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Die Shantifa im Körpertempel: Eine Kolumne über Todesmelodien aus dem Spartenkanal

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    Sachsen hat es in eine Bundesspitzengruppe geschafft. Leider rede ich nicht von der Ersten Bundesliga, sondern der COVID-Impfquote. In meinem eigenen Umkreis hörte ich neulich Menschen etwas gesetzteren Alters darüber schimpfen, wie perfide es sei, dass sogar beim Konzert einer bekannten Volksmusikcombo die 2G Regelung gelte, obwohl ausgerechnet Volksmusik sich ja wohl an ein Zielpublikum wendet, das eher als impfskeptisch gilt.

    Der Klage folgte ein geflüsterter Zusatz, dass die Volksmusiker eben Wessis seien und man (im Osten!) schließlich aus (leidvoller!) Erfahrung wisse, wie hinterfotzig die sind. Also interpretierte man die 2G-Regelung für das Konzert als hinterlistige Erpressung für Impfmuffel, sich endlich doch noch den Stich setzen zu lassen.Obwohl sich die Bundesregierung eklatante Fehler im Umgang mit der vierten Corona-Welle zurechnen lassen muss, besteht der weitaus größere Teil der mit schlimmen Infektionsverläufen auf den Intensivstationen behandelten Patienten aus Impfverweigerern.

    Es kursieren x-Erklärungsversuche zu den Ursachen, weshalb so viele Menschen im zweiten Corona-Winter die Impfung verweigern. Einige Analysen sehen die Schuld in einem gewissen (vor allem angeblich ostdeutschen) Misstrauen der Bevölkerung gegenüber jeglicher staatlich empfohlenen Prozedur. Andere in der chaotischen Handhabung der ersten Impfungen und dem unzeitgemäßen Schließen vieler Test- und Impfzentren.

    So verschieden die persönlichen Gründe für Impfverweigerung auch ausfallen mögen. Meist spielten zur Meinungsfindung der Impfgegner Gerüchte und Fakenews aus Social-Media eine Rolle. In Deutschland sind das unter anderem die (Rest)-Kanäle von Attila „Hirsehitler“ Hildmann, den verschiedenen Schwurblerverbänden oder von RT Deutsch, der von Putins Regierung gesteuerten Fakenewsschleuder.

    Schaut man allerdings einige Influencer-Stufen unter Hildmann und RT-Deutsch, wer auf Social-Media Fakenews zur Corona-Impfung verbreitet, fällt ein Muster auf. Neben einigen profilierungssüchtigen Ärzten, Popstars und C-Promis, sind es ausgerechnet gut vernetzte Wellbeing-Influencer, die sich auf Instagram und Facebook als Impfwarner betätigen. Wobei Wellbeing begrifflich eine diverse Szene von Meditationslehrern bis zu Yogacoaches, Gurus und Esoterikinfluencern zusammenfasst.

    Der Erfolg dieser Leute unter Impfverweigerern ist kein Zufall. Wer auf Heilsteine als Alternative für schulmedizinische Krebstherapien vertraut, für den sind Impfungen selbstverständlich Teufelszeug.

    Das Center for Countering Digital Hate, eine britische NGO, hat in einer Studie festgestellt, dass gerade einmal 12 Accounts auf Facebook, Twitter und Instagram für über 67 % aller Antiimpf-Propaganda im englischsprachigen Netz verantwortlich sind. Die einflussreichste dieser Seiten betreibt Robert F. Kennedy jr., Neffe des ermordeten U.S. Präsidenten John F. Kennedy.

    Ein anderer sehr einflussreicher US-Impfgegner-Influencer ist ein Bodybuilder. Doch alle übrigen lassen sich im engeren Sinne der Gruppe der Wellness, Yoga oder Fitnessinfluencer zuordnen. Das sind Profile und Seiten, von denen sich auch viele der deutschen Yoga- und Heilsteininfluencer inspirieren und leiten lassen. Ein gut geöltes weltweites Karussell an Falschinformationen. Das so gut funktioniert, weil die Influencer zur Bindung ihrer Follower Brainwashtechniken nutzen, wie man sie von Sektenführern und Verschwörungstheoretikern kennt.

