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Das Bildungsalphabet – Heute: P wie Poly? Technisch!

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    Früher war nicht alles besser. Ich weiß nicht genau, wie viele unserer Leser sie noch besucht haben. Die „allgemeinbildende polytechnische Oberschule“ in der DDR. Rein rechnerisch gesehen sind es im „Silberhochzeitsjahr“ der Wiedervereinigung nur die älteren unter ihnen. Schon klar. Für mich als Pädagogen gibt es natürlich wenig Grund, diesem „System“ hinterher zu trauern, denn nicht nur dafür steht das Goethe-Wort des Mephisto, dass „alles, was besteht, wert [ist], dass es zugrunde geht“. Auch klar. Und wer trauert schon einem Ehepartner hinterher, von dem er sich vor 25 Jahren scheiden ließ? Früher war nicht alles besser.

    „Allgemeinbildend“ war sie nur begrenzt, die Schule in der DDR. „Fausts-Vision“ („Ein Sumpf zieht am Gebirge hin ..“) wurde als vorkommunistisch, die Mauer als „antifaschistisch“ deklariert; „Schutzwälle“ gegen angeblich zu viel „Bürgerlichkeit“ in Kunst und Literatur errichtet. Man kannte eben nur den einen Hermann. Kant. Weniger den Philosophen oder Literaturnobelpreisträger Hesse, sondern den Verfasser der „Aula“. Hermann Kant. Kennt kaum einer noch. Klingt aber immer noch ein wenig nach DDR, wenn man den Namen hört. Hermann Hesse – das klang nach „Klassenfeind“.

    Also nichts mit „poly“. Dann schon eher technisch. Ich kloppte mir im Reichsbahnausbesserungswerk „Einheit“ Leipzig einmal die Woche die Daumen blau. Beim Nieten von irgendwelchen Metallteilen. „Türpufferplatten“ sagten die Vorarbeiter zu diesen Dingern. Und die Schule nannte diesen Tag „Produktive Arbeit“. Keine Ahnung, ob die meine Nietarbeiten jemals zum Puffern der Waggontüren verwenden konnten, mein linker Daumen jedenfalls tat regelmäßig einmal in der Woche weh.

    Heutzutage sitzen die Kinder und Jugendlichen oft hinter Tastaturen, die blauen Daumen sind durch „Mausarme“ ersetzt worden, und oft sind sie dabei allein. Schlich sich im ohrenbetäubenden Lärm des Nietens und Nagelns am „produktiven Arbeitstag“ ein Vertreter der „Patenbrigade“ unbemerkt heran und zeigte dir, wo vielleicht ein kleinerer Hammer hängt, stehen die Kleinen und Großen heute da und vergleichen die Kapazitäten ihrer technischen Geräte. „Ey, Alter, dein Handy is Hamma!“ Als ich zuletzt eine Schülerin im Unterricht bat, dies einmal an die Tafel zu schreiben, las ich genau das. Vom Hammer zum „Hamma“. Nun gut, man muss mit der Zeit gehen, dachte ich mir und korrigierte es vorsichtig. Dieses soziosemantische Konvolut, um es vornehm auszudrücken. Gott sei Dank konnten wir alle darüber schmunzeln. Falsch. Wir lachten schon kräftig.

    „Wie war das denn so im Kommunismus?“ fragte Max, einer der „Großen“ im Deutschkurs der 12. Klasse. „Welchem Kommunismus?“ fragte ich zurück. „Na, dem in der DDR!“ Auf solche Fragen kann man nicht schnell und aus dem Bauch heraus antworten. Wie erkläre ich ihm, dass Vieles einfach anders war, als es heute dargestellt wird, die DDR nicht nur aus Staatssicherheit und „Goldenen Hennen“, aus großen Jugendwerkhöfen und kleinen Mucks bestand? („Muck“ = „Avatar“ für Hartmut Schulze-Gerlach, einem bekannten Schlagerstar aus vergangenen Zeiten und heutigem Moderator.)

    Wie mache ich meinen Schülern begreiflich, dass die Bezeichnung „Kommunismus“ als historisch-politische Kennzeichnung des „Arbeiter-und-Bauern-Staates“ vollkommen unzutreffend ist und höchstens für MDR-Redaktionssitzungen von „Damals war’s“ oder „Geschichte Mitteldeutschlands“ taugt? „Warum?“ fragt Max. Weil in der DDR der Anspruch hinter der Realität zurückblieb, antworte ich. Weil blaue Daumen mit Blauäugigkeiten einhergingen, was die demokratische Wirklichkeit betraf. Umstände und Umsetzung den humanistischen Zielen oftmals entgegenstanden. Wieder erwische ich mich, dass ich die Inhalte meiner zwei Unterrichtsfächer allzu oft verwechsle. Wir haben doch jetzt Deutsch, nicht Geschichte, erinnere ich mich selbst daran. Also zurück zum „Hamma“. Verzeihung, Hammer. Eine fortschrittliche Gesellschaft darf nicht versuchen, mit Propaganda die Wirklichkeit zu überspielen. Nach der Holzhammer-Methode.

    Ich zähle einige dieser Ideologeme auf und schreibe sie an die Tafel. „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“, „Hauptaufgabe“ oder „unverbrüchliche Freundschaft“ (Mir schmerzt gleich wieder der Daumen.) Nichtssagende Phrasen, an der Wirklichkeit vorbei. „Ist doch heute nicht viel anders.“ Wer war das?

    „Empathiefähigkeit“, „Toleranz“ oder „Authentizität“. Ich kann gar nicht so schnell schreiben, wie mir die Begriffe um die Ohren fliegen. Bitte melden, meine ich. Nicht den Schüler beim Schulleiter, sondern durch das Heben der Hände anzeigen, dass man etwas sagen möchte … Wir lächeln wieder. „Wir brauchen mehr Persönlichkeiten, weniger technische Spezialisten, haben Sie selbst gesagt.“ Kräht Vincent von hinten. „Beides. Und nicht ich habe das gesagt, sondern Albert Einstein.“ Schmunzele ich zurück. Weniger „Technik“, mehr „Herz“ ergänzt Elisabeth leise ganz vorne.

    „Ich bin jetzt schon eine Woche ohne Handy ausgekommen, Herr Jopp, gut was?“ – „Ja, Maria, irgendwie geht’s schon, oder?“ Mir läuft das Herz über, angesichts solcher Antworten. „Der Wille des Menschen muss völlig frei stehen zwischen Pflicht und Neigung, und in dieses Majestätsrecht seiner Person kann und darf keine physische Nötigung greifen.“ Werfe ich noch einen Friedrich Schiller hinterher. Hätte ich dieses Mal gar nicht gebraucht. Seine „Ästhetischen Briefe“.

    Früher war nicht alles besser.

    Das Bildungsalphabet erschien in der LEIPZIGER ZEITUNG. Hier von A-Z an dieser Stelle zum Nachlesen auch für L-IZ.de-Leser mit freundlicher Genehmigung des Autors. 

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