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Grüne machen Druck: Stadt soll klären, was mit den Ackerflächen in der Nordwestaue wird

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    Wie weiter in der Nordwestaue? Die Ungeduld wächst, insbesondere in der Grünen-Fraktion im Leipziger Stadtrat. Denn dass sich in der Elster-Luppe gewaltig etwas ändern muss, ist spätestens klar, seit der Stadtrat im Juli 2020 die Entwicklung eines Auenentwicklungskonzeptes beschlossen hat. Aber wird es auch das wichtige Thema der künftigen landwirtschaftlichen Entwicklung enthalten.

    Irgendwie misstrauen die Grünen den Antworten, die sie im Februar von der Stadtverwaltung bekommen haben. Da hatten sie erstmals angestoßen, die landwirtschaftliche Nutzung der Aue in der jetzigen Form zu beenden und stattdessen Platz für mehr Auwald zu schaffen.In ihrer Antwort betonte die Stadtverwaltung freilich, dass das Gebiet gerade um den Pfingstanger historisch kein Wald war, sondern als Weideland genutzt wurde und damit auch ein typischer Bestandteil der Auenlandschaft war. So könnte das auch künftig wieder werden.

    Und eigentlich dürfte das auch im Auenentwicklungskonzept so wieder auftauchen, das ja nun bis 2022/2023 vom Projekt Lebendige Luppe verfasst werden soll, wo man ja selbst in dem kleinen Format der Luppen-Bespannung, in dem man bisher gearbeitet hat, gelernt hat, was eigentlich wirklich nötig ist, um die Aue nordwestlich vom Rosentalwehr wieder in einen naturnahen Zustand zu versetzen. Deichrückbauten gehören genauso dazu wie andere Steuerungen beim Wasserregime und eben auch die Rückführung von Nutzungen, die in einer klassischen Aue so nicht möglich und nicht verträglich sind.

    Aber so recht vertrauen die Grünen nicht darauf, dass das am Ende tatsächlich so im Konzept steht. Sie wollen es mit einem Stadtratsbeschluss festmachen.

    „In der Leipziger Aue ist der Lebensraumtyp Wald der einzige naturnahe Lebensraumtyp, der in den letzten 500 Jahren an Flächen und Dichte zugenommen hat“, heißt es im Antrag der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen zu diesem Thema.

    „Dem hingegen sind auentypische Offenlandbiotope mit Nasswiesen- und Stromtalarten der Lebensraumtyp, der in den letzten 150 Jahren mit weitem Abstand den größten Flächen- und Artenverlust hinnehmen musste. Nicht wenige ehemalige Auenwiesen sind heute Sportanlagen (z. B. Frankfurter Wiesen = Red-Bull-Arena und viele weitere Sportanlagen) oder Kleingartenanlagen. Hinzu kamen Schuttberge (z. B. Bauernwiesen = heute Fockeberg), die Stadterweiterung (z. B. Teile von Schleußig) oder kleinere ergänzende Aufforstungen (z. B. im Küchenholz).

    Wesentliche Teile des Auengrünlandes, wie der Pfingstanger, wurden erst in den 1980er Jahren von Grünland in Ackerland umgewandelt. Ehemalige Auenwiesen, wie die Nonnenwiese, könnten ihre ursprüngliche ökologische Funktion gar nicht mehr erfüllen, da sie heute als Hunde-, Sport- und Erholungsrasen einem viel zu großen Nutzungsdruck durch die Bevölkerung unterliegen. Und auch im Clara-Zetkin-Park beginnen wir gerade erst, wieder naturnahe Wiesen zu etablieren.“

    Auch was das heutige Artensterben beträfe, brauche Leipzig wieder mehr artenreiche auentypische Offenlandbiotope. Der Antrag wird dann geradezu zu einem Ausflug in die Geschichte des Leipziger Auwaldes. Aber es stimmt schon: Am heftigsten gelitten haben die alten Auenwiesen, die einst bis an die Mauern der alten Stadt Leipzig heranreichten. Gerade die Westvorstadt, das Musikviertel und das Waldstraßenviertel sind typische, auf einstigen Überschwemmungswiesen errichtete Stadtviertel.

    „Die älteste maßstäblich skalierbare kartografische Darstellung, die Sächsischen Meilenblätter aus dem Jahr 1806 belegen, dass zwischen Pfingstanger und Gundorf der Wechsel zwischen Wiesen- und Waldflächen kleinteiliger, der Wiesenanteil aber etwas größer war, als heute“, stellen die Grünen fest. „Dies bedeutet, die Landschaft war strukturreicher und Strukturreichtum ist auch ein ganz wesentlicher naturschutzfachlicher Wert. Seitdem sind kleinere, vor allem inselartige Waldflächen abgeholzt, aber auch Wiesenflächen nach dem Lehmabbau und einer teilweisen Wiederverfüllung aufgeforstet worden.“

    Und nicht ganz zufällig folgte die moderne Ackerwirtschaft genau in den Jahren, als die Neue Luppe als „Entwässerungskanal“ in der Nordwestaue gebaut und der Auwald mit hohen Deichen vom Wasser abgeschnitten wurde. Damit erst wurden die Wiesen so trocken, dass man hier Ackerwirtschaft betreiben konnte.

