Viele Menschen erleben diese Zeit als Zumutung: Die Preise steigen, politische Entscheidungen wirken fern, gesellschaftliche Debatten sind laut und hart, Verlässlichkeit scheint brüchig. Dieses Gefühl ist real. Es lässt sich nicht wegreden und auch nicht allein durch bessere Kommunikation auflösen. Doch der anhaltende Erfolg der Alternative für Deutschland (AfD) erklärt sich nicht nur aus wirtschaftlichen Sorgen oder politischen Fehlentscheidungen.

Er hat auch mit etwas zu tun, das in der öffentlichen Debatte oft unterschätzt wird: mit dem Verlust politischer Bindung – und mit der Art, wie politische Nähe heute hergestellt wird.

Lange Zeit war Politik für viele Menschen eingebettet in den Alltag. Parteien waren Teil stabiler sozialer Zusammenhänge: Gewerkschaften, Kirchen, Vereine, Betriebe. Politische Zugehörigkeit war keine tägliche Entscheidung. Man konnte unzufrieden sein und blieb dennoch verbunden.

Wie politische Bindung verloren ging – eine „Beziehungskrise“

Diese Strukturen sind in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend erodiert. Mitgliedschaften gingen zurück, Milieus lösten sich auf, Parteibindungen wurden brüchig. Politik steht dem Einzelnen heute oft direkt gegenüber – ohne das soziale Netz, das Enttäuschungen früher abgefedert hat.

Gleichzeitig sind politische Entscheidungen komplizierter geworden. Sie entstehen in langen Verfahren, auf verschiedenen Ebenen, unter nationalen und internationalen Zwängen. Für viele ist kaum noch nachvollziehbar, wer wofür verantwortlich ist. Zurück bleibt häufig der Eindruck: Ich kann wenig beeinflussen, und niemand hört wirklich zu.

In einer beschleunigten Medienöffentlichkeit verstärkt sich dieses Gefühl. Politik ist ständig präsent, aber selten erklärend. Sie wirkt widersprüchlich, aufgeregt, manchmal belehrend – und oft weit entfernt vom eigenen Leben. Nähe entsteht so kaum – eher Ermüdung.

Was dabei verloren geht, ist politische Beziehung. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr gemeint, nicht mehr gehört, nicht mehr vertreten. In dieses Vakuum stoßen Akteure wie die AfD. Sie bieten keine Auflösung der zugrunde liegenden Konflikte, aber sie bieten etwas anderes: emotionale Ordnung, kommunikative Eindeutigkeit und das Versprechen von Zugehörigkeit.

Politische Kommunikation ist mehr als Inhalt

Politische Kommunikation wirkt dabei nicht nur über Inhalte. Sie wirkt immer zugleich über Beziehung, Selbstoffenbarung und Appell. Der Erfolg der AfD lässt sich vor diesem Hintergrund als gezielte Reduktion von Komplexität lesen – als eine strategische Schließung von Ambivalenz, die Orientierung verspricht, bevor politische Lösungen beginnen.

Besonders deutlich werden diese Muster in parteiinternen Räumen. Die folgenden Beobachtungen stützen sich auf eine Analyse von Redebeiträgen auf dem Gründungskongress der Generation Deutschland, gehalten vor Mitgliedern und Funktionären. Dort geht es nicht um die Überzeugung unentschlossener Bürger, sondern um die Festigung von Zugehörigkeit.

Gerade deshalb erlauben solche Räume einen unverstellten Blick darauf, wie politische Beziehung hergestellt, Loyalität stabilisiert und emotionale Ordnung erzeugt wird – bevor diese Formen politischer Kommunikation nach außen getragen werden.

Die Sachebene – Klarheit durch Vereinfachung

Auf der Sachebene benennt die AfD Probleme, die viele Menschen real erleben: steigende Preise, überlastete Schulen, Unsicherheit im öffentlichen Raum, den Eindruck von Kontrollverlust. Diese Erfahrungen sind nicht konstruiert. Sie haben materielle Grundlagen und konkrete Ursachen.

Die kommunikative Wirksamkeit entsteht jedoch durch eine spezifische Form der Vereinfachung. Komplexe soziale, wirtschaftliche und politische Zusammenhänge werden auf wenige, klar benennbare Faktoren reduziert. Verantwortung wird eindeutig zugewiesen. Widersprüche bleiben außen vor.

Migration wird zur Hauptursache gesellschaftlicher Spannungen, „links“ zur Chiffre für Chaos, „die da oben“ zur Quelle aller Ungerechtigkeit. Die Welt wird übersichtlich. Wer verunsichert ist, erhält klare Schuldzuweisungen und einfache Erklärungen.

Diese Reduktion folgt keiner analytischen Logik, sondern einer emotionalen. Überforderung, diese wird nicht bearbeitet, sondern beendet. Wo politische Realität Ambivalenz verlangt, wird Eindeutigkeit angeboten. Für das subjektive Erleben wirkt das entlastend: Unsicherheit wird in Ordnung übersetzt, Ohnmacht in klare Verantwortlichkeit. Der Preis dieser Klarheit liegt in der Verzerrung der Wirklichkeit – ihre Wirkung ist jedoch unmittelbar.

Die Selbstoffenbarung – Authentizität als Haltung

Auf der Ebene der Selbstoffenbarung sendet die AfD ein konsistentes Signal: Wir sind ehrlich. Wir sagen, was andere sich nicht trauen. In einer Öffentlichkeit, die viele als moralisch aufgeladen empfinden, wirkt diese Haltung für manche befreiend.

