These #7: Es gibt keine wertlosen Menschen.

Für alle LeserDie Akzeptanz einer gesellschaftlichen Unterschicht ist inhuman und zynisch, daher müssen wir diesem Prozess entgegenwirken und Chancengleichheit herstellen. Deutschland, ein Wohlfahrtsstaat mit Sozialleistungssystem und Schulpflicht. Wie kann es dann eine neue Unterschicht geben und durch was zeichnet sie sich aus?
Anzeige

Betrachtet man die Unterschicht aus dem Blickwinkel der Mitte der Gesellschaft, so beschreibt sie eine soziale Schicht, mit der man sich nicht gleichstellen will. Es sind aus diesem Blickwinkel meist jene, die schon durch ihr Auftreten und ihr Handeln bzw. Nichthandeln erkennbar scheinen. Sie sind unmotiviert und bildungsfern und zumeist haben sie einen ungesunden Lebensstil.

„Unterschichten-TV“- dieser Begriff umreißt hierbei schon ein recht klares Bild von unmotivierten Langzeitarbeitslosen, überforderten und zur Erziehung unfähigen Alleinerziehenden und Großfamilien, integrationsunwilligen kriminellen Ausländern, suchtmittelabhängigen und ziellosen Jugendlichen usw., um nur einige dieser vorgefertigten Klischees zu nennen. Eins ist in diesen Zuschreibungen aber meist mit enthalten: „Die sind doch am Ende selbst schuld!“.

Ist das so? Passen diese Zuschreibungen, und sind „die“ nicht selbst schuld? Richtig ist, dass die neue Unterschicht so verschieden ist wie der Rest der Gesellschaft. Allerdings lassen sich Personengruppen ausmachen, die betroffen oder gefährdet sind von finanzieller und kultureller Armut, die Teilhabe nur im geringen Ausmaß oder gar nicht erleben. Ihre Selbstverwirklichungschancen sind eher gering und ihre Hoffnung auf sozialen Aufstieg ist gehemmt oder aber sie haben gar gänzlich resigniert.

Diese Personengruppen lassen sich z.B. aus dem Armutsbericht 2017 entnehmen. Gefährdet sind vor allem Arbeitslose, Arbeitnehmer in prekären Beschäftigungsverhältnissen, Alleinerziehende, Migranten und m.E. auch psychisch Erkrankte und Menschen mit Behinderung; vor allem aber deren Kinder (vgl. Paritätische Gesamtverband, 2017). Deutschland zählt zu den Ländern mit durchschnittlicher Einkommensungleichheit und geringer sozialer Mobilität. Demnach würde es beim derzeitigem Niveau von Ungleichheit und sozialer Mobilität bis zu sechs Generationen dauern, bis die Nachkommen einer Familie vom unteren Ende der Einkommensgrenze die durchschnittliche Einkommensgrenze erreichen können (vgl. Neues Deutschland, 2018).

Daraus lässt sich ableiten, dass die soziale Herkunft immer noch mitbestimmend ist über den eigenen sozialen Werdegang und die eigene soziale Mobilität. Ein Indiz, dass die Zugehörigkeit zur Unterschicht keineswegs selbstgewähltes Leid oder Eigenverschulden in Gänze darstellen kann. Im Gegenteil, sie ist eher Beweis dafür, dass Chancengleichheit in Deutschland maximal ein theoretisches Konstrukt sein kann. Ein Phänomen, welches uns in unserer täglichen Arbeit immer wieder begegnet.

Da ist der Schüler, der seine Hausaufgaben zu Hause nicht erledigen kann, weil eine Internetrecherche gefordert ist und es zu Hause kein Internet gibt, die Schule aber am Nachmittag keine Möglichkeit bietet, einen Computer zu nutzen. Oder die junge Frau mit Kopftuch, welche trotz eines super Zeugnisses vergeblich um einen Ausbildungsplatz kämpft. Aber auch der Hauptschüler, der sich in Eigenregie das Programmieren beigebracht hat, aber nie die Chance erhalten wird seinen Wunschberuf zu erlernen, weil ein Realschulabschluss Voraussetzung ist. Oder die junge Mutti, die ihr Abitur abbrechen muss weil die familiäre Kinderbetreuung nicht gewährleistet werden kann und es zeitnah keinen Kita-Platz geben wird.

