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Montag, 18. Januar 2021

Skandal! Louise-Otto-Peters-Gesellschaft überreicht heute offiziell das Gender-Quiz

Von Ralf Julke

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    Manchmal helfen auch farbenfrohe Postkarten, um etwas Schwieriges zu lernen. Etwas ganz Schwieriges. So wie die Sache mit der Gleichberechtigung. Die steht da und dort tatsächlich auf dem Papier und sogar in Gesetz und Verfassung. Nur im Alltag sorgt etwas dafür, dass wir Benachteiligungen und Ausgrenzungen meist gar nicht wahrnehmen. Wir halten das für normal, weil es noch immer die Norm ist. Ein Gender-Quiz könnte jetzt beim Lernen helfen.

    Das Quiz, bestehend aus zwölf Karten, die man durchaus auch wie Postkarten verwenden kann, entstand im Rahmen des Projektjahres 2020 TACHELES „Klartext!“ – Dialog und Partizipation in Kooperation der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft mit der Louise-Otto-Peters-Schule, gefördert von der Landesdirektion Sachsen. Die kunterbunte Farbgebung steht für Gleichberechtigung, Diversität und ein friedvolles Miteinander.

    Natürlich kann man im Wettraten Punkte sammeln, wenn man weiß, was hinter dem „Skandal“ auf Karte 1 steckt oder wer da in Karte 2 so „Unsichtbar“ ist. Aber es geht bei dem Quiz eher nicht um Schlaumeierei, sondern um Aufmerksammachen auf einige dieser blinden Flecken in unserer Gesellschaftswahrnehmung und einige Ereignisse dazu in der nun schon ziemlich langen Geschichte der Emanzipation, die noch lange nicht zu Ende ist.

    Auch weil neue blinde Flecken alte blinde Flecken ersetzen. So wie bei Karte Nr. 12, die mit der „Gläsernen Decke“, die augenscheinlich dafür sorgt, das Frauen nicht in hohe Führungspositionen aufsteigen. Am 7. Oktober berichtete die „Zeit“ zum Beispiel: „Anzahl der Frauen in Vorständen von Dax-Konzernen gesunken“.

    Und am gleichen Tag forderte Ann-Kathrin Nezik dort in einem Kommentar: „Macht endlich Platz, Männer!“ und forderte eine Quote für Frauen.

    Und dann fielen mir so schöne diskriminierende Ausdrücke wie Quoten-Frau, Quoten-Ossi und dergleichen ein und all die leidigen Debatten darum, warum das sein muss und warum solche ausgewählten Geschöpfe nicht automatisch aufsteigen, wenn sie das Zeug dazu haben.

    Aber so funktionieren Männerhierarchien nicht. Man kann sie nicht aufbrechen, indem man ein paar Quotenvertreter/-innen in die Vorstände entsendet. Denn die von der „Zeit“ zitierte Studie bestätigt ja nur, was fette Schlagzeilen seit Monaten berichten: Bestens qualifizierte Frauen geben den Posten lieber freiwillig auf, als für Machos weiter das Feigenblatt zu spielen.

    Und dazu kommt wohl noch etwas anderes: Man kann dysfunktionale und weltzerstörende Hierarchien nicht dadurch retten, dass man nun die immer Benachteiligten hineinholt. Denn die Wahrheit über all diese Vorstände von DAX- und anderen Konzernen ist: Sie bilden die Machtstrukturen des alten Typus Mann ab, der alles gern allein und zentral entscheidet und von oben nach unten durchstellt. Ganz klassische Befehlshierarchien. Mit fatalen Folgen für Kreativität, Beteiligung und Veränderungsbereitschaft im Unternehmen. Was am Agieren einiger dieser Konzerne und ihrer männlichen Vorstände nur zu gut zu beobachten ist.

    Worüber die Frauen, die den Alibi-Posten abgeben, nie sprechen, ist ja das Klima und die Offenheit in diesen Gremien. Wenn sich die Herren dort genauso benehmen, wie sie es in der Öffentlichkeit auch tun, würden es dort auch viele Männer nicht aushalten.

    Man muss nicht alles aushalten wollen, was Männer in Machtstrukturen für normal halten. Und da sie auch selten bereit sind, die Gesprächskultur und die Machtstrukturen zu ändern, wäre es sogar unangemessen, Frauen dorthin zu empfehlen. Sollen die Herren erst einmal ihren Laden anders gestalten – was sie ja meistens nicht können. Womit ihre Unternehmen schon jetzt auf dem Weg in den Crash sind. Denn solche Strukturen können nur „volle Pulle“. Sie haben keine Fähigkeit, sich anzupassen, schädliche Gewohnheiten aufzugeben, auf Macht und Geld zu verzichten.

    Ein ziemlich langer Ausflug, ich weiß.

    Aber wenn die Schüler/-innen aufgeweckt sind, werden ihnen mehrere solcher Stellen im Quiz auffallen. Einige Karten provozieren gerade so ein freches Denken – so wie Karte 9 mit dem Kästner-Spruch „Misstraut gelegentlich euren Schulbüchern!“ Denn auch da erhalten sich Vorurteile und falsche Stereotype oft erstaunlich lange.

    „Das Gender-Quiz für Lehrende und Schüler/-innen soll mit seinen zwölf Fragen als Postkartenserie unterhaltsam in Gender-Fragen einführen und zur weiteren Beschäftigung anregen“, erläutert Gerlinde Kämmerer, Stellvertretende Vorsitzende der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft, das Anliegen des von Katrin Grella gestalteten Quiz‘. „Vielleicht sogar zum Entwurf weiterer Quizfragen … Die Fragen und Antwortmöglichkeiten stehen auf den Rückseiten, die Auflösungen auf unserer LOPG-Website.“

    Dazu kommen für jede einzelne Frage weitere Informationen und Hintergründe, die dann ab dem 15. Oktober ebenfalls auf der Homepage der Gesellschaft zu finden sind. So z. B. zu den Bundestagsparteien oder der Geschichte des Frauenstudiums.

    Als Ganztagesangebot für die Louise-Otto-Peters-Schule (Gymnasium der Stadt Leipzig) geplant, setzt die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft das Quiz zwar bei Veranstaltungen in den Schulen ein, pandemiebedingt aber als kleines Team von zwei Projektmitarbeiterinnen und der Frauenbeauftragten der Louise-Otto-Peters-Schule.

    „Vorab-Tests ergaben, dass auch genderpolitisch Vorgebildete durchaus nicht alle Antworten im Vorübergehen parat haben, so z. B. bei ,Gläserne Decke‘ oder ,Skandal‘ im Bundestag“, stellt Kämmerer fest.

    Die offizielle Übergabe der Quiz-Sets an die Louise-Otto-Peters-Schule erfolgt am heutigen Donnerstag, 15. Oktober, im Stadtgeschichtlichen Museum.

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