Manche Fragen in der Ratsversammlung lassen sich ganz knapp beantworten. Bei anderen taucht dann ein ganzes Problemfeld auf, so wie ein Wal, der überraschend zum Luftholen an die Wasseroberfläche kommt. So war es am 19. Januar auch mit den Fragen zum Eutritzscher Markt, die Linke-Stadtrat Oliver Gebhardt gestellt hatte. Da hatte er schon den richtigen Riecher, nachdem zuvor schon die Freibeuter einen Antrag gestellt hatten, den Eutritzscher Markt aus seinem tristen Dasein zu erlösen.

Gebhardts Nachfrage war nur zu berechtigt: War die Auskunft der Verwaltung nun die implizite Aufforderung, ein Beteiligungsverfahren zu initiieren?

„Nein“, meinte Baubürgermeister Thomas Dienberg. Gab aber dann zu, dass die Verwaltung sogar dankbar ist über die Vorstöße aus dem Stadtrat, den Platz wiederzubeleben. Denn der leere Platz erzählt ja eindeutig davon, dass hier vor 25 Jahren falsche Entscheidungen getroffen wurden. Ob das damals absehbar war, könne er nicht sagen.Was ja auch stimmt: Leipzig hat viele heute offenkundige Probleme der Stadtgestaltung erst nach und nach wahrnehmen können. In den 1990er Jahren ging es vor allem darum, den Leerzug der alten Leipziger Stadtquartiere zu verhindern und sie irgendwie aufzuwerten und attraktiver zu machen.

Eutritzsch gehört zu den Ortsteilen, die noch bis 2002 Bevölkerung verloren. Erst ab 2003 begann so langsam wieder das Wachstum. Aber da stand der Markt schon in seiner heute sichtbaren Möblierung mit dem verstecktem Wasserlauf, dem Pflaster für den Frischemarkt und den Kiosken, die ihn zur Delitzscher Straße hin abschirmen.

Mit dem heutigen Wissen – da hat Dienberg recht – hätte man damals so manches anders entschieden. Und einen Frischemarkt wird man hier wohl nicht mehr platzieren. Was sich die Stadt vorstellen kann, werde man noch ausführlich in der Stellungnahme zum Antrag der Freibeuter ausformulieren, sagte Dienberg, auch wenn die Antwort zur Linken-Anfrage schon sehr ausführlich ausgefallen ist.  Und künftig werde es hier wohl nicht nur um Sport und Spiel gehen, sondern berechtigterweise auch um mehr Grün – Stichwort Klimawandel.

Thomas Dienberg (Grüne), Bürgermeister und Beigeordneter für Stadtentwicklung und Bau. Screen Stadt Leipzig

Wenn Stadtplätze nicht funktionieren

Aber dass das Thema wesentlich größer ist, sprach dann SPD-Stadtrat Andreas Geisler an, der nicht nur beim Eutritzscher Markt eine verfehlte Planung sieht, die den Platz eben nicht zu einem Begegnungsort im Ortsteil gemacht hat. Er verwies auf die sogenannte „Perlenschnur an der Georg-Schumann-Straße“, jene Stadtplätze, die erst in den letzten Jahren mit Fördermitteln umgebaut wurden, aber heute schon ahnen lassen, dass sie wohl langfristig ein richtiges Problem darstellen werden.

Konkret nannte er den – wie am Eutritzscher Markt – komplett gepflasterten Huygensplatz und den Möckernschen Platz, der aus seiner Sicht zu einem Kriminalitätsschwerpunkt zu verkommen drohe.

Die Aufenthaltsqualität auf beiden Plätzen ist tatsächlich denkbar gering. Und vielleicht war das auch der Anlass dafür, dass die Stadtverwaltung jetzt begonnen hat, ein Stadtplatz-Programm aufzulegen.

Denn wenn die alten Lösungen, die meist für teuer Geld verwirklicht wurden, schlichtweg nicht funktionieren, dann muss man sich auch mal Gedanken darüber machen, was da eigentlich schiefgelaufen ist und warum der Platz dem Ortsteil weder ein Gesicht noch eine Seele gibt.

Vielleicht ein kleiner Trost, dass Dienberg sagte: „Wir haben auch das auf dem Schirm.“

Piazza statt Pflaster

Denn wenn sich Leipzig im Klimawandel immer weiter aufheizt, werden auch deutlich mehr Plätze in jedem Ortsteil gebraucht, wohin Menschen aus ihren aufgeheizten Wohnungen fliehen können und nicht nur Schatten finden, sondern auch Kontakt zu ihren näheren und ferneren Nachbarn.

Denn bei zunehmender Hitzebelastung ist absehbar, dass der Stadtraum neu gedacht werden muss – mitsamt den Straßen, aus denen ein Großteil der Automengen verschwinden müssen, um mehr Straßenbäumen, Grüninseln und auch Bänken Platz zu machen. Leipzigs Klima wird zunehmend mediterran – da ist es nur folgerichtig, wenn man auch über die Schaffung einer echten Piazza in jedem Ortsteil nachdenkt.

Die Debatte vom 19.01.2022

Video: Livestream der Stadt Leipzig

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