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Mit Arno Specht und Uwe Schimunek in 14 ganz und gar nicht geisterhaften Orten in Sachsen, die noch auf ihre Auferstehung warten

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    Es ist ein ganzes Buchgenre, das da in den letzten Jahren entstanden ist und die Leser in seinen Bann schlägt: Mal kommt es als „Lost Places“ daher, mal als „Verlassene Orte“ oder – wie beim Jaron Verlag – als „Geisterstätten“. Angefangen hat es überall mit der Abenteuerlust von Menschen, die sich nicht nur für die morbide Schönheit verlassener Gebäude interessierten, sondern auch für ihre Geschichte. Und der Osten war mal voller solcher Gebäude.

    Ein wahres Schatzreich für begabte Fotografen, die in diesen alten Fabriken, Heilstätten, Krankenhäusern, Kasernen, in Bunkern, Burgen und verlassenen Schulen das Licht einfingen, die Schönheit des Verfalls und den emsigen Fleiß der Natur, sich die verbauten Orte zurückzuholen. Tatsächlich begann diese Abenteuerlust sogar recht spät, denn die hohe Zeit der leer geräumten Baukultur war um 2000, als der Osten tatsächlich „auf der Kippe“ zu stehen schien, Kommunalverwaltungen nur noch an Abriss dachten und die Bevölkerung hinzuschmelzen schien, als sei das ein verhextes Land. Eines ohne Zukunft.

    Und tatsächlich haben viele Investoren viel zu lange gewartet. Es waren oft nicht die wertlosesten Kleinode, die vernagelt und versperrt dastanden und langsam vor sich hin rotteten. Vielerorts schlimmer, als es diesen Gebäuden in der grauen DDR-Zeit ergangen war.

    Das heißt: Zur neuen Abenteuerlust der Fotografen brauchte es – so seltsam das klingt – auch eine neue Aufbruchstimmung. Denn erst sie machte all jenen, die heute ganze Galerien mit eindrucksvollen Ruinenfotos aufweisen können, bewusst, dass es diese Tummelplätze bald nicht mehr geben würde. Die alten Fabriken verwandelten sich selbst in abgelegensten Orten auf einmal in neue Loffts oder in Seniorenheime, neue Besitzer übernahmen und entwickelten neue Nutzungsideen.

    Das war nicht nur in Leipzig so. Das passiert überall im Osten. Entsprechende „Geisterstätten“-Bücher hat der Jaron Verlag schon über Dresden und Leipzig vorgelegt. Aber so wie dort die einstigen Geisterstätten verschwinden und nach dem Umbau nicht mal mehr verraten, wie sehr hier einst der Zahn der Zeit nagte, so weitet sich der Blick der Schatzsucher. Und auf einmal rücken die ländlichen Räume ins Blickfeld, wo genauso beeindruckende Kleinode nun oft schon seit 20 Jahren leerstehen und den Atem der Vergangenheit verströmen.

    Oder gleich mehrerer Vergangenheiten.

    Und so haben sich Arno Specht und Uwe Schimunek – unterstützt von drei geübten FotografInnen – auf den Weg gemacht, auch in Sachsen solche Orte zu finden, die nicht einfach nur durch ihren morbiden Charme beeindrucken, sondern richtige Landes- und Lebensgeschichten zu erzählen haben. Zwei davon tatsächlich auch in den Großstädten – beide kurz vorm Vergessenwerden und Verschwinden. So wie der Leipziger Bahnhof in Dresden, der älteste noch existierende Bahnhof in Sachsen, 1839 erbaut als Endstation der ersten Ferneisenbahn Deutschlands und seitdem mehrfach umgenutzt und 2005 endgültig aufgegeben. Und wie das mit solchen geschichtsträchtigen Orten ist: Auch Zäune und Schilde nützen nicht viel – die Vandalen kommen und das Wetter schlägt zu. Und dann vergehen die scheinbar so robust gebauten Häuser genauso wie die Menschen.

    Bücher über diese verlorenen Orte sind immer Bücher über Vergänglichkeit. Sie zeigen ohne viel Aufhebens, wie vergänglich menschliches Streben ist, wie schnell sich selbst die heroischen Visionen einer auf Ewigkeit gedachten Gesellschaft beginnen selbst zu zerlegen.

    Etwa die beiden Wismut-Orte Kulturpalast Rabenstein in Chemnitz, einst der Traum einer Kulturstadt für die Wismut-Bergleute, und das Wismut-Nachtsanatorium in Bad Schlema, wo die Bergleute sich mal ausschlafen und Kultur genießen konnten, bevor es wieder in den Schacht ging, um das Uran für das sowjetische Atomwaffenprogramm aus dem Berg zu holen. Andere Orte waren mal der robuste Bestandteil einer Wirtschaft, die ihre Blüte um 1900 hatte, als Sachsen einer der beiden wichtigsten Industriestandorte Deutschlands war. Da war im Bahnbetriebswerk Eilenburg Hochbetrieb und die heute so grünbemooste Halle garantiert von Lärm und Ruß und Dampf erfüllt. Heute: Stille. Die Bahn braucht die alte Halle nicht mehr. Und Moos verwandelt den Boden langsam in den Grund eines beginnenden Urwalds.

