Bodo Ramelow denkt laut darüber nach, die Wehrpflicht durch die Hintertür wieder einzuführen, Söder im Nachbarland Bayern ist dagegen, aber Ex-Verteidigungsministerin AKK probte den innerbehördlichen Aufstand, als sie sich vor zwei Jahren ebenfalls für eine Art Wehrpflicht light stark machte. Die in der Dauermidlifecrisis verhakten Amateurpolitikvertreter der AfD-Fraktion sind von jeher für die Wiedereinführung der Wehrpflicht gewesen und trommeln seit dem Beginn des Ukrainekrieges wieder einmal lauter dafür.

Richtige Männer, argumentiert man da schon mal auf den Marktplätzen der Provinz, waren beim Bund, wissen wie man durch Pfützen robbt und ein G3 bedient.

Das Thema „Fahnendienst“ ist also längst nicht endgültig durch. Das ist wie Lippenherpes – prädestiniert dazu, immer in regelmäßigen Abständen wieder aufzuploppen.

Von den sechs Generationen Männer in meiner Familie, deren Biografie sich relativ lückenlos nachvollziehen lässt, bin ich der erste, der niemals als Wehrpflichtiger in einer Armee zu dienen hatte.

Meine beiden Cousins dienten jeweils in der NVA bzw. der Bundeswehr und mein Onkel und mein Vater taten entweder in NVA Uniform Dienst an der DDR-Grenze oder absolvierten die Grundausbildung als Panzergrenadier. Ich selbst bin noch 1987 in einem ziemlich surrealen Akt in einer Baracke bei Böhlitz-Ehrenberg von einem seltsam verschwitzten Wehrverwaltungsfunktionär dafür beglückwünscht worden, dass man mich, sobald ich meine Ausbildung abgeschlossen hätte, in eine Sondereinheit der NVA einziehen würde.

Neben mir stand damals ein Punk, den ich für seinen offen getragenen Iro heimlich bewunderte und um die Westlederjacke heiß beneidete. Sowie er erfuhr, dass ihm dasselbe Schicksal drohte, steckte er sich eine Kippe „Alte Juwel“ in den Mund und sagte gut vernehmlich „Na, Kacke!“

Während andere Jungs in meinem Alter mit einem einzigen Einsatz in einem Lager für vormilitärische Ausbildung davonkamen, hatte ich das Vergnügen ganze drei Mal. Meine Militärakte war gute vier Zentimeter dick, als ich sie schließlich nach der Wende einmal kurz zu sehen bekam.

In einem dieser Lager für vormilitärische Ausbildung hatten die Teilzeitschleifer die Zugführer mit Spitznamen versehen. Einer lautete Stalin, ein anderer Goebbels, ein dritter Adenauer und einen recht kleinen, jedoch körperlich kompakten Schlosserlehrling riefen sie schlicht Langer. Man sah es damals dort nicht ganz so eng mit den historischen Korrektheiten. Zumal Zugführer Goebbels unter den Schleifern von allen am höchsten angesehen war.

Ich habe in diesen Lagern schießen und etwas Selbstverteidigung gelernt, aber den Großteil der Zeit verbrachten wir damit, durch brandenburgische Wälder zu marschieren. Oder uns in Appellen von übernächtigten, mittelalten Männern anzuhören, was für unterirdisch schlechte zukünftige Soldaten wir seien. Wobei die Dauerdoppelkornfahnen der Herren zuweilen so heftig ausfielen, dass sie dir über den Appellplatz hinweg scharf in die Nase fuhren.

Zumindest aus den Aussagen zur Wehrpflicht einiger AfD und CSUler lese ich eine gewisse olivfarbene Nostalgie nach Kameradenbesäufnissen und Panzerkettenrasseln heraus, die per se gar nicht verwerflich ist, sondern schlicht generationenbedingt. Diese Herren sind in der bipolaren Welt des Kalten Krieges großgeworden, die von einer diffusen Furcht durchdrungen war.

Dass man unter solchen Bedingungen die Wehrpflicht positiver betrachtete als heute ist auf einer gewissen Ebene durchaus nachvollziehbar.

Aber die Weltlagen ändern sich. Eine Lenkrakete ist keine Kalaschnikow. Und eine populistische Bundestagsrede ist schneller gehalten als man die ersten Beschaffungsanforderungen im Wehretat durchanalysieren kann.

