Vor sieben Jahren verbrachten Lokaljournalist/-innen einen großen Teil des Sommers damit, eilig hergerichtete Unterkünfte für Geflüchtete zu besichtigen und die jeweils darauf folgenden Infoveranstaltungen für Bürger/-innen zu besuchen. Letztere gibt es derzeit nicht, weil sich die rassistischen Vorurteile offenbar in Grenzen halten, doch bezüglich der Besichtigungen könnte sich 2015 tatsächlich wiederholen.

Am Dienstag, dem 8. März, gab es den ersten Termin: in Mockau nahe der Neuen Messe, wo Geflüchtete aus der Ukraine untergebracht werden sollen, aber schon jetzt der Platz knapp wird.

Es ist 10 Uhr, als sich die Journalist/-innen vor dem Eingang des Container-Lagers sammeln. Wer mit dem ÖPNV anreisen wollte, musste weit in den Norden fahren: bis zur Endhaltestelle Neue Messe. Und dann noch ein Stück laufen, vorbei an vielen Laternen mit antirassistischen und antifaschistischen Aufklebern.

Wegen Corona nicht mehr im Stand-by

Die „Mockau III“ genannte Unterkunft ist eine sogenannte Stand-by-Einrichtung. Eigentlich soll sie nicht genutzt werden – nur in Notfällen. Einen solchen Notfall stellte die Corona-Pandemie dar. Damit sich in der Erstaufnahmeeinrichtung in der Max-Liebermann-Straße nicht zu viele Menschen tummeln, wurde „Mockau III“ zur Entlastung in Betrieb genommen.

Eigentlich sollte der Pressetermin mit Landesdirektion-Präsidentin Regina Kraushaar zumindest teilweise in einem der Container stattfinden, doch diese Pläne haben sich über Nacht geändert. Weil nochmals viele Geflüchtete ankamen, sind nun alle Container belegt. In die Privatsphäre von mitunter extrem traumatisierten Menschen einzudringen, verbietet sich natürlich. Also lauschen Dutzende Pressevertreter/-innen den Ausführungen im Freien.

Kraushaar erklärt unter anderem, wie und wo Geflüchtete aus der Ukraine untergebracht werden. Weil sie gemäß einer Entscheidung auf EU-Ebene direkt vorübergehenden Schutz erhalten, ohne ein Asylverfahren durchlaufen zu müssen, unterscheidet sich ihre Situation deutlich von jener anderer Geflüchteter.

Neid zwischen Geflüchteten befürchtet

Während die Menschen aus der Ukraine nicht an einen Wohnort gebunden sind und direkt arbeiten dürfen, gibt es für „normale“ Geflüchtete zahlreiche Einschränkungen der persönlichen Freiheit. Damit zwischen den Gruppen kein Neid aufkommt, bekommen die Menschen aus der Ukraine eigene Unterkünfte. Sowohl in „Mockau III“ als auch im benachbarten „Mockau II“ sind sie die einzigen Bewohner/-innen.

Im Idealfall bleiben sie nur wenige Tage – um in Deutschland anzukommen, etwas zu essen und sich zumindest ein bisschen zu erholen. Danach sollen die ukrainischen Geflüchteten in kommunalen Unterkünften oder in privaten Wohnungen leben. Letzteres passiert jetzt schon – wie viele Ukrainer/-innen in privaten Unterkünften in Sachsen leben, kann Kraushaar nicht sagen.

Knapp 2.000 Menschen sind derzeit in staatlichen Einrichtungen untergebracht. Jeden Tag wächst die Zahl um mehrere hundert Personen. Eigentlich sollten alle Ukrainer/-innen in die Erstaufnahmeeinrichtungen in Leipzig kommen – doch diese dürften bald erschöpft sein. „Mockau II“ und „Mockau III“ sind fast voll und das für diese Woche geplante Zeltlager „Mockau I“ mit möglicherweise etwa 1.000 freien Plätzen würde wohl auch nur wenige Tage ausreichen.

Rötha im Landkreis Leipzig nimmt auch Ukrainer/-innen auf

Neben den 1.300 Menschen in Mockau und einigen hundert derzeit in kommunalen Einrichtungen lebenden Personen sind deshalb schon jetzt 300 Geflüchtete in Rötha – 15 Kilometer südlich von Leipzig – untergebracht. Dass weitere Landkreise dazukommen, ist offenbar nur eine Frage der Zeit.

„Wir sind immer noch in der Chaosphase“, sagt Kraushaar. Landesdirektion, Innenministerium und der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement befänden sich täglich im Austausch miteinander, um die aktuelle Lage zu besprechen und weitere Plätze zu finden. Aus ihrer Sicht ist die Situation derzeit mit jener im Jahr 2015 vergleichbar.

Für die Kinder. Foto: René Loch

Im Anschluss führen Journalist/-innen noch Gespräche mit den Verantwortlichen der Einrichtung und teilweise auch Interviews mit Geflüchteten. Dabei schildert beispielsweise eine 42-jährige Frau, die mit ihrem 15-jährigen Sohn geflohen ist, wie sie Bombeneinschläge in der Ukraine erlebt hat. Sie sei „erstarrt“ und fürchte sich seitdem jedes Mal, wenn es irgendwo laut wird.

Auch ein Blick in den Speiseraum darf nicht fehlen, wo Holzbänke stehen. Für Kinder gibt es im Eingangsbereich der Unterkunft eine kleine Spielecke. Ein Basketballplatz und Tischtennisplatten sind ebenfalls vorhanden. Während die Kinder einen gefassten Eindruck hinterlassen, sieht man immer wieder Frauen, die telefonieren und dabei weinen.

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