Der Islam führt zu heftigen Diskussionen. Auch wenn es DEN Islam so nicht gibt. Im Islam spielt das Recht eine wichtige Rolle. Was aber ist das islamische Recht? Ist das islamische Recht mit unseren Gesetzen vereinbar? Gibt es einen modernen Islam, der seine Quellen historisch-kritisch auslegt? Professor Hans-Georg Ebert ist an der Universität Leipzig Professor für islamisches Recht. Ihn befragte ich zu den Brennpunkten rund um den Islam.

In der Erforschung und Deutung der Bibel spielt seit dem 19. Jahrhundert die historisch-kritische Methode eine wichtige Rolle. Gibt es entsprechende Ansätze auch in der muslimischen Theologie?

Es gibt sicher bestimmte historisch-kritische Ansätze in der muslimischen Theologie, aber diese sind nicht vergleichbar mit der Situation im Christentum. Das hat verschiedene Ursachen. Die Hauptursache ist, dass der Islam eine ganz andere historische Entwicklung genommen hat und viele Prozesse, die für das Christentum wichtig und prägend waren, im Islam so nicht stattgefunden haben; Prozesse wie die Reformation und die Aufklärung. Daher ist der Islam in einem ganz anderen Umfeld zu dem geworden, was er heute darstellt. Das beginnt schon im Ausgangspunkt im 7. Jahrhundert, als der Islam für die Arabische Halbinsel nicht nur eine neue und einheitliche Gottheit gebracht hat, sondern auch ein Staatswesen, das Kalifat. Dieses stellte sich zunächst als eine Verbindung von Religion und Recht dar. Deshalb spielt das Recht im Islam eine andere Rolle als im Christentum und in anderen Religionen. Vergleichbar ist die Situation mit dem Judentum, insbesondere was die Anwendung von rechtlichen Regelungen angeht.

Andererseits ist die islamische Welt seit dem 19. Jahrhundert zum größten Teil kolonialisiert worden. Die Kolonialmächte, allen voran England und Frankreich, haben eigene Interessen verfolgt. Dies hat die theologische Beschäftigung mit dem Islam beeinflusst und überlagert.

Natürlich gibt es auch im Islam eine kritische Sicht auf die Quellentexte. Der Ansatz dazu findet sich schon in der Frühzeit des Islam. Bereits mit der Idee von den Offenbarungsgründen [jede Offenbarung hat einen bestimmten historischen Anlass] wird eine Grundlage dazu gelegt. Aber eine Entwicklung, wie wir sie seit dem 19. Jahrhundert im Christentum kennen, hat es nie gegeben.

Wäre eine historisch-kritische Exegese für die islamische Theologie hilfreich?

Sie wäre auf jeden Fall hilfreich. Nur muss man sagen, dass der Koran eine andere Art von religiöser Schrift ist als die Bibel, zumindest aus der Sicht der Muslime. Für die Muslime in ihrer großen Mehrheit ist der Koran das Wort Gottes, welches nur bedingt einer historisch-kritischen und sprachwissenschaftlichen Sicht zugänglich ist. Natürlich gibt es Interpretationen, gibt es Auslegungen. Das beginnt schon im 8. und 9. Jahrhundert. Aber in seiner Bedeutung als Wort Gottes ist die Situation am ehesten mit dem frühen Judentum vergleichbar.

Kann man sagen, dass der Koran keine neue Gottheit einbringt, sondern den Gott Abraham?

Der Islam und damit auch die Offenbarungen im Koran basieren selbstverständlich auf den religiösen Vorstellungen, die die Arabische Halbinsel im 7. Jahrhundert geprägt haben. Diese islamische Gedankenwelt ist insofern auch eine Weiterführung und Neuinterpretation dessen, was Juden und Christen ihrem Gott zuschreiben. Muslime sehen in Muhammad denjenigen Propheten, der abschließend die gesamte und endgültige Gottesbotschaft den Menschen überbracht hat.

Manche Christen bestehen darauf, dass der Gott, der im Koran verkündet wird, ein ganz anderer sei als der Gott der Christen und der Juden. Die katholische Kirche dagegen betont die gemeinsame Wurzel im Gottesbild Abrahams. Was steht im Vordergrund, das Trennende oder das Gemeinsame?

Das ist natürlich immer eine schwierige Frage. Ich denke, was die Theologie angeht, sollte man doch stärker von dem Gemeinsamen sprechen. Insofern ergibt sich hier auch ein klarer Ansatzpunkt für die Zusammenarbeit zwischen den Religionen. Es kommt immer darauf an, was man mit diesen Aussagen bezwecken will. Es ist aber letztlich nicht das Gottesbild, was das Besondere an der islamischen Religion ausmacht, sondern das Rechts- und Wertesystem. Die Verrechtlichung unterscheidet den Islam von den beiden anderen Religionen, die die Muslime aber dennoch als Buchreligionen bezeichnen und akzeptieren.

