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Überwachungsfall Sachsenbrücke: Ein Offener Brief an OBM Burkhard Jung

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    Sehr geehrter Herr OBM Jung, schockiert habe ich gerade gelesen, dass ein Rettungswagen auf der Anton–Bruckner-Allee auf dem Weg zur Sachsenbrücke vor ein paar Tagen, genauer gesagt am 12.06.2021 angegriffen wurde und dass Sie sich mit der Polizei und dem Ordnungsamt ein Sicherheitskonzept für den Park überlegen wollen. In einem anderen Text stand sogar, dass Sie sich für die Sachsenbrücke Überwachung durch die Polizei und das Ordnungsamt vorstellen können.

    BLOSS NICHT!

    Ich schreibe, um gegen mehr Überwachung und Polizei bzw. Ordnungskräfte auf oder in der Nähe der Sachsenbrücke zu argumentieren:

    Seit ungefähr 30 Jahren laufe oder fahre ich mit dem Rad über diese Brücke. Es ist mein Lieblingsort in Leipzig, weil es dort immer bunt, gutgelaunt, friedlich und oft mit musikalischer Begleitung zugeht. Es ist ein Ort zum Entspannen, um ein bisschen frische Luft und Sonne zu schnappen und Menschen aus der Universität Leipzig und der Nachbarschaft und jetzt zunehmend auch aus den unterschiedlichen Ecken Leipzigs (die, die Brücke überqueren) zu sehen oder zu treffen.

    Sowohl junge als auch ältere Menschen wie ich selbst sind dort willkommen. Und die Touristen kommen, um die lockere, einladende, wunderbare Atmosphäre und den langen und weiten Blick auf den Fluss, die Kanus, den Park und den blauen Himmel zu genießen.

    Am Sonntag voriger Woche habe ich noch zusammen mit einem Uni-Kollegen, der sicher nicht der jüngste ist, unter vielen anderen getanzt. Selbst bin ich 70. Mitgetanzt haben auch was wie Mitglieder eines Tanzstudios aussah, die uns ihre Künste spontan vorführten. Es sprudelte vor Lebensfreude. Und man musste keinen Eintritt bezahlen oder sich von Türstehern beurteilen lassen.

    Nur weil sich ein einziges Mal etwas Negatives ereignet hat – wie der in den Medien genannte Angriff auf den Rettungswagen – sollte man nicht voreilig die vielen Menschen, die friedlich seit Jahren miteinander verkehren und Freude daran finden, überwachen lassen.

    Eine Straftat rechtfertigt das nicht.

    Für die Täter ist in dem Rechtsstaat Deutschland ein Verfahren vorgesehen, das mit einer Ermittlung beginnt und in einer Strafe mündet. Es gibt keinen Grund, die Menschen auf der Sachsenbrücke dafür verantwortlich zu machen, wessen sich die Angreifer schuldig machten.

    In einem Rechtsstaat gibt es mit gutem Recht keine kollektive Verantwortung für die Taten Einzelner.

    Zu bedenken ist auch: Würde man mehr Polizei bzw. Ordnungsbeamte auf oder in der Nähe der Brücke platzieren, könnte man dadurch eben diejenigen provozieren, die sich auf sinnlose Gewaltnutzung verlassen. Sie würden dann vermehrt die Sachsenbrücke zur Zielscheibe machen. Das wollen wir, die das bunte Treiben auf der Sachsenbrücke in Frieden genießen, nicht.

    Und die ahnungslosen Touristen würden sich fragen, warum man auf der Leipziger Brücke des Friedens Polizei und Ordnungskräfte sieht.

    Nicht zu verneinen ist: Hätten wir uns auf der Sachsenbrücke nicht sicher gefühlt, wären wir dort nicht zu finden.

