Heute hier, morgen dort (3) Sri Lanka: Zwei Busse, ein Tanklaster und eine Kurve

Für FreikäuferLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 70, seit 23. August im HandelUnd ich hatte gedacht, Zugfahren in Sri Lanka wäre bereits ein Abenteuer gewesen. Weit gefehlt! Nun, da es nach unseren Tagen in Kandy weiter gen Norden der Insel gehen sollte, standen wir in der ohnehin vollgestopften Stadt auf einem Platz, den wir in Deutschland als zentralen Busbahnhof bezeichnen würden. Doch dieser Begriff hat, zumindest in meinem Verständnis, etwas von Ordnung, suggeriert Busstände, die ausweisen, wohin es geht, und Fahrtkartenschalter oder -automaten.

Doch das, was Gina und mich erwartete, nachdem uns Raja von der Unterkunft aus mitten in die Stadt gefahren hatte, hatte mit alldem nullkommanichts zu tun: Da standen unzählige Busse, für uns ohne erkennbares System, völlig durcheinander; da hingen in jeder Frontscheibe mehr oder weniger lesbare Schilder, wohin die Reise gehen sollte; da gab es nicht den Ort, an dem man Informationen bekommen oder gar Fahrkarten kaufen konnte.

Stattdessen stürzten sich die Fahrkartenverkäufer, die, wie wir bald herausfinden sollten, einzeln in jedem Bus mitfahren, ihn quasi „betreuen“, in Scharen auf uns, um uns von ihrem Bus, ihrem Fahrer und ihrem Preis zu überzeugen. Mein Urinstinkt brüllte sogleich laut in mir „Oh nein, bloß weg, hau ab hier“, doch dann – Gott (oder Buddha?!) sei Dank! – kam uns Raja zu Hilfe und erklärte uns, wo wir einsteigen sollten; als das die anderen emsigen Verkäufer sahen, ließen sie schnell von uns ab und mein Urinstinkt beruhigte sich wieder.

Als wir dann im Bus saßen und ein wenig warteten bis die Reise nach Polonnaruwa begann, hatte ich endlich Zeit, den Augenblick noch einmal ganz in Ruhe auf mich wirken zu lassen, ja vielleicht sogar etwas zu verstehen: Private und staatliche Busunternehmen buhlen in Sri Lanka um die Gunst ihrer Gäste, lautstark und wenn es sein muss auch mit körperlicher Nähe, stets den Fahrkartenblock hoch in die Luft schwenkend.

Verantwortlich dafür ist aber nicht etwa der Fahrer, sondern ein weiterer Mitarbeiter, der dann auch die komplette Fahrt mit an Bord ist und sich viele Male nach hinten und dann wieder nach vorne durch den Bus quetscht, um neu eingestiegenen Fahrgästen auch ja das richtige Ticket zukommen zu lassen. Zuständig ist er überdies auch für das Gepäck, das natürlich nicht etwa im Bauchraum des Busses verstaut, sondern direkt vorne neben dem Fahrer gestapelt wird – völlig ungesichert natürlich.

Außerdem achtet er darauf, dass selbst im vollsten Bus in der ersten Sitzreihe sofort aufgestanden wird, sobald ein buddhistischer Mönch – zu erkennen an der typisch orangenen Robe – einsteigen will, schließlich sind die vorderen Plätze für den Klerus reserviert, ähnlich wie es bei uns Plätze für Schwangere, Ältere oder Rollstuhlfahrer gibt.

Als ich diese Beobachtungen machte, waren wir inzwischen schon eine Weile unterwegs, raus aus Kandy, stets gen Norden. Ein System, was eine Haltestelle war und was nicht, konnte ich nicht erkennen; es schien willkürlich, wo Leute einsteigen durften und wo der Bus nicht hielt. Was ich allerdings erkennen konnte war, dass es offensichtlich keine Beschränkungen hinsichtlich der zulässigen Zahl an Mitfahrern gab, stets und ständig stiegen neue Leute ein, wurde von vorne gedrückt genauso wie von hinten, hatte man als Sitzender abwechselnd einen Ellenbogen, lange Haare oder eine Tasche im Gesicht oder wahlweise auf dem Schoß.

