Ein kleines sozial-mediales Generationenstimmungsbild aus der Berliner Republik, gern präsentiert von Ihrem Kolumnisten mit inaktiven Twitterprofil. Du hast es nicht leicht als Boomer.

Erst knallten dir die Millennials mit ihrem „Okay, Boomer!“- Spruch den letzten Rest Coolness, der dir über der Gucci-Gürtel-Kopie aus Antalya noch geblieben ist, weg. Dann zerhackten dir die Grünen beinah das Recht auf freie Fahrt für freie Bürger auf der A9.

Und gerade als du dich entschlossen hattest, deine persönlichen Social-Media-Kanäle jetzt wirklich nur noch mit buddhistischen Weisheitssprüchen vor Bergblumenhintergrund vollzupumpen, kommt das Karma grinsend um die (metaphorische) Weltgeschichtsecke und macht Boomer-sein irgendwie doch wieder cool?

What the fuck? Sogar Boomer-Prinz Boris aus Downing Street Number Ten schaffte es vorübergehend wieder in den Coolness-Bereich, als er untypisch hartes Rückgrat gegen Putin bewies und unbürokratisch jede Menge Waffen in die Ukraine lieferte. Außerdem wird Mister Johnson demnächst Hauptfigur in einer Sky-Serie über die Corona-Katastrophe in UK werden, wo er von Kenneth Branagh dargestellt wird.

Dafür, dass Kenneth Branagh seinen Oscar für das Drehbuch eines Films zum Nordirlandkonflikt kassierte und Boris Brexitkeule in diesem Politikfeld gar keinen guten Gesamteindruck hinterließ, könnte man noch den schrägen Humor des Karmas verantwortlich machen. Irgendwie passt’s so schon zu Boris, oder?

Hauptsache, die Tapetenfarbe in Number Ten passt zu den Harrod’s Boxershorts und die Vorschüsse auf das Premierministermemoir fallen hoch genug aus, um die Kinderschar durch Eton bugsieren zu können, ohne dafür bei deinen Bankerbuddies ewig um Überziehungskredite betteln zu müssen. So ist das als Boomer nun mal, immer biste bei den Kids der Arsch.

In Deutschland hat Putin eine erstaunliche Anzahl von öffentlichen Intellektuellen, samt zuweilen leicht ruhmsüchtig angehauchten Unterstützern, so erschreckt, dass sie einen öffentlichen Brief verfassten, in dem sie sich mit recht schwammigen Formulierungen gegen Waffenlieferungen an die Ukraine aussprachen. Bei ihnen hatte russisches Nuklearangriffsraunen eindeutig gezündet.

Und ist Putin nicht eigentlich sowieso der überboomerischste Boomer überhaupt? Du machst dir eine Notiz im Handykalender, dass du die vierunddreißigjährige Kollegin in der Teeküche danach fragen willst, ob Brustfrei auf einem Panzer vor dramatischer Kaukasusbergkulisse zu posieren, je wirklich so richtig instagramable gewesen war oder nicht.

Hm, vielleicht biste als Normal-Boomer seit dem Ukrainekrieg doch wieder halbwegs aus dem Coolness-Schneider, wenn du Boris statt Wladimir likest? Reicht das als Abgrenzung? Habeck hat ja jetzt auch anderes zu tun als das Tempolimit durchzudrücken, oder? Und was ist eigentlich mit Corona? Doch die vierte Impfung? Allerdings bist du als Millennial gerade genauso grundgefickt.

Verdammt, denkt sich angesichts der Weltlage das angewokte Twitterati-Volk mit Nachhaltigkeitshang. Bislang hatten wir die zukünftige Gegenopferrolle für uns so gut einkreisen können. Wir sind schließlich diejenigen, die den Klimawandel, die Turboglobalisierung und das Bienensterben in Nepal ausbaden müssen. Aber nun? Kommt Putin mit Krieg und Atomraketen und die Ukrainer hauen so lange zurück, dass der Krieg gerade auch noch nahezu unendlich zu werden droht?!

Die gesamte Social-Justice-Warrior-Blase lässt kopflos überfordert die Tippfinger über der Twitter-App kreisen. Wie zur verfickten Craftbierbrauereimaus ging frau/man(n) damit denn um? Die konkreteste Bedrohung für Leben, Wohlstand und Karriere kam nicht mehr vom Klimawandel oder aus Christian Lindners Redenschreiberwerkstatt, sondern aus russischen Atomraketenbunkern!? So war das mit dem Karma und dem Lifecoach aber nicht abgesprochen! Doch: Trost war nah.

