Wie Corona die finsteren Seiten von Globalisierung und „Wettbewerbsfähigkeit“ sichtbar macht

Für alle LeserIn allerlei Medien geht dieser Tage ja das große Orakeln los, wie wir nach Ende der ganzen Kontaktsperren wegen Covid-19 leben werden. Die einen prophezeien eine völlig andere Welt, die nächsten meinen, es gehe dann einfach so weiter wie zuvor. Man würde einfach alle Systeme wieder hochfahren. Manche hoffen ja auch, dass die deutsche Politik endlich begreift, worum es beim Grundeinkommen geht. Aber ändert sich die Welt wirklich, wenn jetzt Menschen, die zu Hause bleiben müssen, erstaunlich solidarisch handeln?

Münzt sich das in Veränderungen um, die dann greifen, wenn die Ausgangssperren gelockert werden? Oder wird dann schnell wieder vergessen, dass Menschen eigentlich von Natur aus solidarisch handeln? Ein Thema, das Jakob Simmank in der „Zeit“ anhand des niederländischen Historikers Rutger Bregmann diskutiert, der der Öffentlichkeit spätestens seit dem Weltwirtschaftsforum in Davos vor einem Jahr bekannt ist, als er im Podium forderte, endlich über eine vernünftige Steuerpolitik nachzudenken.

Denn alle westlichen Staaten unterbieten sich bei den Steuern für Reiche und Konzerne seit Jahren in einem Wettbewerb um die „verlockendsten“ Steuern. Mit dem Ergebnis, dass die gewinnträchtigsten Konzerne fast keine Steuern zahlen und die Staaten in eine veritable Schuldenkrise hineingerauscht sind.

Man kann sich ja das Gezeter in der Börsenberichterstattung aller Zeitungen in den letzten Tagen anschauen, wie die Berichterstatter geradezu Entsetzen verbreiteten über den „schlimmsten Börsencrash“ seit langem.

Obwohl fallende Börsenkurse nur indirekt beschreiben, ob die Wirtschaft gerade ins Tal rauscht. Zuallererst erzählen sie von „Panikverkäufen“, die natürlich meist nur für Kleinanleger Panikverkäufe sind. Das Geld verschwindet ja nicht. Es wechselt nur den Besitzer, die riesigen Vermögen wachsen weiter und weiterhin rasen Billionen Euro und Dollar um den Erdball auf der Suche nach neuen Renditeanlagen.

Das Denken in unserer Gesellschaft ist völlig aufs Geld fixiert, auf Besitz und auf Wettbewerb. Der Wettbewerb – mit Ellenbogen und Kaltschnäuzigkeit durchexerziert – durchdringt längst alle Bereiche. Die etwas Älteren werden sich noch daran erinnern, wie Politiker mit begriffen wie Effizienz, Standortvorteil und Wettbewerbsfähigkeit die öffentliche Debatte okkupierten, dem Land einredeten, es sei nicht mehr konkurrenzfähig, man brauche einen „schlankeren Staat“, selbst Krankenhäuser müssten „wettbewerbsfähig“ werden. Einige dieser auf Wettbewerb schlank gehungerten Krankenhäuser mit einem völlig überlasteten Pflegepersonal werden jetzt in Zeiten der Corona-Epidemie an ihre Leistungsgrenzen kommen.

Die Pflegekräfte und Ärzte übrigens als erste. Und auf einmal stellt auch ein Ökonom wie Marcel Fratzscher fest, dass ausgerechnet all die Berufe, die für unsere Gesellschaft wirklich unersetzbar („systemrelevant“) sind, saumies bezahlt werden.

Es sind all die Menschen, ohne die selbst im Shutdown nichts läuft: die Kassier/-innen im Supermarkt, die Pflegekräfte in den Krankenhäusern, die Reinigungskräfte, Straßenbahnfahrer/-innen, Praxishilfen, Logistikarbeiter/-innen und Kraftfahrer/-innen, Altenpfleger/-innen …

„Es besteht zudem eine recht starke Korrelation zwischen dem Prestige von Berufen und deren Entlohnung. Im Durchschnitt liegt der Bruttostundenlohn in systemrelevanten Berufen um 15 bis 20 Prozent niedriger als in nicht systemrelevanten Berufen“, stellt Fratzscher fest. „Eine ganze Reihe systemrelevanter Berufe – wie Reinigungskräfte oder Beschäftigte im Lebensmitteleinzelhandel – erhält eine so geringe Bezahlung, dass sie in den Niedriglohnbereich fallen, also einen geringeren Lohn als zwölf Euro brutto pro Stunde verdienen.“

Doch sie alle können nicht ins Homeoffice gehen. Meist haben sie Schichtdienst und müssen selbst dann noch ran, wenn die anderen zu Hause Panik schieben. Polizist/-innen, Paketboten, Briefträger/-innen kommen hinzu. Und wenn wir noch ein bisschen warten, werden eine Menge Leute merken, dass auch Lehrer/-innen dazugehören – nämlich wenn die überforderten Eltern scheitern, ihren Kindern zu Hause den ganzen Lehrstoff beizubringen.