    Die Facebook und Insta- und Twitteralgorithmen tun dann ein Übriges, um den Blödsinn möglichst breit zu streuen. Unter dem gedeckt hippiebunten Fitnesskörperfoto wird von der angeblichen ganz großen Pharmaindustrie Verschwörung geraunt. Die uns allen die Pandemie einbrockte, um mit Impfstoffen so richtig finanziell abzuräumen.

    „Mein Körper ist ein Tempel“ bekommt allerdings eine ganz andere Bedeutung, wenn die fitnessgestählte Weihestätte dann doch von Viren statt dem garantiert vegan produzierten Dildo in lustiger Delphinform oder dem makrobiologisch einwandfreiem Smoothie penetriert wird. „Wir Menschen sind nur Material, eine Art Kneipe für Viren“, schrieb schon 1989 der Dichter und Dramatiker Heiner Müller.

    Ein Yogalehrer aus Ingolstadt, mit immerhin fast 100.000 Followern machte sich im November 2020 über (vermeintliche) Pläne her, mit deren Hilfe der Microsoft-Gründer Bill Gates angeblich die Weltbevölkerung reduzieren wolle. Im März 2021, auf dem Höhepunkt der dritten Welle, postet der Mann, dass erst durch die „Furcht vor der Krankheit“ das Übel in den Körper gelangen könne.

    Die Yoga- und Wellnesshippie-Schwurblerwelle ging so weit, dass Yoginis eine Initiative namens „Shantifa“ gründeten, deren Name nicht zufällig an den Begriff Antifa erinnerte. Ihnen war eine zunehmende Radikalisierung mit Rechtsdrall in der Yogaszene aufgefallen.

    Die Initiative machte es sich zur Aufgabe über Fakenews und gefährliche Tendenzen der Szene aufzuklären. Weshalb sind aber gerade junge, hippe, auf gesunde Lebensweise achtende und sportliche Menschen anfällig für brunzblöde Gerüchte und Impfverschwörungsmythen?

    Anna von der „Shantifa“ erklärte das Phänomen in einem Beitrag des Bayrischen Rundfunks damit, dass viele Yogajünger/-innen zu einer gewissen „spirituellen Arroganz“ neigten, man/frau habe eben das Gefühl, mit Yoga und achtsamen Lebensstil über ein Allheilmittel zu verfügen und in ein Geheimwissen eingebunden zu sein, das immun gegen etwas so Profanes wie störrische Viren mache. Die Verunsicherung in der Szene geht so weit, dass sich Yogajünger/-innen nicht trauten zuzugeben infiziert zu sein, weil dies ja darauf hindeutete, dass die Betroffenen ihre Körpertempel nicht gar so gründlich rein gehalten haben konnten.

    Bei aller Absurdität solcher Aussagen, darf man immerhin den US-Followern der Wellbeing-Influencer zugestehen, dass sie halb nachvollziehbare Gründe haben, sich den Gesundheitsverheißungen schräger Yogagurus zuzuwenden. Das amerikanische Gesundheitssystem ist heruntergewirtschaftet und extrem überteuert. Ein hier in Deutschland als Routine-OP geltender Eingriff bedeutet dort selbst für Mittelklasseangehörige schnell das finanzielle Aus und den sozialen Abstieg.

    Dass man sich angesichts dessen zunächst einmal den deutlich günstigeren, wenn auch bescheuerten Gesundheitstipps von Yogalehrern, Fitness-Influencern und Wellbeing-Coaches in die Arme wirft, ist menschlich nachvollziehbar. Weshalb für eine Arztrechnung Haus und Hof riskieren, wenn dir dein fröhlich bunt, in Gesundheitsporn schwelgender Insta-Kumpel Heilsteine, Yogaübungen und Meditation für den kaputten Rücken oder die gerissenen Kreuzbänder anbietet?

    Für die US-Schwurbelinfluencer ist es ein gutes Geschäft, die internationale Wellbeing-Influencerszene mit ihren schrägen Thesen und Verschwörungsthesen zu befeuern, die daraufhin ihre eigenen Follower mit dem wiedergekäuten Blödsinn einwickelt.

    Willkommen zu einem neuen dramatischen Staffelhöhepunkt der langjährigen Erfolgsserie namens „Globalisierung der Idiotie“.

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