    Laut ein paar Pressekommentaren handelt es sich um ein ganz getrenntes Problem, nämlich die steigende Anzahl der Angriffe auf die Rettungskräfte in Leipzig. Dies soll zuerst zur Kenntnis genommen werden. Wenn es ein getrenntes Problem ist, dann ist es eben getrennt und hat mit der Parksicherheit und mit der Sachsenbrücke bzw. Formen der Parknutzung nichts zu tun. Beide – der Park und die Sachsenbrücke – sollen auch aus diesem Grund in Ruhe gelassen werden.

    Auf jeden Fall soll zuerst untersucht werden, ob sich solche Angriffe tatsächlich mehren und, wenn ja, warum das so ist und ob Überwachung bzw. Repression die richtige Antwort darstellt.

    Wenn Sie also Diskussionen mit der Polizei und dem Ordnungsamt führen wollen, sollen Sie bitte das Obige berücksichtigen. Auch die CDU-Abgeordneten, die das Recht der Bürger auf eine selbstbestimmte Freizeit einschränken wollen, wären vielleicht an diesen Argumenten interessiert.

    Mit freundlichen Grüßen

    Helena Flam, PhD
    Prof. em.
    Institut für Soziologie
    Universität Leipzig
    Beethovenstr. 15
    04107 Leipzig

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      3 KOMMENTARE

      1. Hab ich mir beim Schreiben meiner Zeilen auch mit überlegt. Solange es nicht um das Richten von Aufnahmeobjektiven geht, hätte ich damit vermutlich kein Problem. Auch wenn ich es mir nicht wünsche. Aber wenn es ein Restaurant ist, bei dem in der Vergangenheit schon ab und zu was schief lief, würde ich es wohl auch gutheißen.

      2. Stellen Sie sich einfach vor, Sie sitzen mit Freunden in einem Restaurant, essen und plaudern, und der Polizist in der Ecke schaut Ihnen immer mal ein bisschen zu…

      3. Ich finde den Leserbrief und dessen Argumente gut. Man kann auch mal abwarten, statt nach einem drastischeren Fall gleich die Maßnahmen hoch zu fahren. Dann muss man zwar auch die Stimmen aushalten, die da „wann reagiert die Stadt endlich“ rufen, aber auch das kann Politik leisten. Neben den Randalen, die es da offenbar gegeben hat, finde ich die Vermüllung aber eigentlich Grund genug, ein klein wenig beizusteuern.

        Was ich nicht verstehe: Warum man nicht auch dann tanzen, das Leben genießen, als Tourist die Brücke überschreiten, Musik hören usw. kann, wenn 50 m daneben ein oder zwei Polizeiwagen stehen. Diese ständige Repression, die manche Leute fühlen, die zum Beispiel „einfach nur friedlich Silvester auf dem Kreuz“ feiern wollen, erschließt sich mir nicht. Vor allem würde ich die zeitweilige Präsenz von Ordnungsbehörden nicht als „Überwachung“ bezeichnen.

        Und schließlich:
        „In einem Rechtsstaat gibt es mit gutem Recht keine kollektive Verantwortung für die Taten Einzelner.“

        Juristisch gesehen könnte das stimmen, aber gesellschaftlich würde ich das ganz anders sehen. Mit Respekt vor dem akademischen Status der Leserbriefschreiberin und ihrer Lebenserfahrung qua Alter setze ich voran, dass ich mich da auch belehren lasse und auf gegenteilige Argumente neugierig bin, aber es gibt doch so viele Beispiele, wo das Handeln einzelner Leute Auswirkungen auf alle hat.
        Und oft genug sieht man als vernunftbegabter Mensch doch auch ein, dass man am Flughafen eben einer Durchsuchung ausgesetzt ist, dass man im Zug die Fahrkarte vorzeigbar / auf dem Handy abrufbereit haben muss oder das an der Kasse vom Konsum auf Verlangen vielleicht auch mal der Rucksack zu öffnen sein könnte. Eben weil einige wenige Subjekte sich in der Vergangenheit falsch verhalten haben und deshalb Maßnahmen ergriffen worden, die nun leider alle betreffen.

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