Die Beispiele könnten jetzt noch um einige ergänzt werden. Bei vielen dieser Probleme werden wir natürlich tätig, um Schlimmeres zu verhindern. Wir vermitteln zwischen den Systemen, damit die junge Mutti nicht das Handtuch werfen muss oder setzen den Schüler bei uns an den Rechner, damit er seine Hausaufgabe erledigen kann. Verdammt, sind wir gut! Aber ist DAS tatsächlich unsere Aufgabe? Kann und sollte soziale Arbeit nicht mehr können als die bestehenden Systeme zu bedienen und Schadensbegrenzung zu betreiben?! Und befördert soziale Arbeit an bestimmten Stellen nicht sogar genau diese Systeme? Soziale Arbeit sollte sich zumindest kritisch mit dem eigenen Verständnis auseinandersetzen und die strukturellen, gesellschaftlichen Zusammenhänge hinterfragen und offenlegen.

Quellenangaben:

Paritätischer Gesamtverband (2017): „Menschenwürde ist Menschenrecht. Bericht zur Armutsentwicklung in Deutschland 2017“, URL https://www.armutskongress.de/fileadmin/files/Dokumente/AK_Dokumente/armutsbericht-2017.pdf, zuletzt aufgerufen am 16.05.2019 um 22:45 Uhr

Simon Poelchau (2018): „Die Klassen sind undurchlässig. OECD bescheinigt Kindern armer Familien geringe Aufstiegschancen“, Neues Deutschland, URL https://www.neues-deutschland.de/artikel/1091337.soziale-ungleichheit-die-klassen-sind-undurchlaessig.html, zuletzt aufgerufen am 16.05.2019 um 22:51 Uhr

Infos zur Thesen-Aktion: Anlässlich seines 25-jährigen Bestehens hat der Mobile Jugendarbeit Leipzig e.V. einen Kalender mit 25 Thesen aus der Praxis zusammengestellt. Diese beziehen sich auf aktuelle Gegebenheiten und Entwicklungen in Gesellschaft und Jugendarbeit, auf die die Streetworker des Vereins in ihrer täglichen Arbeit stoßen. Die Thesen sollen zum Nachdenken und zur Diskussion anregen – und im Idealfall den Anstoß für einen Veränderungsprozess geben.

Mehr Infos zur Mobilen Jugendarbeit Leipzig e.V.:
www.kuebelonline.de

These #6: In Zeiten des Spardiktates und allmächtiger Kämmerer wird Jugendhilfe nur noch als Kostenfaktor gesehen.

KalenderMobile Jugendarbeit25 Thesen
Print Friendly, PDF & Email
 


Schneller informiert mit dem L-IZ-Melder
Weitere Nachrichten:Bewegungsmelder | Wortmelder | Rückmelder | Sport | Polizei | Verkehr


Weitere aktuelle Nachrichten auf L-IZ.de

Menschen brauchen Orte der Begegnung: Die Leipziger Museen sollten schnellstmöglich wieder geöffnet werden
Im Museum der bildenden Künste. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserDass es so viele Menschen gibt, die meinen, gegen die immer neuen Corona-Maßnahmen protestieren zu müssen, hat auch damit zu tun, dass nicht wirklich klar ist, was alle diese Maßnahmen eigentlich bewirken. Es fehlt die Stringenz. Wichtige Maßnahmen, die die Verbreitung des Virus wirklich einhegen könnten, wurden unterlassen. Andere machen wenig bis gar keinen Sinn. Und auch die Direktoren der Leipziger Museen haben eigentlich die Nase voll von dieser Symbolpolitik.
Die Diskussion um die 2-Milliarden-Euro-Haushalte der Stadt Leipzig für die Jahre 2021/22 kann jetzt beginnen
Torsten Bonew. Foto: L-IZ

