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Zur Leipziger Disputation 2019 diskutieren diesmal Gregor Gysi und Lothar de Maizière

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    Noch vor einem halben Jahr freute sich die Kirchgemeinde St. Thomas riesig. Da war Annegret Kramp-Karrenbauer gerade frisch zur CDU-Vorsitzenden gewählt worden. Aber seit Monaten stand schon fest, dass sie 2019 zur Leipziger Disputation kommen würde. Mit dem einstigen Vorsitzenden der Linken, Gregor Gysi, sollte sie über das spannende Thema „Mit Religion Staat machen“ diskutieren. Und das auch noch im 500. Jahr nach der berühmten Leipziger Disputation zwischen Luther und Eck.

    Da hatten die Veranstalter genau das richtige Händchen gehabt. Hier die Spitzenfrau der CDU, dort der begabteste Redner der Linken. Und das bei einem solchen Thema, das auch nach 500 Jahren nichts von seiner Aktualität verloren hat.

    Seit zehn Jahren veranstalten diese ganz moderne Leipziger Disputation in Anlehnung an die Leipziger Disputation zwischen Martin Luther und Johann Eck im Jahre 1519 die Universität Leipzig, die Stadt Leipzig und die Ev.-Luth. Kirchgemeinde St. Thomas gemeinsam. Anfangs war die Thomaskirche selbst der Austragungsort, formulierten die Disputationspartner ihre Thesen auch selbst. Aber das Format entwickelte sich natürlich auch. So wie seinerzeit die beiden berühmten Doktoren könnte man heute sowieso nicht mehr disputieren. Wer beherrscht noch Latein?

    Und wer beherrscht noch die alte Kunst des Disputierens? Gar in Zeiten, da sich alle Welt an den kurzatmigen Streit in Fernseh-Talkshows gewöhnt hat? Können wir überhaupt noch inhaltsvoll streiten?

    Das wird durchaus auch am Dienstag, 25. Juni, um 20 Uhr im Paulinum Aula/Universitätskirche St. Pauli zur diesjährigen Leipziger Disputation eine Rolle spielen. Nur dass Annegret Kramp-Karrenbauer vor einer Woche unerwartet abgesagt hat. Unerwartete Termine kamen dazwischen. Das Amt der CDU-Vorsitzenden fordert sie.

    Was die Veranstalter natürlich zum Rotieren brachte. Sie kontaktierten all jene Partner, die schon in der Vergangenheit geholfen hatten, die beiden Positionen der Leipziger Disputation mit kompetenten Streitern zu besetzen. Besonders aktiv suchte man natürlich in Kreisen der Union. Wo war noch ein namhafter konservativer Politiker von Format, der einem redegewandten Gregor Gysi das Wasser reichen konnte? Natürlich denkt man da an Leute wie den langjährigen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert. Aber die haben auch nicht immer noch ein Plätzchen frei im Kalender.

    Die Erlösung kam am Donnerstag, 20. Juni: Da sagte Dr. Thomas de Maizière (CDU) zu, der gerade in den verschiedenen Merkel-Regierungen immer wichtige Minister-Ämter besetzt hat. Und als ein Diskussionspartner, der sich auch bei schwierigen Themen nicht einschüchtern lässt, ist er auch bekannt.

    Thesen muss er keine schreiben. Das Organisationsteam ist in den letzten Jahren schon dazu übergegangen, die Spannbreite einer möglichen Diskussion durch die Formulierung deutlich differenzierter Positionen aufzuzeichnen.

    Das reicht diesmal von der durchaus konservativen Position, die Ernst-Wolfgang Böckenförde 1976 formulierte, als er schrieb: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“

    Das ist das sogenannte Böckenförde-Diktum, das Religion in gewisser Weise zur „zentralen Quelle gesellschaftlicher Moralität“ macht.

    Eine Position, der ja bekanntlich ein gewisser Dr. Karl Marx schon 1843/44 in seiner Schrift Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie widersprochen hat. Der junge Hegelianer und Post-Hegelianer Marx ist oft viel spannender zu lesen als der ältere Weltumstürzer, gerade weil er – auch durch sein Studium – mitten im philosophischen Streit seiner Zeit stand und sich auch vor den größten Koryphäen nicht fürchtete. Und irgendwo in der „Kritik“ steht dann auch erstmals so von Marx formuliert: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“

    Das ist dann sozusagen die Gegenthese, ein bisschen vergoldet durch die häufige Zitation dieses seltsamen Opiums, obwohl Marx in seiner „Kritik“ noch ganz anderes schreibt, was wesentlich weiterführt. Etwa das: „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben, oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Societät. Dieser Staat, diese Societät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind.“

    Das ist quasi der Anti-Böckenförde, die Feststellung, dass nicht die Moralität einer Gesellschaft durch Religion begründet ist, sondern im Gegenteil – die Religion ist menschgemacht, sie nimmt die menschliche Moralität gewissermaßen auf und verwandelt sie in „die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens“.

    Da darf man durchaus vermuten, dass Gregor Gysi eher zur Marx’schen Interpretation neigt. Aber das erfährt man erst am Dienstag, 25. Juni, um 20 Uhr im Paulinum der Universität Leipzig, wenn Dr. Gregor Gysi (Die Linke) und Dr. Thomas de Maizière (CDU) über das Thema „Mit Religion Staat machen“ diskutieren.

    Moderiert wird die Veranstaltung von Dr. Heike Schmoll (FAZ). Musikalisch umrahmt wird die Veranstaltung von amarcord und dem Calmus Ensemble, die u.a. Ausschnitte aus der 12-stimmigen „Missa Et ecce terrae motus“ von Antoine Brumel singen werden.

    Kostenlose Tickets gibt es ab Samstag, 22. Juni, am Infopoint im Neuen Augusteum, Augustusplatz 10, 04109 Leipzig zu folgenden Zeiten: Samstag 10:00 Uhr bis 14:00 Uhr, Montag 09:00 Uhr bis 18:00 Uhr, Dienstag 09:00 Uhr bis 18:00 Uhr.

    Das Plakat der Leipziger Disputation 2019.

    Leipziger Disputation: Das musikalische Erdbeben von 1519, eingesungen von Amarcord, Calmus und zwei glockenhellen Frauenstimmen

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