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Heute hier, morgen dort (2): Sri Lanka oder die Frage, was „voll“ wirklich bedeutet

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    Für FreikäuferLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 69, seit 19. Juli im HandelEin lautes Hupen zeigte uns an, dass es nun losging. Hauptbahnhof Colombo, Sri Lanka, 23.08.18. Für umgerechnet nicht einmal 2 Euro fuhren Gina und ich von der quirligen, aber für den Betrachter eher nicht so ansehnlichen de-facto-Hauptstadt an der Westküste ins Landesinnere an den Rand des Hochlandes, wo wir eine gute Woche verbringen wollten.

    Die Zugfahrt dauerte gut dreieinhalb Stunden und bot alles, was wir Deutschen sicherlich als Abenteuer bezeichnen würden: Gleisarbeiter, die erst dann zur Seite sprangen, als der Zug zum Greifen nahe war, offene Türen, aus denen man während der Fahrt beobachten konnte, wie sich der ruckelnde und quietschende Zug langsam durch das immer bergiger werdende Gelände mit seinen unzähligen Kurven wand.

    Und Landschaften, die nach der Enttäuschung, die wir in Colombo empfanden, nun endlich darauf schließen ließen, dass wir im „richtigen“ Sri Lanka angekommen waren – mit Teeplantagen so weit das Auge reichte, mit einem saftigen Grün, das ich bis dahin nur aus Irland kannte, mit tropischem Klima und mit mancherlei vorbeifliegendem Tier, was mir aus Europa nicht gerade geläufig vorkam.

    Das wahre Abenteuer aber befand sich im Inneren des Zuges: Hunderte, wenn nicht tausende Leute, die den Zug im wahrsten Sinne des Wortes vollstopften, ihre Köpfe immer nach den wenigen verstaubten Ventilatoren reckend, die sich unermüdlich an der Decke drehten, zu fünft auf einer Bankreihe ausharrend, die eigentlich nur für zwei Personen gemacht war.

    Es sind vor allem die Sri Lanker selbst, die das Verkehrsmittel nutzen, um ihre Verwandten im Inneren der Insel zu besuchen, zum nächsten heiligen Tempel reisen oder auch um ihren täglichen Geschäften nachzugehen. Ja, es gibt tatsächlich Einheimische, die die beschwerliche Fahrt jeden Tag auf sich nehmen, um aus dem Hochland nach Colombo oder umgedreht zu reisen, jeden Tag sieben Stunden Zugfahrt, langsam, beschwerlich, stickig! Wie unverhältnismäßig sinnfrei es einem dann wieder vorkommt, wenn man an die vielen Deutschen denkt, die darüber meckern, dass sie in ihren klimatisierten Autos über topmoderne Autobahnen täglich eine halbe Stunde zur Arbeit und zurück fahren müssen.

    Gleisbauarbeiter auf der Fahrt an den Rand des Sri Lanker Hochlands. Foto: Sascha Bethe
    Gleisbauarbeiter auf der Fahrt an den Rand des Sri Lanker Hochlands. Foto: Sascha Bethe

    Reisebekanntschaften

    Doch auch so mancherlei Backpacker trafen wir in dem Zug: Deutsche und Franzosen, Briten und Niederländer. Diese Kombination war bereits am Anfang meiner Weltreise ein Vorbote für die kommenden sechs Monate, denn in jedem Winkel der Welt sollte ich diese Nationen antreffen, immer und immer wieder.

    Und so kamen Gina und ich natürlich mit einigen von ihnen ins Gespräch, zu dem Zeitpunkt fand ich Fragen wie „Wo kommt ihr her? Wie lange reist ihr insgesamt? Wo geht’s noch überall hin? Was waren eure bisherigen Highlights?“ tatsächlich noch spannend, bereits drei Monate später konnte ich sie nicht mehr hören und gab oft nur noch pauschale Standardantworten.

    Die Backpackerwelt ist wahrlich eine ganz eigene und so ist es nicht verwunderlich, dass Gespräche häufig mit dem Abarbeiten der typischen Kennenlernfragen und oberflächlichem Blabla beginnen und nur selten zu wahrem Interesse am Gegenüber und zu großer Tiefgründigkeit bei den Inhalten führen, dafür begegnet man einfach zu vielen Menschen.