Foto: L-IZ

Für alle LeserAm Dienstag, 24. November, hat Leipzigs Finanzbürgermeister Torsten Bonew dem Leipziger Stadtrat den Haushaltsplanentwurf für die Jahre 2021 und 2022 vorgelegt. Das Arbeitsprogramm hat ein Gesamtvolumen von 2 Milliarden Euro im laufenden Haushaltsjahr und davon über 200 Millionen Euro pro Jahr für Investitionsmaßnahmen.
Unfuck the Economy: Wie wir aus dem katastrophalen alten Wirtschaftsdenken schleunigst herauskommen müssen
Waldemar Zeiler mit Katharina Höftmann Ciobotaru: Unfuck the Economy. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserIch weiß nicht, ob der Titel zündet. Auch wenn man ahnt, warum Waldemar Zeiler so deftig in die Jugendsprache gegriffen hat, um klarzumachen, dass es so nicht weitergeht, dass unsere ganze derzeitige Art, Wirtschaft zu denken, falsch und dumm ist und wir über die gesamten Grundlagen unseres Wohlstands gründlich nachdenken müssen. Jetzt und schnell. Die Corona-Pause wäre eine einmalig gute Gelegenheit dafür gewesen.
„Fußball ist eben nicht nur, an den Ball treten.“ – FC Phoenix-Präsident Erik Haberecht zwischen Hoffnung und Resignation
Der Phoenix kann aktuell nicht über den Fußballplatz fliegen. Foto: Jan Kaefer

Foto: Jan Kaefer

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 85, seit 20. November im HandelSeit Anfang November rollt entsprechend der aktuellen Corona-Schutzverordnung im Freizeit- und Amateursport kein Ball mehr. Sportanlagen sind gesperrt, Mannschaftstrainings untersagt. Das bringt auch für die Sportvereine bundesweit zum Teil erhebliche Probleme und Herausforderungen mit sich.
Dienstag, der 24. November 2020: Haushaltsplanung in Zeiten der Coronakrise
Das Neue Rathaus in Leipzig. Foto: L-IZ.de

Foto: L-IZ.de

Für alle LeserDer Leipziger Stadtrat hat sich heute erstmals mit dem Doppelhaushalt für die Jahre 2021/22 befasst. Klar ist: Dank der Coronakrise wird die Verschuldung der Stadt massiv ansteigen. Unterdessen wurden Details der neuen sächsischen Corona-Schutzverordnung bekannt. In Hotspots soll es demnach Ausgangsbeschränkungen geben. Die L-IZ fasst zusammen, was am Dienstag, den 24. November 2020, in Leipzig und Sachsen wichtig war.
Schulgeld errichtet hohe Hürden für junge Leute, die medizinische Berufe erlernen wollen
Hohe Hürde Schulgeld. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEs ist zwar nicht nur in Sachsen so. Auch in anderen Bundesländern hat man das Gesundheitswesen auf Kante gespart und gerade beim medizinischen Personal immer weiter die Effizienz-Schraube gedreht. Aber dass nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie überall das medizinische Pflegepersonal fehlt, hat auch damit zu tun, dass für die Ausbildung immer noch Schulgeld verlangt wird. Dabei hätte es in Sachsen längst abgeschafft sein sollen.
Der Stadtrat tagt: Die zweite November-Sitzung im Livestream und als Aufzeichnung
Der Stadtrat tagt in der Kongresshalle am Zoo. Foto: L-IZ.de

Foto: L-IZ.de

Für alle LeserDie Stadtspitze möchte in der Ratsversammlung am Dienstag, den 24. November, den Entwurf für den Doppelhaushalt 2021/22 einbringen. Die Abstimmung soll aber erst am 31. März 2021 erfolgen. Der Doppelhaushalt ist fast das einzige Thema, das heute auf der Tagesordnung steht. Die L-IZ wird berichten. Ab circa 15 Uhr ist zudem ein Livestream verfügbar.
Haus der Selbstständigen Leipzig: Solidarität mit Solo-Selbstständigen in der Pandemie?
Selbst und ständig und meistens allein. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserDie Coronakrise brachte es unbarmherzig an den Tag, wie wenig Reserven gerade die Solo-Selbstständigen in Leipzig haben. Über Nacht brachen vielen von ihnen die Aufträge weg. Und die Hilfsprogramme passten bei den meisten überhaupt nicht zum Geschäftsmodell. Und einen schlagkräftigen Verband haben sie erst recht nicht. Aber seit September zumindest eine Anlaufstelle. Am 27. November gibt es die ersten Online-Angebote.
Corona bringt auf neue Ideen: Schaubühne Lindenfels startet heute das Online-Format „The Cockpit Collective“
The Cockpit Collective: Mit Berühmtheiten in Dialog. Foto: Schaubühne Lindenfels

