Sie ist eine der letzten historischen Fabriken im Leipziger Westen, die noch nicht saniert und für neue Nutzungen umgebaut wurde: Gemeint ist die Maschinenfabrik Philipp Swiderski in der Zschocherschen Straße/Ecke Markranstädter Straße. Immer wieder gab es hier Fälle von Vandalismus. Aber die Eigentümergesellschaft konnte in den vergangenen 30 Jahren mit der alten Bausubstanz nicht so richtig etwas anfangen.
Und weil man keine Ideen hat, spielt man jetzt wieder mit dem Gedanken, das historische Fabrikensemble einfach abzureißen. Wogegen jetzt mehrere Leipziger Initiativen und Vereine Sturm laufen.
„Das Fabrikgelände an der Markranstädter Straße, Ecke Zschochersche Straße, ist ein Unikat – nicht nur in Plagwitz, sondern in ganz Leipzig. Große Produktionshallen, ein markanter Eckbau mit Türmchen: Schon im Vorbeigehen wird deutlich, dass es sich hier um einen außergewöhnlichen Ort handelt“, stellen diese nun in einem gemeinsamen Protest gegen die Abrisspläne fest.
„Solche industriellen Ensembles sind selten geworden. Einst wurden hier Buchdruck- und Dampfmaschinen gefertigt – Produkte, die Leipzigs Ruf als internationales Zentrum des Buch- und Maschinenbaus mitbegründeten. Doch seit den 1990er Jahren ist das Areal dem Verfall preisgegeben. Gebäude wurden bereits zurückgebaut, Sicherungsmaßnahmen erfolgen nur sporadisch. Nun erwägt die Eigentümergesellschaft erneut den vollständigen Abbruch.“
Das Gebäudensemble war schon mehrfach in den Schlagzeilen, weil die historische Gebäudesubstanz nicht wirklich gesichert war und der Verfall immer weiterging. Und dass man in den historischen Farbikhallen keine sinnvolle Nutzung unterbringen könnte, bezweifeln die Leipziger Denkmalstiftung, der Förderverein der Leipziger Denkmalstiftung e.V. und der Industriekultur Leipzig e.V. sowie die Bürgerinitiative Kleinzschocher, die IG Buch Kleinzschocher, das Stadtforum Leipzig, Pro Leipzig e.V. und Westbesuch e.V. deutlich.
Die Swiderski-Geschichte
Die Geschichte dieses Ortes reicht bis ins Jahr 1867 zurück, als die „Philipp Swiderski Maschinenbaufabrik“ im Graphischen Viertel gegründet wurde. Zunächst entstanden Lederverarbeitungsmaschinen, später Buchdruckmaschinen.
Nach einem innerstädtischen Umzug im Jahr 1871 und einer stetigen Erweiterung der Produktpalette – unter anderem um Druckmaschinen und Lokomobile – wurde 1888 schließlich das neue Fabrikgelände in Plagwitz errichtet. Damit verlagerte sich ein bedeutender Teil der Leipziger Industriegeschichte an diesen Standort.
Die Herstellung von Buchdruckmaschinen, darunter Falz- und Bogenanlegermaschinen, blieb über Jahrzehnte prägend. Nach mehreren Umfirmierungen firmierte das Unternehmen ab 1927 als „Georg Spiess Maschinenfabrik“, wurde 1953 zum VEB Bogenanlegerwerk und 1960 dem VEB Druckmaschinenwerk Leipzig zugeordnet.
Mit der Wiedervereinigung endete die Produktion. Gebäude, Maschinen und Inventar blieben zurück – ein eingefrorenes Zeugnis industrieller Arbeit, Technikgeschichte und Arbeitskultur.
Lost Place
Heute ist die ehemalige Maschinenfabrik ein weithin bekannter und geschätzter „Lost Place“, ein Ort von großer Anziehungskraft für Fotografen, Stadtforscher und Geschichtsinteressierte.
Und dass man aus den alten Fabrikhallen nichts machen könnte, könne man so auch nicht behaupten, stellen die Verfasser der gemeinsamen Stellungnahme kritisch fest: „Zugleich existieren seit Jahren zahlreiche Ideen für eine neue Nutzung. Studien- und Abschlussarbeiten sowie eine Machbarkeitsstudie haben unterschiedliche Nutzungsszenarien untersucht – von einer Mischung aus Produktion, Handel, Büro und Wohnen bis hin zu überwiegender Einzelhandelsnutzung.