    Die wohl skurrilsten Mitreisenden waren die fliegenden Händler, die mit Garnelen und Blätterteiggebäck, mit Obst und Getränkedosen ihr Glück bei den Fahrgästen versuchten. Mit nahezu stoischer Ruhe quetschten sie sich durch die Abteile, in die meiner Meinung nach kaum noch eine Maus gepasst hätte, ihre Werbesprüche mantraartig wiederholend singend, ihre Körbe auf dem Kopf tragend.

    Wie lange es wohl gedauert hat, den Zug komplett zu durchlaufen? Wie erfolgreich ein solcher Tag wohl für sie war? Ich weiß es nicht, aber ihr Durchhaltevermögen faszinierte mich. Und die Freundlichkeit der Einheimischen, die uns liebevoll anlächelnd ihre Hände mit soeben gekauften Weintrauben entgegenstreckten.

    In Kandy, der mit über 100.000 Einwohnern größten Stadt in der Mitte des Landes, holte uns Raja ab, ein Tuk Tuk-Fahrer, den uns unsere Unterkunft geschickt hatte. Und es war schon ziemlich bald klar, weshalb: er verstand es, Touristen zu begeistern. Nach einem kurzen Zwischenstopp an einem Marktstand, an dem er uns ausgehöhlte und mit einem Strohhalm versehene Kokosnüsse kaufte, ließ er mich für einige Kilometer selbst ans Steuer seines kleinen Mobils, was technisch sehr an einen Trabant erinnerte, bevor er uns kurz vor Ankunft schon das erste Highlight zeigte: wilde Affen.

    Das Landesinnere Sri Lankas entsprach endlich dem, was wir suchten. Foto: Sascha Bethe
    Das Landesinnere Sri Lankas entsprach endlich dem, was wir suchten. Foto: Sascha Bethe

    Reibungen

    Es ist erstaunlich zu sehen, wie schnell der Mensch von „oh – neu – toll“ zu „ahja – kenn ich schon – mmhh“ wechselt, denn während wir an diesem Tag voller Freude über die Tiere ausstiegen, sie beobachten und unzählige Fotos schossen, waren sie eine Woche später schon nichts besonderes mehr, weil sie nahezu überall anzutreffen waren.

    Als wir schließlich unser Gästehaus erreichten, wurden wir äußerst freundlich begrüßt und kamen direkt mit unserer Gastgeberin ins Gespräch. Ein Freund von mir war vor Jahren in der gleichen Unterkunft gewesen und er war es auch, der sie empfohlen hatte, weswegen wir direkt ein Gesprächsthema hatten, zumal ich seinen Gästebucheintrag sofort fand.

    Am gleichen Abend wollten wir in die Stadt – unser Schlafplatz lag etwas stadtauswärts auf einem Hügel – doch schon über die Art und Weise, wie wir in das Zentrum kommen wollten, waren sich Gina und ich nicht einig. Ich wollte laufen, schließlich hatten wir stundenlanges Zug- und anschließendes Tuk Tuk-Fahren hinter uns, sie wollte die paar Kilometer wieder fahren.

    Überhaupt kam es mir nun, da wir uns „schon“ drei Tage kannten, so vor, als könnte es zwischen meiner Reisepartnerin und mir die eine oder andere Reibung geben. War es doch ein Fehler, sich vorher nicht mal getroffen zu haben? War es nur am Anfang so, weil wir uns erst näher beschnuppern mussten? Sollte ich Kompromisse eingehen? Schließlich war es mein halbes Jahr und ich hatte keine Lust, mich ärgern oder nach anderen richten zu müssen – Gedanken, die mir damals zum ersten Mal durch den Kopf schossen und die ich versuchte, erst einmal zu verdrängen. Einfach aber war es nicht.

    Denn während wir dann schließlich doch Richtung Stadt liefen, tauschten wir uns rege aus und ich merkte, dass Gina gern von sich sprach, aber nicht eine Frage an mich stellte, was ich für ein richtiges Kennenlernen und ein ordentliches Gespräch aber doch irgendwie wichtig fand. Zeit zum Ärgern hatte ich allerdings nicht, denn nach gut anderthalb Kilometern konnte sie nicht mehr laufen – die Gicht ließe es wohl nicht mehr zu.