Der Bus nach Polonnaruwa. Einer passt immer noch rein! © Sascha Bethe

Der Bus nach Polonnaruwa. Einer passt immer noch rein! © Sascha Bethe

Und dann musste ich schmunzeln, denn ähnlich wie schon auf der Zugfahrt nach Kandy schien es unmöglich, dass noch jemand in den Bus passte – und doch quetschten sich wieder Essensverkäufer mit ihren Körben durch den schmalen Gang und priesen ihre Waren an, gefolgt von Spendensammlern, die in einer der beiden Landessprachen, Singhalesisch oder Tamil, versuchten, Geld von ihren Landsleuten zu erbitten, oft mit Horrorbildern von grausam entstellten oder amputierten oder behinderten Menschen.

Viele Menschen spendeten tatsächlich, was mich angesichts der generell doch angespannten ökonomischen Situation der meisten Sri Lanker wunderte und mich nachdenklich machte, wie wir Deutschen uns gegenüber Spendensammlern und Bettlern doch oft verhalten. Doch noch nachdenklicher, nein eher besorgter, machte mich die Fahrweise unseres Busfahrers, der sich mit den vielen anderen Bussen scheinbar ein Wettrennen lieferte, ungeachtet der Straßenverhältnisse und des Verkehrs überholte, wenn er es für angebracht hielt und ansonsten alles und jeden „weghupte“.

Im Übrigen haben so ziemlich alle Busse in Sri Lanka ganz individuelle Hupen, oft lange Melodien wie Beethovens Für Elise, eine schnöde Standardhupe wie bei uns habe ich in den ganzen Wochen nicht ein Mal gehört. Die Busse selbst waren überdies völlig individuell gestaltet, mit Girlanden und Aufklebern, unzähligen Buddha-Figuren und Haltern für Räucherstäbchen. Während unserer Fahrt lief unentwegt eine Art Bollywoodmusik, die doch irgendwann nervig wurde. Aber wahrscheinlich störte das nur mich, nicht die Einheimischen und schon gar nicht unseren Fahrer, der die ganze Zeit barfuß am Steuer saß und viel mehr auf seine Wettrennen konzentriert war.

Unser Rekord lag übrigens bei zwei Bussen und einem Tanklaster – nebeneinander auf einer zweispurigen Straße im kurvigen Hochland! Vielleicht braucht man da auch Bollywoodmusik, obwohl Spiel mir das Lied vom Tod meinem Gefühl nach besser gepasst hätte.

Vier Stunden später und 150 Kilometer weiter nördlich stiegen wir dann aber doch ziemlich lebendig aus dem Bus aus, die Fahrt hatte uns ganze 1,05 Euro pro Person inklusive Gepäck gekostet! Also zumindest der Preis verlockt sehr zum Busfahren.

Als wir schließlich in unserer Unterkunft angekommen waren, empfing uns eine sehr freundliche Dame, die sich als wahnsinnig tolle Gastgeberin entpuppte: nicht nur ihr Essen war absolut fantastisch, auch kümmerte sie sich herzlich um Gina, die aufgrund ihres Dauerhustens und Brustschmerzen vermutete, dass sie eine Lungenentzündung hätte. Und da war es auch wieder, mein Problem: Es ist mein halbes Jahr, mein Leben, meine Freiheit – sollte ich mich nun wegen ihr einschränken lassen, ja mich womöglich sogar um sie kümmern?

Gastfreundschaft wird großgeschrieben. © Sascha Bethe

Gastfreundschaft wird großgeschrieben. © Sascha Bethe

Vorerst zumindest tat dies unsere liebe Homestay-Besitzerin. Homestays sind in Sri Lanka neben den großen Hotels die am meisten verbreitete Art der Unterkunft für Touristen. Man schläft direkt bei Einheimischen zu Hause, je nach Preis wird man überdies mit Essen versorgt oder eben nicht. Dieser Homestay jedenfalls war ein Glücksgriff. Beruhigend wirkte unsere Gastmutter auch auf mich ein als ich nach zwei Mückenstichen etwas panisch war, schließlich war Sri Lanka laut Tropeninstitut ein möglicher Hort für Malaria.

Was hatte ich mich im Vorfeld mit den Krankheiten in meinen Zielländern und mit den notwendigen Impfungen beschäftigt! Witzigerweise, so kann ich jetzt im Nachhinein reflektieren, führt aber genau dies dazu, dass man die Vorstellung bekommt, dass es in tropischen Ländern mehr Mücken gäbe als bei uns und dass auch noch alle Mücken Malaria übertragen würden. Völliger Quatsch natürlich, aber trotzdem hing ich damals vorsichtshalber mein von zu Hause mitgebrachtes mobiles Mückennetz im Zimmer auf.