Unsere Gesellschaft steht völlig auf dem Kopf. Völlig nutzlose Berufe werden heillos überbezahlt, während gerade in den gesellschaftlich unersetzbaren Bereichen seit drei Jahrzehnten das neoliberale Sparmodell durchgedrückt wurde. Zum Glück mit Verspätung gegenüber den „Vorzeigeländern“ Großbritannien und USA, wo die Überlastung der Kliniken jetzt schon katastrophale Züge annimmt. Manchmal ist es fürs Überleben gut, dass in Deutschland nicht alles so fix „reformiert“ und privatisiert wird.

Aber die Gelder fließen ja auch deshalb in viele völlig überflüssige Branchen, weil diese durch Steuererlasse begünstigt werden. Denn die Auszeit zeigt auch wieder, wie sehr selbst die Corona-Pandemie mit den Verheerungen einer globalisierten Billig-Wirtschaft zusammenhängt. Ein Thema, das Marc-Uwe Kling, dem der Ausbruch der Corona-Epidemie in Deutschland den Filmstart für die Känguruh-Chroniken verhagelt hat, fast beiläufig auf den Punkt bringt. Denn zur Ausbreitung des Virus haben nun einmal „Tiere essen, Langstreckenflüge, Karnevalssitzungen und Après-Ski-Partys“ beigetragen.

Die Känguru-Chroniken (Writer’s Cut)

Im „Spiegel“-Beitrag „Der Tod einer Hausangestellten, der Brasilien in Angst versetzte“ weist Marian Blasberg darauf hin, wer eigentlich den Virus so schnell rund um den Erdball verschleppt hat. Die „Hausangestellten aus den Favelas“ waren es nämlich nicht.

Es war die reisende Oberschicht, für die es selbstverständlich ist, mit dem Flugzeug um die Welt zu reisen, den Urlaub schnell mal in Italien zu verbringen und dann entweder nach Brasilien oder New York zurückzukehren. Und Ischgl, das Epizentrum, von dem aus das Virus in ganz Europa verbreitet wurde? Die Menschen in den mies bezahlten „systemrelevanten Berufen“ waren ganz bestimmt nicht zum Winterurlaub in Ischgl.

Man sieht schon: Selbst die Corona-Pandemie hat eine sehr soziale Note. Wenn dann freilich die Verbreitungskette aus den Oberschichthaushalten über das Dienstpersonal zu den „Armutsgefährdeten“ kommt, wird es gefährlich. Die leben nämlich gezwungenermaßen ungesünder, ernähren sich schlechter und haben keine Möglichkeit zum Ausweichen.

Aber ich sehe noch nicht wirklich, dass der erzwungene Stillstand von den reich Beschenkten auch nur ansatzweise genutzt wird, jetzt über Korrekturen nachzudenken. Korrekturen, die auch vorher schon fällig waren. Denn es ist ja nicht nur so, dass die Supermarkt-Lebensmittel so billig sind, damit sich die Armen was zum Essen leisten können. Die Billigheimerei stützt einerseits natürlich die miserablen Löhne der vielen unersetzbaren Helfer. Und andererseits treibt sie mittlerweile auch die Bauern in den Ruin. Das wäre die erste Stellschraube, die anzupacken wäre.

Es gäbe eine Menge zu reparieren. Aber ich habe das dumme Gefühl, die Zeit der Ruhe wird von den entscheidenden Leuten ganz und gar nicht zum Nachdenken genutzt.

Ich befürchte, es geht nach der Linderung der Kontaktsperren einfach so weiter wie bisher. Unsolidarisch, rücksichtslos, egoistisch – und hochkant eingebildet auf eine Leistungsträgerschaft, die in Wirklichkeit keine ist.

Da ist dann auch all der abendliche Applaus nur noch verlogen.

Die Reihe „Nachdenken über …

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Nachdenken über ...Coronakrise
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