    Ach herrje, auch das noch. Wir hatten geplant, ein halbes Jahr miteinander zu verbringen und ich war ehrlich gesagt davon ausgegangen, dass man als Backpacker auch mal mit Rucksack auf dem Rücken eine längere Wanderung unternimmt. Wenn dies jetzt schon ohne Rucksack unmöglich war, was sollte das dann erst in Indonesien, Neuseeland und Australien werden?!

    Ich schluckte meinen Ärger und meine Gedanken herunter und wir fuhren die restliche Strecke mit einem der unzähligen Tuk Tuks, von denen gefühlt jede Minute eines neben uns hielt und anbot, uns in die Stadt mitzunehmen, natürlich immer mit dem besten Preis, den wir überhaupt bekommen konnten.

    Es lebe der Elefant! Die Parade aus farbenfroh gekleideten Tänzern, Trommlern und Feuerspuckern beim Vollmondfest in Kandy. Foto: Sascha Bethe
    Foto: Sascha Bethe

    Auf dem Weg in das Zentrum Kandys, immer bergab, fiel mir das erste Mal das auf, was ich für Sri Lanka insgesamt am prägendsten empfinde: das Nebeneinander von Arm und Reich, von stattlichen Villen und heruntergekommenen Wellblechbauten, von schicken Autos und fast fahruntüchtigen Tuk Tuks, von organisierten Müllhalden und wildem Müllverbrennen. Doch eines haben alle Sri Lanker gemein: sie sind unheimlich freundlich, stets mit einem Lächeln auf den Lippen, spätestens dann, wenn man sie anlächelt, und immer bemüht, einem zu helfen, wo sie nur können.

    In der Stadt angekommen, staunten wir nicht schlecht; über die vielen Gerüche – da roch es nach Curry in allen Variationen, nach verbrannten Kokosnüssen, die die Einheimischen benutzen wie wir Holz oder Grillkohle, nach Gewürzen der Straßenverkäufer und nach Abgasen; über den Verkehr – eine Fahrspur pro Richtung erschien uns wie eine Empfehlung für die Verkehrsteilnehmer, nicht selten fuhren zwei Tuk Tuks nebeneinander, natürlich neben dem Linienbus und dem Motorrad auf dem Seitenstreifen – es wunderte einen, dass nicht mehr passierte; über die Massen an Menschen, die sich mindestens genauso eng durch die Straßen schoben wie sie im Zug gesessen und gestanden hatten.

    Kandy im Vollmond

    Es war Vollmondfest in Kandy, eines der heiligsten Feste des Buddhismus, an einem der heiligsten Orte der Religion, denn im Tempel Sri Dalada Maligawa soll angeblich einer der Eckzähne Siddhartha Gautamas – besser bekannt als Buddha – aufbewahrt werden. Gebührend feierten abertausende von Sri Lankern daher dieses Fest rings um den Tempel, in den wir aufgrund von Ginas Leggins und dem fehlenden Sarong bei mir leider nicht kamen.

    Wir ärgerten uns darüber jedoch keineswegs, sondern genossen ausgiebig die mystische Atmosphäre der Straßenumzüge zusammen mit den Einheimischen, die das Spektakel von einfachen Tüchern auf dem Boden, von fest installierten Tribünen, von teuer bezahlten Stühlen auf privaten Terrassen oder auch von erklommenen Zäunen aus beobachteten.

    Feuerspucker folgten auf Trommler, die das Publikum durch ihre monotonen, aber sehr eindringlichen Töne in eine Art Trance versetzten; Fackelartisten gingen Tänzern voran, die mit ihren funkelnden, farbenfrohen Kostümen genau das zeigten, was der Ottonormalmensch der westlichen Welt mit Sri Lanka und seinem großen Bruder Indien verbindet; und immer wieder – endlich! – Elefanten, die mit prachtvollen Gewändern bekleidet behäbig durch die Straßen stampften.

    Dieser im wahrsten Sinne des Wortes märchenhaft bezaubernde Abend gab mir das Gefühl, angekommen zu sein, angekommen in einem Land voll faszinierender Kultur, in einem Land, das so viel Positivität auf mich ausstrahlte, angekommen auf meiner Reise, wohl wissend, dass dieser Abend nur der Anfang war.

    Zum Teil 1 der Reise Heute hier, morgen dort (1): Der Beginn einer kleinen Weltreise in Sri Lanka

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    Frei nach Schiller: Die Gedanken sind nicht frei, wenn Einer nicht den Mut zur Freiheit hat

     

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