit Nazis ebenso wenig am Hut wie mit linken Radikalen. Wir sind ein internationaler Club, haben viele Migranten sowohl als Mitglieder als auch als Supporter. Ich selber habe eher links-liberale Ansichten. Wer rechts wählt, hat doch aus der jüngeren deutschen Geschichte rein gar nichts gelernt. Eine Geschichte dazu: Wir hatten hier im Club einen Hangaround, der mit der rechten Szene zu tun hatte. Er wollte sich partout davon nicht lösen, also haben wir ihm gesagt, er hat sich zu entscheiden. Das hat er getan – und den Club verlassen.

Das klingt alles, als sei der Hells Angels Motorcycle Club ein Verein von Chorknaben.

Ist er natürlich nicht. Wir stehen für die genannten Werte, und die verteidigen wir auch.Gewalt ist ein Teil der menschlichen Natur, sagte unlängst ein führender Hells Angel. Gilt das auch für das Leipziger Charter?

Das gilt glaube ich für jeden Menschen, aber da müssen wir jetzt nichts hinein interpretieren. Fakt ist: Wenn man angegriffen oder beleidigt wird, verteidigt man sich. Das liegt in der menschlichen Natur. Die Art und Weise kann verschieden sein.

Das Gewaltmonopol liegt beim Staat, und dieser sieht es auch nicht gern, wenn andere das für ihn übernehmen wollen. Wie sind solche Machtdemonstrationen wie vor einem Jahr in der Gottschedstraße einzuordnen?

Das war keine Machtdemonstration. Das wurde völlig übertrieben dargestellt und hochgepuscht. Es wurde auch keine Straße abgesperrt oder der Verkehr geregelt von uns. Man kann die Dinge eben auch so darstellen, wie es einem gefällt. Die Aufgaben und Arbeit der Polizei akzeptieren wir, das ist gar nicht die Frage.

Die Polizei verspricht sich durch die sogenannte „Null-Toleranz-Strategie“ Erfolge im Kampf gegen die Rocker-Kriminalität und sichert bei jeder Feier im Hells Angels-Clubhaus mit großem Aufgebot ab. Übertriebene Fürsorglichkeit aus Ihrer Sicht?

Ich weiß nicht, wen oder vor wem die Polizei da schützen will. Es gab nie auch nur ein einziges Vorkommnis bei Veranstaltungen von uns. Es werden ja nun sogar Taschenmesser als Waffen deklariert, um vorzeigbare Ergebnisse zu produzieren. Aber ich will eines klarstellen: Wir sehen die Polizei nicht als unseren Feind. Die Polizisten haben auch nur ihre Befehle auszuführen, die sie von Leuten bekommen, die leider überhaupt keine Ahnung haben. Aber wir haben keine Lobby, da lässt es sich leichter gegen uns vorgehen.

Fühlen Sie sich gegängelt durch die Sicherheitsbehörden?Ja und nein. Begeistert sind wir sicherlich nicht, aber wenn ich Motorrad fahren will, kann ich das. Klar ist, dass uns das Leben schon schwer gemacht werden soll. Wie anders sind Kontrollen zu erklären, bei denen die Verkehrssicherheit unserer Bikes stundenlang geprüft wird, wenn wir nach Prag zum World Run fahren wollen? Nachdem dann alle endlich auf Drogen, Waffen, fahrtüchtige Bikes und Führerschein untersucht worden waren, durften wir auch nur einzeln aus der Stadt herausfahren. Was soll das anderes sein als Schikane? Das ist nur albern.

Ein Verbot von Rockerclubs wird seit Monaten diskutiert. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Ich persönlich denke, es wird sich alles relativieren, ebenso unser Bild in der Öffentlichkeit, so dass ein Verbot kein Thema mehr sein wird. Wahrheit lässt sich eben nicht immer verbiegen. Auf der anderen Seite: Meine Freunde werden immer meine Freunde bleiben, egal, ob oder was sie auf dem Rücken tragen.

Befreundet mit den Angels sollen angeblich auch die anderen Leipziger Motorradclubs und -vereinigungen in Leipzig und Umgebung sein. Die Polizei spricht von Vereinnahmung. Gibt es Druck der Hells Angels auf die anderen Clubs, sich unterzuordnen?

Definitiv nicht. Die Szene in Leipzig ist bunt und vielfältig, und das soll auch so bleiben. Es ist für jeden etwas dabei. Wir haben einige Support-Clubs, sicher. Viele Biker fühlen sich zu uns hingezogen. Akzeptiert werden aber alle, und wir werden auch niemandem unsere Meinung aufzwingen. Wir kennen und respektieren uns.

Runde Tische sind aber bekanntlich niemals ganz rund …Hier schon. Wir haben gemeinsame Interessen, das Motorradfahren steht entgegen vieler Behauptungen im Mittelpunkt. Gerade unser Club ist sehr viel unterwegs, 15.000 Kilometer auf dem Bike kommen da für den Einzelnen schnell zusammen pro Jahr. Wir feiern zusammen, reden, diskutieren – ganz normal eben. Es ist wie eine große, weitläufige Familie.

Warum wird man dann Hells Angel?

Ich kann nur für mich sprechen. Die Faszination für diesen Club trage ich schon lange in mir. In Hannover und Reutlingen habe ich dann Member des Clubs kennengelernt, irgendwann stand mein Entschluss fest, dazugehören zu wollen. Mich hat diese Brüderlichkeit und Herzlichkeit, auch die Direktheit von Beginn an fasziniert. Die Mitglieder sind durch Werte miteinander verbunden, die es in der bürgerlichen Welt kaum noch gibt. Deshalb haben die Hells Angels auch eine so große Anziehungskraft.

Fühlen sich die Hells Angels als Bestandteil des Lebens in der Stadt Leipzig?

Natürlich. Ich habe auch noch nie eine Anfeindung erlebt. Ich lebe seit 47 Jahren in dieser Stadt, kenne viele Leute, habe viele Freunde. Manchmal erlebe ich eine gewisse Scheu uns gegenüber. Einmal habe ich mich zwei Stunden lang mit dem Oberbürgermeister Jung unterhalten. Irgendwann sagte ihm jemand, wer ich bin – und das war es dann. Es fiel kein Wort mehr. Aber man kann uns jederzeit kennenlernen – und wird merken, dass wir normale Menschen sind, mit Stärken und Schwächen, aber ehrlich und direkt. Dafür stehen wir nun mal, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

VGWortLIZ

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