Was da in der Nacht vom 18. zum 19. März in der Georg-Schumann-Straße 250 passierte, kann jederzeit wieder passieren. Noch immer stehen einige hundert Häuser in Leipzig, für die wahrscheinlich jede Sanierung zu spät kommt. Hinter scheinbar intakten Fassaden nagt der Zahn der Zeit. An der Georg-Schumann-Straße stehen noch ein paar solcher Einsturzkandidaten. Einer verschwindet jetzt: der "Goldene Löwe".

Für das Magistralenmanagement Georg-Schumann-Straße ist das ein herber Rückschlag, denn das markante Eckgebäude an der Laubestraße war eine der Perlen, die man an der sonst nicht allzu sehr mit markanten Gebäuden gesegneten Straße unbedingt erhalten wollte.

“Sehr zum Bedauern wird der ‘Goldener Löwe’ nicht saniert”, teilt Roland Löbel vom Magistralenmanagement mit. “Mit dem Abbruch des Eckgebäudes Georg-Schumann / Ecke Laubestraße (ehemaliger Goldener Löwe) wurde am 26.Mai begonnen, zunächst mit der zum Grundstück gehörenden, dahinter liegenden Halle. Die Arbeiten werden im Zuge der Straßenbaumaßnahmen Laubestraße durchgeführt.”

“Leider konnte eine Gesamtsanierung des seit 2003 zur Veräußerung stehenden Gesamtensembles aufgrund des desolaten Zustandes nicht mehr durchgeführt werden”, hatte die Stadt Leipzig dem Magistralenmanagement mitgeteilt. Noch 2009 war der “Goldene Löwe” als wichtiger “identitätsstiftender Ort” im Handlungskonzept für die Georg-Schumann-Straße verankert worden. Neben dem einstigen Klubhaus “Samuel Heinicke” ist er einer der dominanten Punkte am Huygensplatz. Gewesen, muss man nun sagen.

 

Der "Goldene Löwe" kurz vorm Abriss. Foto: Ralf Julke
Der “Goldene Löwe” kurz vorm Abriss. Foto: Ralf Julke

Denn tatsächlich kommt für das markante Gebäude die Wiederbelebung der Georg-Schumann-Straße zehn Jahre zu spät. Schon 2011 hatte die Stadt das Gebäude als ruinös eingeschätzt. Selbst der Anbau, der zuerst abgerissen wurde, war noch in einem besseren Zustand. Das Dach war schon seit Jahren defekt. Wahrscheinlich hätte auch der sensibelste Bauherr nur noch die Fassade retten können, um dahinter alles neu zu bauen. 2009, als die Pläne für eine Wiederbelebung der Georg-Schumann-Straße endlich aktuell wurden, galten auf der Straße 48 Prozent aller Gebäude als unsaniert. Die Stadtentwicklung war fast 20 Jahre komplett an der alten Magistrale vorbeigegangen, wenn man von der Verwandlung der alten Kaserne in einen Standort für die Landesversicherungsanstalt und die Arbeitsagentur absieht.

Erst in letzter Zeit – auch mit dem recht verunglückten Projekt Huygensplatz – kam hier die städtebauliche Entwicklung wieder in Gang. Dazu gehört auch die Umgestaltung der Laubestraße, die schon mit dem Verlegen neuer Wasserleitungen begonnen hat.

Der “Goldene Löwe” in der Laubestraße 19 gehört zur Frühgeschichte dieses Teils der Georg-Schumann-Straße, an dem eigentlich alles erst mit dem Bau der Infanteriekaserne des 7. königlich sächsischen Infanterie-Regiments”König Georg” Nr. 106 begann (damals noch “Prinz Georg”). Das war in den Jahren 1875 bis 1877. Das ist der markante lange Bau im Hintergrund des heute offenen Geländes. Und wie das so ist, wenn in so einer Kaserne zwischen 1.500 bis 2.000 Männer untergebracht sind: Sie brauchen Infrastrukturen.

Die zeitweise reiche Gaststätten- und Kneipenlandschaft in Möckern hat auch mit dem großen Durst der Soldaten im damals wachsenden Kasernengelände zu tun. Und je kürzer die Wege, umso größer der Umsatz. Der “Goldene Löwe” wurde 1878 gebaut, praktisch direkt gegenüber vom Kasernentor.

Wer ihn noch einmal sehen will, sollte die nächsten Tage nutzen, bevor ihn die Bagger niedergelegt haben. Damit verliert das Magistralenprojekt natürlich einen wichtigen Identitätspunkt. Roland Löbel: “Wir wünschen uns einen baldigen Lückenschluß dieses wichtigen Eckgrundstücks am Huygensplatz.”

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Keine Kommentare bisher

Tja, so ruiniert sich Leipzig selbst die stadtbildprägenden Häuser und verliert nach und nach sein einzigartiges Flair. Auch nach 2006 wird gerne abgerissen.

Ich frage mich manchmal, wie man es in der direkten Nachkriegszeit hingekriegt hat, solche Häuser halbwegs zu halten, wenn doch viel weniger Geld zur Verfügung gestanden haben muss?

Naja, wenns hier dann aussieht wie im Ruhrpott, kann man ja woandershin ziehen.

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