Die entscheidende Frage lautet doch, was würde eine Wiedereinführung der Wehrpflicht für die Bundeswehr konkret bedeuten?

Zunächst bringt sie enorme Kosten. Komplexe moderne Waffensysteme, wie sie die Bundeswehr einsetzt, erfordern eine komplexe Ausbildung. Ja, wir alle lesen immer weder, wie schlecht und überholt die Ausrüstung des Bundes sei. Aber das ist sie eben nicht in allen Bereichen und selbst angejahrte Waffensysteme erfordern eine komplexe Ausbildung, um sicher beherrscht werden zu können.

Damit, eines dieser Waffensysteme zu beherrschen, ist es nicht getan. Denn die agieren ja im Verbund mit weiteren Systemen. Die Ausbildung dafür dauert Monate und selbst nach ihrem Ende ist es notwendig, weiter daran zu üben. Jeder Soldat, der an solchen Systemen arbeitet, ist auf ein tiefes Verständnis all der übrigen Systeme in seiner Einheit angewiesen, und das, nachdem er sein eigenes rundum zu beherrschen gelernt hat.

Wehrpflichtige, die nur wenige Monate dienen, sind nach ihrer Grundausbildung als Infanteristen einsetzbar, das heißt, im Dienstalltag für Wach-und Sicherungsdienste geeignet. In der Zeit, die für die Ausbildung eines Wehrpflichtigen zur Verfügung steht, ist laut Aussagen von Ausbildern viel mehr als diese Grundqualifikation gar nicht zu erzielen.

Und nach dem Wehrdienst gehen die Soldaten ins Berufsleben und zu ihren Familien zurück. Wie oft müsste und dürfte man ihnen denn zumuten, zum Reservedienst eingezogen zu werden, um nach der Grundqualifikation im Wehrdienst noch die zur Bedienung komplizierterer Waffen oder Kommunikationseinheiten erlangen zu können?

Ich bin sehr gespannt, wie der BDI, die Gewerkschaften, der Verband der mittelständischen Unternehmer oder auch nur das Arbeitsamt auf die Forderung reagieren würden, sollte man junge Frauen und Männer zu regelmäßigen wochenlangen Reservediensten von ihren Arbeitsplätzen abziehen, um sie bei Wehrübungen mit neuen Waffen vertraut zu machen. Das in Zeiten von akutem Fachkräftemangel in Schlüsselindustrien.

Und, mal ganz ehrlich, welche und welcher 30-Jährige lässt sich denn noch klaglos als Gefreiter herumkommandieren, wenn er im Zivilleben längst Verantwortung für die Familie oder in einem anspruchsvollen Job trägt?

Selbst falls man all diese Schwierigkeiten überwinden könnte, bleibt die Frage, wer von den Profidiensträngen denn die Aus- und Weiterbildung der zehntausenden Reservisten und Wehrpflichtigen übernehmen sollte, wenn die Personaldecke der gefechtsbereiten Bundeswehrangehörigen jetzt schon riskant dünn ist. Und woher soll all das Material für die Wehrübungen und das Training kommen?

Kampfeinsätze lassen sich nur bis zu einem gewissen Punkt an Computersimulationen üben. Echte Gefechtsbereitschaft erfordert Training mit Hardware wie Munition, Benzin, Gerätschaften oder Schießplätzen. Und das auch nur für die Einheiten, die eben keine hochkomplexen Verbundwaffensysteme bedienen.

Jene 100 Milliarden Euro, die kürzlich dem Wehretat zusätzlich zugeschlagen wurden, würden womöglich zum Großteil schon allein dafür draufgehen, für die Wehrpflichtigen Material zur Grundausbildung und eine funktionierende Ausbildungsinfrastruktur zu schaffen. Was wäre letztlich das Ergebnis all dieses Aufwands? Die Bundeswehr verfügte über ein paar hunderttausend halb- bis dreiviertelqualifizierte Hilfsinfanteristen, die der Generalstab vielleicht als Kanonenfutter nutzen könnte.

Dass sich eine Kampftruppe mit einem zum hohen Anteil an ungenügend ausgebildeten Wehrpflichtigen eher von Desaster zu Katastrophe und Verlust zu Verlust hangelt, beweisen aktuell die erstaunlichen taktischen Fehler der russischen Armee in der Ukraine.