Foto: Schaubühne Lindenfels

Für alle LeserDas Theater geht weiter – trotz geschlossener Häuser: Die Schaubühne Lindenfels lädt mit ihrem neuen Format „The Cockpit Collective“ zum digitalen „Interface Theater“ ein, zu einem Fantasiespiel auf realer Grundlage in diversen Variationen. Live über Zoom kann das Publikum mit bekannten Personen aus Vergangenheit und Gegenwart, verkörpert von Schauspieler/-innen, ins Gespräch kommen und mit ihnen über mögliche Zukünfte spekulieren.
Um den Leipziger Auwald zu retten, muss schon bis 2026 gehandelt werden
Die Trockenheit der letzten drei Jahre begünstigt Pilzkrankheiten. Im Leipziger Auwald sterben dadurch derzeit besonders die Esche und der Bergahorn ab. Selbst die Stieleiche ist bereits betroffen. Foto: André Künzelmann/UFZ

Foto: André Künzelmann/UFZ

Für alle LeserAuch als Journalist fühlt man sich ziemlich oft wie ein Marathonläufer. Die wissenschaftlichen Befunde liegen seit Jahren auf dem Tisch. Aber jahrelang kämpfen selbst die Umweltverbände gegen Windmühlenflügel und gummiartige Widerstände. So wie bei der Rettung von Auenwald und Elsteraue. Da brauchte es erst einen neuen Umweltminister und drei Dürresommer, damit Vernunft endlich auch zu Politik werden kann.
Zweite Erhebung der TU Dresden: Sachsens Schulen sind keine „silent hotspots“ für Corona
Fundstück. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserWieder wehte so ein großes Orakel durch den deutschen Nachrichtenwald: Schulen könnten – ohne dass es jemand merkt – zu neuen Corona-Hotspots geworden sein. Da die Kinder oft keine Symptome aufweisen, würde sich das Virus hier also heimlich ausbreiten. Aber diesem Vermuten widerspricht jetzt auch die zweite Phase der Schulstudie der TU Dresden.
Winter Wonderland: So beswingt kann Weihnachten klingen
Quintense: Winter Wonderland. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEs wäre so schön gewesen, die lockerste und flockigste Einstimmung auf das kommende Fest der Feste. Geplant war sie für den 28. November in der Peterskirche. Doch auch das „Winter Wonderland“-Programm von Quintense musste aufgrund des „Lockdowns Light“ abgesagt werden. Und nun? Fällt damit Weihnachten ins Wasser?
Chemnitzer Ausländerbehörde lässt über Nacht Leipziger Hebamme abschieben + Petition
Adelina Ajeti. Foto: privat

Foto: privat

Für alle LeserSo geht es wirklich nicht. Da steckt Deutschland gerade im medizinischen Bereich mitten in einem ausgewachsenen Fachkräftemangel. Es fehlen die ausgebildeten Pflegekräfte in den Krankenhäusern. Es fehlen aber auch qualifizierte Hebammen. Und da schiebt Sachsen mitten in der Nacht am 18. November gegen 2 Uhr eine junge, gut ausgebildete Hebamme in den Kosovo ab, die seit sechs Jahren in Leipzig lebt und dringend gebraucht wird.
Gastkommentar von Christian Wolff: Ministerpräsident/-innenrunde am Mittwoch – Jetzt ist Akzeptanz gefragt!
Christian Wolff (beim Brückenfest 2018). Foto: Michael Freitag

Foto: Michael Freitag

KommentarZwei Tage vor dem Treffen der Ministerpräsident/-innen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zeichnet sich leider das gleiche Szenario ab wie im Oktober: Der seit dem 2. November 2020 verfügte Lockdown soll bis 20. Dezember 2020 verlängert werden. Damit bleiben kulturelle Veranstaltungen, der Freizeitbereich, Gastronomie und Tourismus geschlossen bzw. verboten.
Montag, der 23. November 2020: Haribo macht Sachsen nicht mehr froh
Sachsen will die Zusammenarbeit mit Haribo sofort beenden und die 16.000 übrigen Gummibärchen an interessierte Schulen liefern. Foto: Andrzej Rembowski von Pixabay

Foto: Andrzej Rembowski von Pixabay

Für alle LeserSachsen möchte künftig auf Gummibärchen von Haribo verzichten, der Landtag darf bei der kommenden Corona-Schutzverordnung mitreden und Leipzig plant ein Hilfeprogramm für Eigenbetriebe in Höhe von 68 Millionen Euro. Außerdem: Obwohl der Weihnachtsmarkt in diesem Jahr ausfällt, soll es in der Innenstadt weihnachtlich aussehen. Die L-IZ fasst zusammen, was am Montag, den 23. November 2020, in Leipzig und Sachsen wichtig war.