Die Unterschiede liegen also nicht im Gottesbild, sondern im Rechtsverständnis, würden Sie sagen.

Sie liegen vor allem im Rechtsverständnis, d.h. in den Vorgaben für ein gottgefälliges Leben. Aber Unterschiede gibt es auch in den Auffassungen über das Verhältnis von Staat und Religion und über die Rolle der Muslime in der Welt insgesamt.

Was ist dieses Selbstverständnis der Muslime in der Welt?

Jede Religion nimmt selbstverständlich für sich in Anspruch, die einzig wahre Religion zu sein. Das tun die Katholiken und die Protestanten, aber natürlich auch die Muslime. Insofern geht es nicht darum, über dieses Selbstverständnis zu diskutieren. Sondern es geht tatsächlich um das Zusammenleben der Religionen und darum, das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen. Das Trennende sind das spezifische Rechtssystem und die aus politischen Gegebenheiten resultierenden Konflikte. Daraus resultieren Unterschiede in Bezug auf einige westliche Lebensvorstellungen und Werte.

Ein wichtiges Konfliktfeld in der Auseinandersetzung mit dem Islam ist das Thema Gewalt. Papst Franziskus hat betont, dass eine angemessene Interpretation des Korans jeder Gewalt entgegenstehe. In einem Artikel auf Welt.de ist dagegen zu lesen, Mohammed sei ein Mann gewesen, der extreme Gewalt zur Durchsetzung seiner Ziele angewandt habe. Welche Rolle spielt das Thema Gewalt im islamischen Recht?

Gewalt spielt natürlich in allen Religionen eine Rolle. Wir kennen diese Gewalt ebenso im Christentum und im Judentum. Es ist für mich auch keine Frage, dass man Texte in die eine oder andere Richtung interpretieren kann. Auch der Koran ist natürlich für solche Interpretationen offen. Es sind widersprüchliche Verse im Koran enthalten: Auf der einen Seite Verse, in denen man die Toleranz und das Miteinander mit Christen und Juden in den Mittelpunkt stellt, auf der anderen Seite Verse, in denen es darum geht, dass man Polytheisten oder Ungläubige töten und nicht mit ihnen in Beziehung treten soll. Aber es finden sich zwei grundsätzliche Aussagen im Koran, die man gewissermaßen als “Resultat” der verschiedenen widersprüchlichen Verse sehen kann. Eine dieser Aussagen ist der Vers 2,256, in dem es heißt, “es sei kein Zwang im Glauben”. Das bedeutet, dass niemand mit Gewalt zur Annahme des Islam gezwungen werden soll. Nur die Überzeugung und die Erläuterung der göttlichen Botschaft des Korans könnten erfolgreich sein.

Die andere Aussage deutet ebenfalls auf die Widersprüche der koranischen Texte hin. Vers 9,29 spricht davon, dass die Nichtmuslime eine bestimmte “Kopfsteuer” bezahlen sollen und für diese Steuer das Recht erwerben, ihre Religion frei auszuüben, ihr Eigentum zu behalten und ihre privaten Angelegenheiten selbst zu regeln. Diese Kernaussagen des Korans deuten darauf hin, dass man durchaus einen Toleranzgedanken aus dem frühen muslimischen Verständnis entwickeln kann. Freilich wird man auch mit anderen Versen argumentieren können, denkt man könnte an den sog. Schwertvers (Koran 9,5). Aber ich glaube, es ist nicht zielführend, die eine oder die andere Seite als die für immer gültige Interpretation zu werten.

Das liegt auch daran, dass die Muslime von der schon erwähnten Theorie der Offenbarungsgründe ausgehen. Verse gegen die Angehörigen der Buchreligionen oder gegen Ungläubige im Allgemeinen sind in einer Situation des Kampfes offenbart worden. In anderen Phasen waren etwa die Juden in Medina Verbündete im Kampf gegen die Mekkaner und damit in einer ganz anderen Situation. Ich denke, dass Gewalt immer zur Geschichte dieser Religion (wie im Übrigen auch zu anderen Religionen) gehört. In der Frühzeit des Islam dominierte die Ausbreitung mit dem Schwert. Viele Feldzüge wurden militärisch geführt. Eine ganz andere Frage ist aber, wie man Gewalt heute, wie sie etwa durch den sogenannten “Islamischen Staat” ausgeübt wird, bewertet.

Dieses Interview erschien am 20. März 2015 in der Probeausgabe der Leipziger Zeitung. Weitere Informationen zur neuen Wochenzeitung in Leipzig: www.leipzigerzeitung.net

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