    Die Grünen: „Die erste Umwandlung von Auenwiesen in Ackerflächen erfolgte im Bereich des Forstweges zwischen 1923 und 1940 (Quelle: Königlich sächsische Messtischblätter aus den Jahren 1923 und 1940), also wahrscheinlich zeitgleich mit dem Bau der Neuen Luppe und der damit verbundenen Abtrennung der Aue von natürlichen Hochwässern. Die zweite Umwandlung von Auenwiesen in Ackerflächen erfolgte am Pfingstacker erst Mitte der 1980er Jahre und damit wenige Jahre vor der politischen Wende.“

    „Zu diesem Zeitpunkt waren nach topografischer Karte der DDR die heutigen Ackerflächen nordwestlich von Gundorf am Dammweg noch Wiesen, im Luftbild von 1990 Ackerflächen. Der Umbruch von Wiesen- zu Ackerflächen erfolgte am Pfingstanger und bei Gundorf also erst wenige Jahre vor dem gesetzlichen Verbot einer solchen Umwandlung.“

    Genau das aber muss jetzt rückgängig gemacht werden, beantragen die Grünen:

    „Die Stadtverwaltung wird beauftragt,

    1. im Rahmen des Auenentwicklungskonzepts zu prüfen, wie die bestehenden landwirtschaftlichen Nutzflächen in der Nordwestaue entwickelt werden können, um sich in das Ökosystem Auwald, z. B. als charakteristische Offenflächen und Grasland einzufügen,

    2. hinsichtlich der weiteren Entwicklung gemäß Punkt 1 frühzeitig Gespräche mit den Eigentümern der entsprechenden Flächen in der Nordwestaue aufzunehmen und geeignete Handlungsoptionen zu entwickeln.

    Bis zum 4. Quartal 2021 legt die Stadt den zuständigen Ausschüssen die Ergebnisse vor.“

    Denn auch hier drängt die Zeit. Bis 2026 muss auch Leipzig die Wasserrahmenrichtlinie der EU einhalten, also eine deutliche Verbesserung des Gewässerzustandes auch in der Nordwestaue zustande bekommen, was nur mit einer schnellen Umsetzung des (noch nicht existierenden) Auenentwicklungskonzeptes möglich ist. Und das kann nur umgesetzt werden, wenn auch mit den Pächtern und Eigentümern der landwirtschaftlich genutzten Flächen Regelungen getroffen sind. Die Zeit läuft.

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      2 KOMMENTARE

      1. Lieber robin w, man darf von politischen Statements nicht zu viel erwarten, da hast Du recht. Es ist ein Vorstoß, gut gemeint (hoffentlich), mehr leider nicht.

        Unter Einbezug von Experten, wie sie ja im Leipziger Aueninstitut Lebendige Flüsse zur Verfügung stünden, das schon mehrfach seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit auf den verschiendensten Ebenen signalisiert hat, könnte man gemeinsam eine Beschlussvorlage erarbeiten, die fachlich-inhaltlich dann tatsächlich dem entspräche, wovon man jetzt annehmen soll, dass es das Ziel des GRÜNEN-Vorstoßes ist. Das wäre dann ein klares Signal an alle, mit welcher Intention die GRÜNEN ihr Engagement für Leipzig Auenlandschaft betreiben.

      2. Ich bin ja wahrlich nicht der allergrößte Optimist, wenn es um Konzepte und Prüfungen der Stadtverwaltung geht…, jedoch würde ich nicht wirklich bezweifeln, dass die Umwandlung der riesigen Ackerflächen im Rahmen des Auenentwicklungskonzeptes tatsächlich auch geprüft wird.

        Die Umwandlung der Ackerflächen im Pfingstanger (in den 80er Jahren erfolgt!) ist ja auch bereits eine uralte Forderung, z.B. im Rahmen des AULA-Projektes.

        Was mich aber wieder wie so häufig ärgert, sind so unbestimmte und vage Formulierungen im Beschlussvorschlag der Grünen, die sich in fast jede Richtung hindeuten lassen. Was sind charakteristische Offenflächen (Acker ist ja auch charakteristisch)? Was ist mit Grasland gemeint (auch das artenärmste Saatgrasland ist solches…)? „Druck“ sieht für mich irgendwie anders aus.

        Warum werden im Beschlussvorschlag nicht gezieltere Forderungen aufgemacht und Formulierungen verwendet, die auenökologischen Sachverstand erkennen lassen (es bräuchten ja auch keine schwierig verständlichen Begriffe zu sein; artenreiches Auengrünland würde ja schon reichen)?

        Eine intakte Aue lebt auch von einer engen Verzahnung von Wald und Offenland. So wären die riesigen monotonen Ackerfluren hervorragend geeignet, solche auentypischen Halboffenlandschaften, die z.B. auch für die Stieleiche ganz ausgezeichnet sind (so verjüngt die Eiche z.B. sehr gerne aus Hecken und Gebüschen heraus), wiederherzustellen. Natürlich keine naturfernen 0815-Aufforstungen, sondern aus Initilalen heraus Gehölze sich von selbst entwickeln lassen, mosaikartig verteilt, mit unterschiedlichen Größen und vielen artenreichen Ökotonen.

        Ich finde es nicht so zielführend, zu sehr auf historische Situationen im Zusammenhang mit der Wald-Offenlandverteilung zu schauen. Es ist ja bekannt, dass bereits im Mittelalter teils übel mit Wald umgegangen wurde. Andererseits hat im Leipziger Auensystem bis vor ca. 100 Jahren alles in einer Überflutungsaue stattgefunden. Also warum nicht mehr von jetzt aus denken. Was ist für die Zukunft besonders wichtig? Und das könnten z.B. mehr Gehölze und Wald sein, denn da steckt besonders viel Potenzial für Dynamik drin (es sei denn man forstet nach Försterschema auf). Und warum nicht mit einem großen Weidetiereprojekt verbinden? In einer Aue können sich in recht kurzer Zeit wunderbare dynamische Ökosysteme entwickeln. Also dynamisch und kreativ in die Zukunft blicken, das wäre mein Plädoyer.

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