    Ideen für Neunutzungen platzen. Aber die Reise durch 14 solcher „Geisterorte“ in Sachsen zeigt auch, wie sehr den Autoren und Fotografen bewusst ist, dass morgen schon die Baufirmen kommen und die Spuren der zuweilen beklemmenden Vergangenheit tilgen. Etwa im Spezialkinderheim „Martin Andersen Nexö“ in Bräunsdorf, wo die DDR die unangepassten Kinder unterbrachte – organisiert wie ein Gefängnis und für viele der einstigen Bewohner bis heute ein Trauma. Wofür das Haus mit seiner über Jahre alten Geschichte nichts kann. Aber die DDR hat die Züchtigung und Korrektion ihrer Bürger nicht erfunden, sondern liebend gern die Strafsysteme der vorhergegangenen Gesellschaften übernommen. Was all jene, die die alten Zuchthäuser in Mahnstätten verwandelt haben, nur zu gut wissen.

    Ähnlich ist es mit der Heilstätte Carolagrün bei Auerbach im Vogtland – auf den ersten Blick idyllisch im Grünen gelegen, ein Schmuckstück der Gründerzeit wie fast alle im Band vertretenen Gebäude – aber stellvertretend für die DDR-Praxis, Menschen mit psychischen Problemen wegzusperren und aus dem gesellschaftlichen Leben zu entfernen. Diese hatten wohl wenig Muße, die Schönheiten der Gebäude zu genießen. Vor allem auch, weil die heute sperrangelweit offen stehenden Zimmertüren so wohl nicht der Alltag waren.

    Die Fotografen sehen ja nur eine verlassene Bühne. Verlassene Werkhallen wie in den Lederwerken Coswig oder den Halbmond-Teppichen in Oelsnitz, einer Fabrik, die einst auch die Regierungsprotzbauten in Berlin mit orientalischen Teppichen versorgte. Orient-Feeling mitten im Osten. In kleiner Form wird das heute noch fortgeführt – aber auch die Zeit der riesigen Fabriken, die einst die Industrielandschaft der DDR ausmachten, ist sichtlich vorbei. Übrig bleiben die Hüllen, gebaut in den Gründerjahren, als Sachsen zur Werkstatt des Reiches wurde. So wie die Druckmaschinen-Fabrik Swiderski in Plagwitz, die von außen wie ein stolzes, rotgeklinkertes Relikt vergangener Aufbruchzeiten wirkt, inwendig aber zum Lebensraum von allerlei lichtscheuen Geschöpfen (menschlichen zumeist) geworden ist.

    Im Grunde schweben alle im Buch vertretenen Gebäude in diesem Zwischenreich aus einstiger Größe, stillem Verfall, tropfendem neuen Leben und der Ahnung, dass davon bald nichts mehr zu sehen sein wird. Fotos und Texte ergänzen sich. Und wo die Fotos ihre versonnene Sprache sprechen, lassen auch Arno Specht und Uwe Schimunek die Emotionen nicht außen vor. Etliche dieser „Geisterstätten“ sind bislang nicht in den diversen Bildbänden zu den Baurelikten der hingeschiedenen DDR aufgetaucht. Wurden „vergessen“, weil es eben eine Fülle solcher Gebäude gab, die meist auch leichter erreichbar waren oder längst einen zentralen Platz im überregionalen Gedächtnis hatten. Nun werden auch die Landschaften abseits der berühmten Pfade erkundet. Orte, in denen einst das Leben wimmelte, zu denen rappelvolle Werkszüge und Busse fuhren.

    Jetzt erinnern sie daran, dass Menschen eigentlich das Unveränderliche nicht aushalten. Und dass sie sich mit offenen Augen wundern können über solche scheinbar von alten Geistern bewohnte Orte – darüber, dass es sie überhaupt gibt. Alles fließt. Und wo der stete Tropfen nicht arbeitet, sind es die Wurzeln junger Bäume, die aus menschlichen Orten neue Urwälder machen. Und da man die geschilderten Orte in der Regel nicht besuchen kann, weil sie für den zufälligen Wanderer verschlossen sind, ist dieser Band natürlich eine Augenwanderung für alle, die solche Geschichten mögen. Geschichten, die anschaulich zeigen, dass alles in dieser Welt Veränderung ist … auch das, was der Mensch in Ruhe lässt.

    Arno Specht, Uwe Schimunek Geisterstätten Sachsen, Jaron Verlag, Berlin 2018, 12,95.

    Warum so eilig oder Wie wird man wieder Herr seiner Zeit? – Die neue LZ Nr. 52 ist da

     

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