Innere Ambivalenzen – Zweifel, Wut, Kränkung – werden dabei nicht ausgehalten, sondern umgedeutet. Zweifel gilt als unterdrückte Wahrheit, Ärger als Zeichen von Authentizität. Verantwortung für die Folgen dieser Zuspitzung wird häufig nach außen verlagert. Schuld tragen jene, die angeblich nicht zuhören oder die Realität verweigern.

So entsteht der Eindruck innerer Geschlossenheit. Widersprüchliche Impulse müssen nicht mehr ausgehandelt werden. Eine dominante Haltung übernimmt die Führung. Diese Form von Authentizität wirkt stabilisierend – nicht, weil sie differenziert, sondern weil sie Ambivalenz vermeidet.

Diese Selbstbeschreibung bleibt jedoch nicht auf der individuellen Ebene. Sie prägt auch, wie politische Beziehung hergestellt wird.

Die Beziehungsebene – Nähe als Loyalitätsangebot

Am wirksamsten ist die Beziehungsebene. Die AfD spricht ihre Adressaten nicht primär als distanzierte Bürger an, sondern als Teil eines kollektiven „Wir“. Dieses Wir verspricht Anerkennung: Wir sehen dich. Wir nehmen dich ernst. Wir stehen auf deiner Seite.

Diese Form von Nähe ersetzt für viele, was andernorts verloren gegangen ist: politische Repräsentation, soziale Einbindung, manchmal auch Anerkennung im eigenen Umfeld. Beziehung entsteht dabei nicht über Aushandlung, sondern über Übereinstimmung. Kritik von außen wird leicht als Angriff auf die eigene Zugehörigkeit erlebt.

Politische Auseinandersetzung verschiebt sich so von der Sachebene auf die Ebene von Loyalität und Identität. Resonanz entsteht innerhalb des Wir, Widerspruch wird externalisiert. Beziehung wird nicht zur Grundlage demokratischer Verständigung, sondern zum Mittel stabiler Bindung.

Die Appellebene – Handlung ohne Lösung

Auf der Appellebene verwandelt die AfD Ohnmacht in Aktivität. Setz ein Zeichen. Wehr dich. Wähl uns. Der Appell ist niedrigschwellig und emotional anschlussfähig. Er verspricht Selbstwirksamkeit dort, wo politische Prozesse als fern und unüberschaubar erlebt werden.

Ob die vorgeschlagenen Maßnahmen realistisch, rechtlich tragfähig oder gesellschaftlich integrierbar sind, tritt dabei in den Hintergrund. Entscheidend ist das subjektive Erleben: Ich bin nicht mehr passiv. Ich handle.

Nicht jede Handlung verändert politische Realität – aber jede verändert das Gefühl von Kontrolle. Zustimmung wird so weniger zu einer Entscheidung für ein Programm als zu einer Entscheidung gegen das Gefühl politischer Ohnmacht.

Die AfD als neue Flamme – Zukunft offen

Dass die AfD weiter wächst, ist deshalb weniger Ausdruck ihrer politischen Stärke als ein Hinweis auf eine Leerstelle. Es zeigt, wie groß der Wunsch nach Orientierung, Zugehörigkeit und Wirksamkeit geworden ist – und wie oft demokratische Politik diese Bedürfnisse kommunikativ offenlässt.

Diese Analyse entschuldigt keine rechte Politik. Sie relativiert weder Inhalte noch Folgen. Sie macht jedoch deutlich: Demokratie verliert dort Bindung, wo sie korrekt, aber fern bleibt.

Demokratische Politik kann Nähe nicht durch Vereinfachung oder Feindbilder herstellen. Sie lebt von der Zumutung von Komplexität, vom Aushalten von Widersprüchen und vom offenen Austragen von Konflikten. Das ist anstrengender als einfache Antworten – aber unverzichtbar.

Der Erfolg der AfD verweist damit auf eine Aufgabe, die größer ist als jede einzelne Partei. Politik muss nicht nur Lösungen anbieten, sondern Beziehung herstellen – erklärend, verbindlich und konfliktfähig. Diese Verantwortung lässt sich jedoch nicht allein an Parlamente und Regierungen delegieren. Auch eine demokratische Zivilgesellschaft muss beziehungsfähig bleiben: in Vereinen, Initiativen, Betrieben, Nachbarschaften, Medien und im alltäglichen Gespräch.

Dort, wo politische Orientierung, Anerkennung und widerspruchsfähiger Austausch verloren gehen, entsteht ein Vakuum. Bleibt es offen, gewinnen jene an Einfluss, die Nähe durch Vereinfachung herstellen, komplexe Zusammenhänge verkürzen und Konflikte nicht austragen, sondern zuschreiben.

Zu Teil 1 – Alexander Eichwald & die Generation Deutschland: Ein radikaler Weckruf

Zu Teil 2 – AfD setzt sich von der CDU/CSU ab: Das ist ein statistischer Weckruf

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Der Artikel ist gut. Ich möchte aber noch etwas ergänzen. Die Repräsentanten der AfD brillieren durch glaubwürdige Emotionen und politische Empathie, gleichzeitig sind ihre Vertreter die mit der höchsten Bildung aller Parteien und haben auch regelmäßig vor ihrer politischen Karriere Steuern gezahlt.Die Menschen haben es satt empathielos von überwiegend ungebildeten Politschmarotzern geführt zu werden.

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