Dort agieren nämlich laut Analysen (nicht nur) des britischen Verteidigungsministeriums einerseits modern ausgestattete, kampferfahrene Einheiten im Verbund mit Rekruten, die kaum wissen wie sie ihre Sturmgewehre sicher bedienen können.

Die jungen Wehrpflichtigen sind zudem mit veralteter Technik ausgestattet, die nicht kompatibel mit der jener Profitruppen ist, die den innersten Kern der russischen Invasionstruppen ausmachten. Die Rekruteneinheiten mag der Generalstab der russischen Föderation tatsächlich als Kanonenfutter betrachten, das den ersten härtesten Widerstand des Gegners aufnimmt, bevor die Profis in einer zweiten Welle den endgültig zu brechen versuchen.

Aber diese zynische Einsatztaktik wäre in der Armee einer Demokratie kaum durchzusetzen. Ganz abgesehen davon, wie strategisch katastrophal er sowieso wäre.

Natürlich benötigt die Bundeswehr mehr Personal. Und muss sich angesichts der Bedrohung durch den russischen Imperialismus in Osteuropa auch technisch besser ausrüsten können.

Doch wem vertrauen Sie Ihren Wagen denn lieber in der Kfz-Werkstatt an, dem Facharbeiterlehrling mit jeder Menge entschuldigter Fehlstunden oder dem Meister mit jahrelanger Erfahrung?

Ich weiß jedenfalls, wie meine Antwort auf diese Frage lautet.

Was ich darüber hinaus auch weiß ist, dass die regelmäßig aufpoppenden Rufe nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht davon motiviert sind, den Nostalgienerv einer ganz bestimmten, zum Glück allmählich aussterbenden Wählergruppe zu bedienen. Aber Nostalgie gehört ins Kino, Romane oder wegen mir in den Biergarten, zu trinkseligen Gesprächen über Fußball, Sex und Bierpreise. In kalter harter Realpolitik ist sie hinderlich.

Ich habe den Wehrdienst damals nach der Wende übrigens verweigert. Aber ich hatte und habe immer außerordentlichen Respekt vor den Frauen und Männern, die in der Uniform ihre Haut zu Markte tragen. Ich kann hier in meiner warmen Stube sitzen und mich unbehelligt darüber auslassen, wie naiv eine Forderung nach einer Wiedereinführung der Wehrpflicht ist, weil Leute, die das Recht auf freie Meinungsäußerung grundsätzlich mit Füßen treten, wissen, dass es Frauen und Männer gibt, die dieses Recht mit Waffengewalt zu verteidigen bereit sind.

In dem Werbespruch der Bundeswehr „Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst“, liegt in Zeiten des durch Panzer und Raketen untermauerten Neoimperialismus eben trotz allem Werbeindustriezynismus auch eine ganz simple Wahrheit.