Auch die Leipzig International School (LIS) zeigte Interesse, musste jedoch feststellen, dass ihre Anforderungen nicht mit dem Bestand vereinbar sind. Ein Architekturbüro hat ein konkretes Nutzungskonzept für den Erhalt und die behutsame Weiterentwicklung der Anlage erarbeitet.“
Doch die Eigentümergesellschaft des Geländes stellt sich ein Einkaufszentrum vor. „Der Schwerpunkt wäre ein großflächiger Lebensmitteleinzelhandel. Dies lässt der Bebauungsplan jedoch nicht zu. Außerdem gibt es in der unmittelbaren Umgebung schon zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten, sodass weitere Einzelhandelsflächen überflüssig sind.
Die jüngsten Gespräche mündeten schließlich in der Ankündigung der Eigentümergesellschaft, den vor rund anderthalb Jahren gestoppten Abbruch erneut in Betracht zu ziehen – in der Hoffnung, durch eine vollständige Beräumung neue Optionen zu eröffnen. Demnach ist das Grundstück mehr wert als eine historische und als Kulturdenkmal eingetragene Fabrikanlage.“
Ein Denkmal Leipziger Industriekultur
Und so sind sich die Verfasser der Stellungnahme einig: „Ein Abriss dieser Anlage darf unter keinen Umständen erfolgen. Es handelt sich um ein denkmalgeschütztes, industriekulturell äußerst wertvolles Ensemble. Mit ihrer damals einzigartigen Erweiterung nach dem Entwurf von Paul Ranft, ist die ursprünglich von dem bedeutenden Architekturbüro Pfeifer & Händel (später Franke & Händel) geplante Fabrik bereits von Zeitgenossen als mustergültig gerühmt worden.
Mit seinem Verlust ginge nicht nur ein Stück Identität von Plagwitz, Kleinzschocher und Lindenau verloren, sondern ein zentraler Baustein der Leipziger Industriegeschichte.“
Die Attraktion des Leipziger Westens hat eine Menge mit den vielen erhaltenen alten Fabrikgebäuden zu tun, die von der Bauqualität des frühen Industriezeitalters erzählen und die heute zumeist saniert und neuen Nutzungen geöffnet wurden.
Und dass Leipzig noch so viele alte Fabrikbauten besitzt, hat nun einmal mit der deutsch-deutschen Teilung zu tun: Die alten Gebäude wurden auch in der DDR-Zeit weiter für die Produktion genutzt und waren deshalb 1990, dem Jahr der Deutschen Einheit, fast alle noch erhalten, anders als im Westen, wo man mit diesen Fabriken oft genug Tabula rasa machte.
Es ist einer der Schätze, die Leipzig heute attraktiv machen.
„Mit der Wende entstand die im europäischen Maßstab einzigartige Situation, die ‘Industriemoderne’ auch anhand von Bauten studieren zu können. Solche Orte sind mehr als alte Mauern“, heißt es in der gemeinsamen Stellungnahme.
„Sie erzählen von Arbeit, Innovation, sozialem Wandel und der Entwicklung der Stadt. Sie bieten Potenziale für nachhaltige Stadtentwicklung, kulturelle Nutzung, kleinteilige Produktion, Bildung und gemeinschaftliches Leben – gerade, weil sie bereits existieren und nicht neu gebaut werden müssen. Abriss bedeutet hier nicht Fortschritt, sondern den unwiederbringlichen Verlust von Geschichte, grauer Energie und städtebaulicher Qualität.
Leipzig hat sich stets als Stadt der Industrie und ihrer Kultur verstanden – und wird dafür weit über die Stadtgrenzen hinaus geschätzt. Diesem Anspruch müssen wir weiterhin gerecht werden. In den vergangenen Jahren wurden schon zu viele Industriebauwerke abgebrochen.
Wir fordern insbesondere die Eigentümergesellschaft und die Stadt Leipzig eindringlich auf, gemeinsam eine tragfähige, langfristige Lösung zu entwickeln, alle erhaltenswerten Gebäude zu sichern und einer neuen, dem Ort angemessenen Nutzung zuzuführen. Die Zeit drängt: Es ist längst fünf nach zwölf.“
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