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Parkstadt Dösen: Auch der Bauherr ist bereit, ein würdiges Gedenken an die Geschichte der Heilanstalt zu unterstützen

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    Ursprünglich stammte die Initiative aus dem Stadtbezirksbeirat Südost: Wenn jetzt aus dem Gelände des ehemaligen Parkkrankenhauses Dösen die Parkstadt Dösen wird, dann sollte im Gelände unbedingt auch an die dunklen Seiten der Geschichte dieses Ortes erinnert werden. Die Initiative griff die Grünen-Fraktion im Stadtrat auf. Und jetzt gibt es auch Zustimmung dazu aus dem Kulturdezernat.

    „Der Geschichte der ehemaligen Nervenheilanstalt Leipzig-Dösen ist auf dem Gelände der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt / des ehemaligen Bezirkskrankenhauses / des ehemaligen Parkklinikums Leipzig zu gedenken. Dabei ist sowohl an die Geschichte des Baus der Einrichtung für psychisch kranke Menschen durch die Stadt Leipzig und dem Beginn einer für die damalige Zeit sehr fortschrittlichen und humanen Behandlung, als auch auf die sehr wechselvolle zum Teil verbrecherische Geschichte über die verschiedenen politischen Systeme, zu erinnern“, betont das Kulturdezernat und erweitert damit den Antrag der Grünen-Fraktion, der vor allem an die finstere Zeit der Kindereuthanasie und die Ermordung psychisch kranker Menschen erinnert sehen wollte.Aber die Erweiterung ist ja nicht ganz unwichtig, denn als das Parkkrankenhaus gebaut wurde, war es eine der modernsten Einrichtungen seiner Art in Deutschland. Dass hier einmal verantwortliche Ärzte ihren Beruf zur Ermordung von Menschen missbrauchen würden, war 1901, als die Heil- und Pflegeanstalt eröffnet wurde, nicht absehbar.

    „Einer der Schwerpunkte der Geschichte sind dabei die Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus, die an hunderten von geistig behinderten und psychisch kranken Menschen auf dem Gelände der ehemaligen Anstalt verübt worden sind. Dabei ist vor allem sowohl an die Ermordung erwachsener psychisch kranker und geistig behinderter Anstaltsinsassen als auch an die systematische Ermordung von behinderten Kindern aus ganz Sachsen zu erinnern“, formuliert das Kulturdezernat den Anspruch an ein künftiges Gedenken.

    „Die politische und öffentliche Unterstützung für eine angemessene und deutlich sichtbare Form des Gedenkens an die Geschichte der Euthanasieverbrechen auf dem Gelände der ehemaligen Klinik, ist dabei für die Umsetzung des Vorhabens überaus hilfreich. Ergänzt dies doch das Engagement der Stadt Leipzig, das schon seit den 1990er Jahren diesen historisch einmaligen menschenverachtenden Vorgängen gewidmet ist (Gedenkort für die Opfer der Kindereuthanasieverbrechen im Friedenspark, Grabmal für die ermordeten erwachsenen Psychiatriepatienten und behinderten Kindern auf dem Ostfriedhof, Abschnitt Euthanasieverbrechen in der ständigen Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum). Ein weiterer Baustein bereits umgesetzter Erinnerungskultur ist die zukünftige Benennung der Straßen nach Opfern der Euthanasie-Verbrechen zur Zeit des Nationalsozialismus in der Parkstadt Dösen (Vorlage: VII-DS-02446, Beschluss Ratsversammlung vom 23.06.2021).“

    Die Stolperschwelle, die an das Schicksal der in Dösen ermordeten Kinder erinnert. Foto: LZ
    Die Stolperschwelle, die an das Schicksal der in Dösen ermordeten Kinder erinnert. Foto: LZ

    Und Dösen macht eben auch sichtbar, dass in der NS-Zeit mehrere städtische Ämter und Einrichtungen willfährig mitmachten, die mörderische Politik der Nationalsozialisten umzusetzen.

    „Für die in diese Verbrechen einbezogenen zahlreichen Einrichtungen der Stadt – wie Universitätskinderklinik, städtisches Gesundheitsamt, Erbgesundheitsgericht, Zwangsarbeitsanstalt – gibt es mit der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Leipzig Dösen immer einen zentralen Ort, der in all diese Verbrechen einbezogen war“, formuliert es das Kulturdezernat.

    „Einer Initiative von behinderten Menschen ist es zu verdanken, dass es seit 2016 eine Stolperschwelle zur Erinnerung an die Euthanasieverbrechen auf der gegenüberliegenden Seite des Klinikgeländes gibt. Eine Erinnerung auf dem Gelände der Klinik ist deshalb mehr als überfällig.“

    Aber dabei dürfe es nicht bleiben, so das Kulturdezernat: „Erinnert werden sollte aber auch an die Initiative von jungen Ärzten nach dem Ende der Naziherrschaft, die unter dem Eindruck dieser Verbrechen weitreichende Verbesserungen in der Behandlung psychisch kranker Menschen auf den Weg gebracht haben. Der Beginn der Leipziger Sozial- und Gemeindepsychiatrie – mit ersten Reformen in den Kliniken – nahm schon Ende der 1950er Jahre – durch die kriegsbedingt auf das Dösener Gelände verlegte Universitätspsychiatrie – ihren Anfang. Diese Aktivitäten führten zu deutlichen Verbesserungen in der Behandlung der psychisch kranken Menschen, später auch zum Aufbau ambulanter Versorgungsangebote, der als systematischer gemeindenaher Ansatz auch weit über Leipzig hinaus bekannt geworden ist.“

    Was den Ereignissen in der NS-Zeit ihre Tragik nicht nimmt. Es darf nicht vergessen werden, was Ärzte damals ohne Skrupel taten. Denn damit wird erst sichtbar gemacht, wie schnell einige Menschen zu Erfüllungsgehilfen eines mörderischen Regimes werden, wenn die humanen Grundlagen einer Gesellschaft einfach per Gesetz außer Kraft gesetzt werden.

    Es sollte also nicht unbedingt nur eine kleine Gedenktafel werden, findet das Kulturdezernat: „Die Erinnerung soll in Form von einer oder mehreren Gedenkstelen realisiert werden, die je nach Baufortschritt der ‚Parkstadt Dösen‘ auch schrittweise ab dem Jahr 2023 aufgestellt werden können. Zur Umsetzung besteht die grundsätzliche Bereitschaft der Grundstückseigentümerin und Projektentwicklerin, die sich auf der Grundlage des abgeschlossenen Städtebaulichen Vertrages ‚Parkstadt Dösen‘ an der Finanzierung der Gedenkstelen beteiligen wird. Die vollständige Finanzierung ist über die Einwerbung von Fördermitteln und Spenden abzusichern. Die Inhalte des Bebauungsplanes und Belange der Denkmalpflege stehen dem Vorhaben nicht entgegen.“

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