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Es gibt 6 Kommentare

Aber so eine skurrile Mischung aus Meinungsopportunismus und Buchvorstellung auch!1!!
Bedauerlicher Weise scheitert man beim Versuch, neben den drei traumatischen Ferienlagereinsätzen eines Kriegsdienstverweigerers und dem Verweis auf die daraus entstandene (für DDR-Verhältnisse jedoch vermutlich eher typisch) umfangreiche Aktenlage, noch weitere Qualifikationen zu solchen Aussagen, z.B. aus dessen eigener Belletristik abzuleiten.
Hat er doch anscheinend trotzdem nicht gemerkt, dass seine Ablehnungshaltung nach 89 allmählich zum gesellschaftlichen Konsens geworden ist? Nie war das Verweigern so leicht wie in der BRD! Ablehnung – weniger gegenüber dem Kriegsdienst selbst. Der ist okay. Solang er nur professionell, und damit ganz abseits unangenehmer Fragen moralischer Natur geschieht. Dilemmata aus einer Realität, die nicht bipolar, sondern asymmetrisch geworden ist, und unmittelbar aus der Bewahrung seines ganz persönlichen Meinungsrechtes resultieren, die wüssten er lieber von einer taffen Söldnergruppe gelöst, als vom Staatsbürger in Uniform?! Und wer ist dabei der Imperialist? Natürlich, nur die wenigsten Letzterer würden wohl für ein paar Krimis und einen Fantasy-Roman in den Krieg ziehen, wenn’s deren Autor noch nicht mal selbst für nötig hält. Um so verständlicher dessen Ruf nach bezahltem Personal für diese Aufgabe.
Nachdem man über die Hälfte des Artikels darauf bedarf, den Mangel an Ausrüstung und Mannschaft zu beleuchten, gipfelt es am Ende ironischer Weise doch (vermutlich im Irrglauben über die Banalität des eigenen Zirkelschlusses), im Vergleich mit einer Kfz-Werkstatt, der so gesehen treffender nicht sein könnte. Wäre es doch ein weiteres klares Zeichen für die eigene Realitätsverweigerung, wenn er die beschwichtigenden Aussagen des entschuldigten Facharbeiterlehrlings, in augenscheinlicher Ermangelung von zweckdienlichem Werkzeug, so wörtlich nähme. Sätze wie: “Da kümmert sich der Chef persönlich drum.”, sollte doch für jeden einleuchtend, im übertragen Sinne zu verstehen sein, besonders dann wenn Chef Verteidigungsminister/in (ungedient) ist und seit drei Monaten nach seiner Werkzeugkiste sucht.
Als alter weißer Mann, mit seiner amüsanten Juwel-Punk-Anekdote aus Jugendzeiten, und in seiner verwöhnten Fantasiewellt, die immer noch nur Gut und Böse kennt, inhaliert er hier womöglich seine ganz eigene nostalgische Nebelwolke?
Es steht mir ja kein Urteil zu, aber vielleicht möchte er ja stattdessen die jetzigen Umstände als vortreffliche Gelegenheit betrachten, im Rahmen seiner ganz gewöhnlichen Midlife-Crisis, und besonders im Anbetracht der vielen militärerprobten Großväter, das eigene Trauma durch Konfrontation auf zu arbeiten. Dabei währe er auch gleich in Lohn und Brot und müsste sich nicht weiter als Volksbuch-Autor versuchen.
Weitermachen!

2. weltkrieg – 60 – 80 millionen tote – bis sich das rechnet…

beim heutigen stand der technik sind die parameter der kalkulation deutlich anders…

nicht durch zerstoerung entsteht besseres, sondern durch umwandlung. in DEM sinne : schwerter zu pflugscharen. intellekt ist evolutionaerer vorteil, nicht brachiale gewalt.
fuehrung versagt, die berufliche laufbahnen potentiell toedlich enden laesst.

Und zum Artikel:
Es gibt so einige Kompetenzen, die man bei einem Pflichtdienst erwerben kann. Das wird nicht immer so klappen wie im Lehrplan, und es muss auch nicht die Armee sein. Ein Freund hat als Zivi im Krankenhaus sehr viel gelernt.
Und für die Gesellschaft ist es auch nicht verkehrt. Die Bundeswehr käme etwas leichter an Personal, weil einige eben dann doch dort bleiben und zum Beispiel studieren, und Pflegeeinrichtungen oder Jugendherbergen sind besser versorgt mit Personal für einfache Tätigkeiten.
Ich finde die Reduktion des Themas “Dienstpflicht” auf die vermeintliche Nostalgie alter Männer relativ manipulativ. Man kann, wie hier zu lesen war, natürlich auch den Vater-/ Männertag auf einzelne Hitlergrüße oder Prügeleien reduzieren, und dabei ausblenden wie viele Familien beim Radfahren oder Grillen große Freude hatten. Es ist aber auch nicht schwer zu sehen, dass damit relativ unterkomplex versucht wird Stimmung zu machen. Klar, es dürfte jedem bei der Bundeswehr klargeworden sein, wieviel Stumpfsinn es auch gibt. Aber ganz ehrlich… Mir kommt enorm viel davon entgegen in meiner beruflichen Laufbahn. Und mindestens genau so viel der positiven Beispiele von Führung, die es in den neun Monaten “bei der Fahne” gegeben hat.

Sie können natürlich eine Armee Ihrer Wahl mit der Verteidigung beauftragen. Ganz individuell, wo Ihr Vertrauen es eben hin verschlägt.

selten hab ich so geballte und strukturelle inkompetenz erlebt wie beim bund. und denen soll ich meine freiheit und schlussendlich auch mein ueberleben anvertrauen ?

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