Nach einem untypisch ausgedehnteren Schockstarremoment von zirka acht bis zwölf Wochen kommt die Twitterati-Blase wieder in volle Diskursfahrt. Ganz im Sinne des Nachhaltigkeitsprinzips recycelte sie uralte Friedensbewegungsslogans, die frau/man gegen ihre angejahrte Schalheit mit ein bisschen wackeligem Zynismus abschmeckte.

Oha! Was ist das? Der plötzliche intellektuelle Recyclingtrend entwickelt sich zum Boom. Nur eben ganz anders als erwartet. Denn plötzlich holt man überall Generäle und Berufskaltekrieger aus den Versenkungen in Bonn, Berlin, München und Frankfurt hervor und verschaffte ihnen bereitwillig die Möglichkeit, ihre üppigen Pensionen durch Kommentare und Kolumnen aufzubessern.

Das LZ Titelblatt vom Monat Mai 2022. VÖ. am 27.05.2022. Foto: LZ

Einige verräterische Anfangsvierziger gaben sich die Kopf- auf -Desk-Masochismus-Kante und hatten General a. D. Günther von Haldenslebenschwarzau und Admiral a. D. Heinrich zur Wurz heimlich erklärt, wie Twitter lief. Nach dem x-zehnten Versuch waren die alten Herren nicht mehr zu stoppen und fluteten das sozial-mediale Netz mit Panzerdetails und Selbstvernichtungskreissimulationen von überlagerten Handgranaten! Je mehr Krieger, umso besser! Falken fressen Friedenstaube und im Realpolitikquartett sticht Panzer locker Lastenfahrrad.

Was tun?

Sollten sämtliche Coaches für gewaltfreie Kommunikation auf Kollegah-Bossmodus umschalten? War Neohippie jetzt so uncool geworden, dass frau besser wieder die bunte 90er Jahre Retro-Girliespange aus dem Haar zog und man(n) die Schlagjeans höchstens noch zum Jäten in der Gartenkolonie auftrug? Immerhin passte Säbelrasseln gerade sogar zur musikalischen Populärkultur.

Zwischen jeder Menge an Deutschschlagerpoprockheld/-innen tourte schließlich auch Bonnie Tyler wieder durch die Lande! Und sie war immer noch auf der Suche nach dem Hero, der gerade von einem Fight kam und sich verschwitzt in ihr zu großes Bett stürzte!?

Auf Twitter trendet jetzt nicht mehr nur Böhmermann, sondern Zelensky mit Zitaten aus „Apokalypse Now“!? Hm, verdammt, war Coppolas Vietnamkriegsepos jetzt nicht doch wieder irgendwie Hippie?

Shit, denkt frau/man(n) Hipstermillennial sich vor der mit Omas Platzdeckchen aufgehübschter Ikeakommode, gibt’s bei der Onlinebank Sparpläne für Atombunker? Und was zum motherfucking verfickten Muttikreiselclusterfuck wird jetzt aus unserem Plan, im Sabbatjahr mit dem VW Diesel T 4 die Liste an instagramfähigen Landschaftsschutzgebieten in Nordeuropa abzufahren?

Oh, look, die Russen haben einen neuen Panzer im Einsatz, Modellname: Terminator.

Diese unwoken Turboglobalisten aus Hollywood, haben die etwa Putin die Namensrechte verkauft? Was sagt Arnie dazu? Wer folgt Arnie auf Twitter? TikTok? Insta? Stopp! Edward Snowden hat die Frage beantwortet, ob Kinder zu haben mehr nervt als von Geheimdiensten verfolgt zu werden. Eds Antwort: Kinder nerven mehr.

Was sagt der Kolumnist nun zu all dem? Er tritt etwas vom Bildschirm zurück und wundert sich darüber, dass Finanzminister Lindner (samt Fanbase) leise von einem Umbau der Erbschaftssteuer raunt. Das Karma hatte eben doch einen seltsamen Humor.

„Haltungsnote: Panzer sticht Lastenfahrrad – Eine Kolumne über das Realpolitikquartett“ erschien erstmals am 27. Mai 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 102 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar