In der Leipziger Ratsversammlung am 19. Januar war es der Eutritzscher Markt, der einmal als akuter Notfall einer verunglückten Platzgestaltung diskutiert wurde. In der Diskussion brachte dann SPD-Stadtrat Andreas Geisler auch den Huygensplatz in Möckern zur Sprache. Ein Stein gewordenes Beispiel Leipziger Platzbaukunst – ohne Aufenthaltsqualität. Der Stadtbezirksbeirat hat nun gewagt, aus seinem Budget Bänke für den Platz zu planen. Doch das geht so einfach nicht, bekommt Gerd Sklaar jetzt zur Antwort.

Er ist für die CDU Mitglied im Stadtbezirksbeirat Nordwest.

„Durch den SBB Nordwest wurden im Rahmen seines SB-Budgets 2021 10.000 Euro für den Ideenwettbewerb Huygensplatz, einschließlich Sofortmaßnahmen zur Aufwertung, bewilligt“, stellt er in seiner Einwohneranfrage zu diesem Thema fest.„Danach fand am 11. Oktober ein entsprechender Workshop unter Federführung des Amtes für Wohnungsbau und Stadterneuerung sowie des Magistralenmanagements statt. Dieser erbrachte ein für den SBB hilfreiches Meinungsbild und verschiedenste Ideen zur Aufwertung und besseren Nutzbarkeit des Platzes. Als größtes Defizit wurde einhellig das Fehlen von wirklich nutzbaren Sitzgelegenheiten benannt. Der SBB beschloss daher in seiner November-Sitzung, dass das Restbudget von etwa 7.000 Euro für Sitzbänke verwendet wird (die Rede war von drei Bänken). Allen Beteiligten war klar, dass aufgrund der vorangeschrittenen Zeit die Bänke erst 2022 installiert werden können. Dementsprechend ist eine Übertragung dieser Mittel erforderlich.“

Aber nicht nur das ist ein Problem dieses leblosen Platzes, der 2013 gebaut wurde und von uns schon damals den Kommentar bekam: „Irgendwo im Leipziger Rathaus sitzt ein Mensch, der liebt gepflasterte Plätze.“

Die Stadt hatte zwar versichert, es hätte eine lebhafte Bürgerbeteiligung gegeben. Doch das tatsächlich Endprodukt ist die Arbeit eines Architekturbüros.

„Als weiteres großes Ärgernis wurden die Wertstoffcontainer an der Nordwestecke des Platzes benannt. Diese sind natürlich für die Anwohner zwingend erforderlich, schaden aber dennoch dem Erscheinungsbild des Platzes. Einen anderen Standort dürfte es jedoch nicht geben, zumal schon vor der Platzumgestaltung Container vorhanden waren (wie ich mich als ehemaliger Einwohner der Seelenbinderstraße entsinnen kann)“, stellte Gerd Sklaar fest.

„Eine pragmatische Lösung wäre ein Sichtschutz, der die Container zum Platz hin optisch abschirmt und dennoch eine unproblematische Entsorgung ermöglicht. Dieser sollte aus Holz gefertigt werden und dann mit pflegeleichten Kletterpflanzen begrünt werden. Sinnvollerweise sollten alle 5 Container nebeneinander aufgestellt werden, sodass der Sichtschutz die Längsseite nach Süden und die beiden schmalen Seite nach Osten und Westen abschirmt. Von Norden her wären Befüllung und Entsorgung problemlos möglich.“

Doch was sich aus Bürgersicht so einfach darstellt, geht aus Sicht des Dezernats Umwelt, Klima, Ordnung und Sport so einfach nicht. Denn dieser Platz ist ein Kunstprodukt. Da darf man nicht einfach was ändern.

Schon 2014 Thema bei den Bürgern: Auf dem Huygensplatz fehlen Sitzbänke. Foto: Ralf Julke
Schon 2014 Thema bei den Bürgern: Auf dem Huygensplatz fehlen Sitzbänke. Foto: Ralf Julke

„Die Klärung liegt hier nicht in der Fragestellung der Finanzierung, da für drei Bänke die Summe an dieser Stelle nicht auskömmlich sein wird“, teilt das Dezernat in seinem unverwechselbaren Stil mit.

