These #20: Soziale Arbeit ersetzt niemandem die Übernahme sozialer Verantwortung.

Für alle LeserSoziale Arbeit hat keine Alleinverantwortlichkeit und dient nicht als Kompensator. Soziale Verantwortung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – sie obliegt jedem einzelnen Menschen. Gilt es, soziales Handeln, gesellschaftliche Prozesse und die Profession der Sozialen Arbeit gemeinsam zu betrachten, empfiehlt sich Eingangs einen kurzen Blick auf die Entstehung und Ausgliederung der Sozialen Arbeit zu werfen. Soziales Handeln ist so alt wie die Menschheit selbst.

Ausgehend vom mittelalterlichen Armenwesen, über die soziale Befriedung im Kaiserreich bis hin zu Institutionalisierung und Professionalisierung der Sozialen Arbeit von der Weimarer Republik bis heute, zeigt sich, dass der soziale Frieden und das Gemeinwohl an kooperatives und menschliches Handeln geknüpft sind. Was einst durch engagierte Menschen geleistet wurde, wird heute von studierten und hoch spezialisierten Fachkräften übernommen, um Menschen in Notlagen unterstützen und soziale Ungleichheit abfedern zu können.

So beauftragt der Staat bzw. die Verwaltung freie Träger, damit diese sich den gesellschaftlichen Problemlagen annehmen und im weiten Feld sozialer Schieflagen aktiv werden. In diesem Bereich manifestiert sich die Aufgabe des Sozialstaates, seine Bürger vor negativen Auswüchsen des Kapitalismus zu schützen, welche dafür verantwortlich sind, dass Menschen, die nach markttypischen Kategorien nicht genügend beitragen können, systematisch ausgegrenzt und herabgestuft werden.

So wird beispielsweise in einigen Städten eine Wohnungsmarktpolitik gefahren, die Menschen mit keinem oder geringem Einkommen in einige wenige Stadtteile drückt. Wenn in diesen Stadtteilen dann die Sozialindikatoren in den Keller fallen, ist der erste Reflex der Verwaltung oft, Geld in soziale Projekte zu investieren. Somit ist der soziale Frieden gewahrt, aber am Großen und Ganzen wird sich dadurch nur wenig ändern.

Infolgedessen bekommt man dann als Sozialarbeitender schnell das Gefühl, lediglich das Heftpflaster für die moderne Soziale Frage zu sein. Was im Großen so funktioniert, setzt sich dann im Kleinen fort. Menschen, die sich in ihrem Stadtteil oder Wohnblock von ihren Mitbürgern/-innen gestört fühlen, nehmen nur selten das Heft des Handelns in ihre Hand.

So erreichen uns als Straßensozialarbeitende oft Mails und Anfragen von Menschen (z.B. Ortschaftsräten), die beispielsweise darum bitten, dass wir uns doch endlich mal um die Jugendliche kümmern sollen, die da im Park abhängen. Mit „kümmern“ ist aber oft Reglementierung oder Vertreibung gemeint.

Dabei wird völlig darüber hinweggesehen, dass wir so nicht arbeiten und die alleinige Verantwortlichkeit für die Jugendlichen nicht bei uns liegen kann. Denn das Wohl aller ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die auch jeden Einzelnen in die Verantwortung nimmt. Um die Bedeutung gemeinschaftlichen Agierens nachvollziehen zu können, lohnt es, sich mit dem Konzept der Sozialen Kohäsion auseinanderzusetzen.

Dieses Konzept bezieht sich auf die Qualität sozialer Interaktion von Individuen in einem räumlich begrenzten Gebiet, wie etwa einem Wohnblock oder einem Stadtteil. Dabei liegt die Stärke des Zusammenhalts nicht beim Individuum, sondern entfaltet erst ihre Wirkung in kollektiven Vorgängen und den Beziehungen, die dabei entstehen. Vertrauen, gemeinsames Handeln, soziale Normen und Zufriedenheit sind die Maßgeblichen Katalysatoren, um soziales Handeln durch Vertrauen und wahrgenommene soziale Unterstützung Gestalt annehmen zu lassen.

In diesem gemeinschaftlichen Miteinander lassen sich Probleme wesentlich konstruktiver und nachhaltiger lösen. Beispielsweise gibt es bei Fußballturnieren, die wir veranstalten, schon längst keine Schiedsrichter/-innen mehr. Wir geben die Verantwortung für einen reibungslosen und fairen Spielablauf in die Hände der Spieler/-innen.

Ähnlich verhält es sich mit den Anwohner/-innen und den Jugendlichen im Park. Wir stellen Beziehungen her und setzen darauf, dass gemeinschaftlich eine Lösung für die Situation gefunden wird, indem gegenseitig die Interessen, Sorgen und Perspektiven gesehen und verstanden werden.

Solche Prozessen werden durch die politische Wetterlage zunehmend erschwert. Mit dem Erstarken von Parteien, die auf Spaltung und Ausgrenzung setzen, sind solche Vorgänge immer schwerer zu realisieren. Menschen werden gegeneinander ausgespielt, anstatt sich zu solidarisieren und gemeinschaftlich Verantwortung für sich und ihre Umgebung zu übernehmen. Potentiale bleiben ungenutzt und ein Gefühl der sozialen Kälte breitet sich aus.

Jüngst haben die Ereignisse um die COVID-19-Pandemie das solidarische Handeln und die Übernahme sozialer Verantwortung wieder in den Fokus gerückt. So galt es, die Risikogruppen in der Gesellschaft zu schützen und zu unterstützen. Es wurde sich wieder in den Quartieren und Wohnblöcken vernetzt, um Erledigungen und Besorgungen füreinander zu leisten und somit durch die schwere Zeit des Lockdowns zu kommen.

Oftmals bedarf es nicht mehr, als etwas aus der eigenen Blase herauszutreten und Menschen Unterstützung anzubieten, ohne dafür eine Gegenleistung einzufordern.

Infos zur Thesen-Aktion: Anlässlich seines 25-jährigen Bestehens hat der Mobile Jugendarbeit Leipzig e.V. einen Kalender mit 25 Thesen aus der Praxis zusammengestellt. Diese beziehen sich auf aktuelle Gegebenheiten und Entwicklungen in Gesellschaft und Jugendarbeit, auf die die Streetworker des Vereins in ihrer täglichen Arbeit stoßen. Die Thesen sollen zum Nachdenken und zur Diskussion anregen – und im Idealfall den Anstoß für einen Veränderungsprozess geben.

Mehr Infos zur Mobilen Jugendarbeit Leipzig e.V.:
www.kuebelonline.de

These #19: Der „aktivierende Sozialstaat“ grenzt insbesondere benachteiligte Menschen aus.

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It is like it is: Corona-Mahnmal auf dem Augustusplatz
Ein Mahnmal zur Coronakrise vor dem Leipziger Gewandhaus. Foto: Pia Benthin

Foto: Pia Benthin

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