Der nächste Tag begann für mich in aller Frühe und ein Tuk Tuk-Fahrer, der mir die Unterkunft besorgt hatte, startete mit mir zur Tagestour. Auf dem Weg unterhielten wir uns ein wenig über das Leben in unseren beiden Ländern und als ob es das Natürlichste der Welt sei, fragte er mich auch, ob Hitler aus Deutschland kam und wie ich ihn fände. Kurios und irgendwie traurig zugleich, dass wir im Ausland automatisch mit Hitler assoziiert werden und scheinbar sonst nicht viel von der Geschichte oder der aktuellen Politik unseres Landes bekannt ist. Zumindest hat danach nie jemand gefragt.

Unsere Fahrt führte uns jedenfalls zum sechzig Kilometer von Polonnaruwa entfernten Sigiriya-Felsen, einem einzeln aus der Landschaft herausragenden Monolithen, der seit 1982 UNESCO-Weltkulturerbe ist. Am Kassenhäuschen am Parkplatz erlebte ich dann, was ich als „Rassismus einmal andersherum“ bezeichnen würde: Einheimische durften durch einen anderen Eingang eintreten als Ausländer und vor allem zahlten sie umgerechnet keine fünf Euro Eintritt, während wir gut vierzig US-Dollar zahlen mussten.

Im Park vor dem Sigiriya-Felsen. © Sascha Bethe

Im Park vor dem Sigiriya-Felsen. © Sascha Bethe

Natürlich – kann man einwenden – geht es uns gut, sonst könnten wir überhaupt nicht in dieses Land reisen, und im Verhältnis zu den allermeisten Sri Lankern können wir Deutsche uns sicherlich als wohlhabend bezeichnen und ich hatte auch gar kein Problem damit, das Geld zu zahlen. Jedoch, dachte ich mir, stelle man sich vor, in Deutschland machten wir an einer öffentlichen Attraktion zwei Eingänge, einen für Deutsche, einen für Ausländer, mit entsprechendem Preisunterschied von 800 Prozent. Welchen Aufschrei würde das im Land, sicherlich sogar weltweit geben!

Trotz der zeitigen Ankunft war der Park vor dem Felsen schon extrem überlaufen, im Laufe des Tages wurde die Königsfelsen genannte Attraktion unsäglich voll. Nichtsdestotrotz genoss ich den Blick aus 200 Metern Höhe auf die umliegende Landschaft, sah den vielen Affen beim Spielen zu und las mir interessiert die Erklärtafeln durch, die mir sagten, dass die Festungsruine auf dem Felsen einst eine Zuflucht für einen Königssohn war, der seinen Vater umgebracht hatte um sich die Macht zu sichern, der dafür aber von seinem Bruder gejagt wurde.

Es ist spannend, sich einmal tiefergehend mit nicht-europäischer Geschichte zu beschäftigen, die bei uns ja doch meist im Fokus steht. Da tauchen plötzlich Namen auf, die man noch nie in seinem Leben gehört hat, geschweige denn aussprechen könnte, und Thronfolgen werden erklärt, die man sich kaum merken konnte.

Faszinierend, wie viel Leben parallel auf unserer Erde ablief während beispielsweise die Mitteleuropäer den Angriffen der Römer zu trotzen versuchten. Natürlich, wieso sollte es auch anders sein? Aber wie oft wird man sich dessen bewusst? Wieso ist unser Blick so eurozentriert?

Mit diesen Gedanken im Kopf trat ich den Rückweg an, glücklich, dass mir mein Tuk Tuk-Fahrer zum Abholen etwas entgegengekommen war. Zurück in der Unterkunft in Polonnaruwa beschloss ich auf Ratschlag unserer Gastgeberin, den Tag doch noch nicht enden zu lassen, ein Hinweis, für den ich ihr noch sehr, sehr dankbar sein sollte…

Heute hier, morgen dort (1): Der Beginn einer kleinen Weltreise in Sri Lanka

Heute hier, morgen dort (2): Sri Lanka oder die Frage, was „voll“ wirklich bedeutet

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