„Zu klären ist hier zunächst in Bezug auf die Umsetzung die Rechtslage bzgl. des Urheberrechts des Architekturbüros (welches zur Planung und Gestaltung des Huygensplatzes beauftragt worden ist) an der jetzigen Platzgestaltung. Erst wenn diese planerische Fragestellung mit dem Architekturbüro geklärt ist, können Bänke bestellt und an den mit dem Urheber abgestimmten Standorten aufgestellt werden.“

Platzgestaltung für die Ewigkeit

Ein Problem, das die Leipziger schon seit der Gestaltung des Augustusplatzes kennen. Da gibt die Stadt einem Architekturbüro die Gestaltung des Platzes in Auftrag. Hinterher stellt sich heraus, dass das alles andere als praktikabel ist. Aber dann darf auf einmal nichts mehr geändert werden, weil ein Urheberrecht auf dem Platz liegt. Und beim Huygensplatz hat das jetzt Folgen, die durchaus verblüffen.

„Der Stand dazu ist, dass der Urheber lediglich zusätzlichen Granitquadern, die zum Teil mit Holzflächen ausgestattet sein können, zugestimmt hat“, teilt das Umweltdezernat mit. „Im Ergebnis eines am 11.10.2021 stattgefundenen Workshops wurde allerdings der Beschluss für barrierefreie Holzbänke mit Seiten- und Rückenlehne gefasst. Dafür liegt aber keine Zustimmung des Urhebers vor. Unabhängig davon ist die technische Umsetzbarkeit einer Holzbeplankung auf den vorhandenen Quadern geprüft worden, leider mit negativem Ergebnis, da dies technisch nicht möglich ist.“

Also gar nichts geht. Das Architekturbüro stellt sich quer.

Und auch die Schaffung eines Sichtschutzes für die Wertstoffcontainer scheitert deshalb vorerst an der Zustimmung des Architekturbüros.

Nur zur Anbringung einiger weiterer Papierkörbe kann sich Leipzigs Stadtverwaltung durchringen: „Die Stadtverwaltung hat den Huygensplatz bereits für die Aufstellung und Finanzierung von drei Papierkörben im Rahmen des Papierkorbkonzeptes vorgesehen.“

Und so hat Andreas Geisler wohl recht, wenn er die Entwicklung der Leipziger Stadtplätze mittlerweile als gewaltiges Problem ansieht. Er hatte noch den Möckernschen Markt genannt, eine weitere „Perle“ an der Georg-Schumann-Straße.

Aber auch der Platz am Eingang zur Petersstraße gehört in diese Kategorie der misslungenen Platzgestaltungen, genauso wie der Vorplatz des Bayerischen Bahnhofes. Kein Wunder, dass die Stadt nach Auskunft von Baubürgermeister Thomas Dienberg jetzt ein Stadtplatzprogramm auflegen will.

Aber vielleicht sind das Problem gar nicht die Bürger mit ihren widersprüchlichen Wünschen an solche Plätze, sondern die beauftragten Architekturbüros und die von Steinpflaster berauschten Jurys, die immer wieder solche Plätze bestellen. Mit dem Ergebnis, dass die in ihrer ganzen Schönheit zu gar nichts Nutze sind. Nicht mal zum Hinsetzen und ein bisschen Sonnetanken.

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Es gibt 3 Kommentare

Das Büro wurde doch für seine Leistungen be- und damit ausgezahlt.
Sind damit die Rechte nicht an den Erwerber übergegangen?

Ein Kunstmaler z.B. kann sich doch auch nicht darüber beschweren, wenn seine Bilder ab- oder umgehängt werden.

Alles sehr schräg!

Da haben aber einige Leute bei der Vertragsausgestaltung gepennt, leider nicht nur einmal.
Vielleicht lernt die Verwaltung endlich daraus und schreibt die Verträge in Zukunft ordentlich und gibt nicht den Handlungsspielraum an öffentlichen Grundstücken durch so einen Mist leichtfertig auf.
Wenn die Architekten das dann nicht möchten: Kein Auftrag für sie.

Wie kann ein privates Unternehmen ein “Urheberrecht” an einem öffentlichen Platz bekommen!? Was ist denn das für ein Quark!? Die Stadt ist nicht mehr Herr ihrer eigenen Plätze!? Der Unsinn muss gestoppt werden!

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