Am 27. Mai 2025 trat das Maßnahmenpaket des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus (SMK) in Kraft. Mit diesem Paket sollte der Unterrichtsausfall an Sachsens Schulen in den kommenden Jahren halbiert werden. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Lehrkräfte und Verbände kritisierten die Maßnahmen von vornherein als unzureichend und einseitig die Lehrkräfte belastend.
Zum ersten Jahrestag des Maßnahmenpakets führte die GEW Sachsen eine Mitgliederbefragung unter Lehrkräften an öffentlichen Schulen über die Auswirkungen des Maßnahmenpakets durch. Das Ergebnis ist erschütternd. Hier die tagesaktuellen Zahlen:
- 92 Prozent der Befragten sehen keine Verbesserung der Unterrichtsversorgung durch das Maßnahmenpaket.
- 83 Prozent berichten von einer gestiegenen persönlichen Belastung.
- 98 Prozent erkennen keine positive Wirkung auf ihre Berufszufriedenheit.
- 99 Prozent der Befragten sehen keine Verbesserung der Stimmung im Kollegium.

Wir sprachen mit Claudia Maaß, der stellvertretenden Landesvorsitzenden der GEW Sachsen über ein Jahr Maßnahmenpaket. Frau Maaß ist Oberschullehrerin für Englisch und Geschichte, wir sprachen in der Zeit zwischen dem Unterrichtsende und ihrer Abfahrt nach Dresden zur Protestaktion.
Frau Maaß danke, dass Sie sich die Zeit nehmen. Ein Jahr Maßnahmenpaket des SMK. Sie sagen, dass die Ziele nicht erreicht wurden, die GEW fordert jetzt ein Entlastungspaket für die Lehrkräfte. Was ist in dem Jahr geschehen?
Der Jahrestag sollte Anlass sein, um das Jahr Revue passieren zu lassen. Vom SMK wurde vollmundig angekündigt, dass man die Unterrichtsversorgung mit diesen Maßnahmen verbessern will. Die Maßnahmen wurden von uns von Anfang an kritisiert, weil sie sehr einseitig auf dem Rücken der Lehrkräfte getroffen worden. Wir sehen heute, dass das was erhofft wurde nicht eingetreten ist. Wir haben keine massiven Verbesserungen in der Unterrichtsversorgung, haben nicht weniger Ausfall, sondern wir haben den Mangel verteilt. An einigen Schulen wurde, zum Beispiel durch die Abordnungen, der Ausfall reduziert. Es konnte mehr Unterricht sichergestellt werden, aber der fehlt natürlich dann in anderen Schulen. Das heißt, der Mangel und der Unterrichtsausfall wurden umverteilt.
Die Abordnungen treffen viele Kolleginnen und Kollegen, die dann schulartfremd eingesetzt werden. Die meisten Kolleginnen und Kollegen sehen die Notwendigkeit von Abordnungen ein, diese waren auch vorher ein Teil des Arbeitslebens. Mit der Art und Weise der Kommunikation, also ein bis zwei Wochen vor Ende der Sommerferien des letzten Jahres, wurden die Kolleginnen und Kollegen praktisch vor vollendete Tatsachen gestellt. Es wirkte oft so, als wären die Entscheidungen ohne Vernunft und Überlegung getroffen worden und das hat dann teilweise zu chaotischen Zuständen vor Ort geführt. Schulen die Lehrkräfte abgeben mussten, obwohl sie selber Bedarf hatten. Klassenlehrerinnen die in der Grundschule unverhofft und unerwartet ihre Klassen abgeben mussten, das soll man eigentlich vermeiden. Man möchte ja die Arbeit in den Klassen kontinuierlich weiterführen.
Wenn jemand, der nicht aus dem Bildungssektor kommt, sich das Maßnahmenpaket anschaut, weiß er nicht worum es geht. Beispielsweise, wenn es um die Altersermäßigung für ältere Lehrkräfte geht. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann gibt es diese für Lehrkräfte die bis zum Stichtag 31. Juli 2025 das 58. Lebensjahr vollenden, für diejenigen die dieses erst ab dem 01. August erreichen gibt es die Altersermäßigung erst ab dem 60. Lebensjahr. Ist das so?
Genau, so ist es. Das ist ein Riesenproblem, es gab auch eine Riesendiskussion. Dazu kommt, dass die Lehrkräfte, die bereits eine Ermäßigung haben auf die nächste Stufe länger warten müssen. Es betrifft die älteren Lehrkräfte, die hier Jahrzehnte die Flagge im Schulsystem hochgehalten haben, die in den 90er Jahren in die Teilzeit mussten, denen wird jetzt die Altersermäßigung praktisch aberkannt. Es trifft wieder eine Generation, die ständig durch die Personalschwankungen und die Schwankungen der Geburtenzahlen, somit der Schülerzahlen, praktisch zweimal in ihrem Arbeitsleben negativ und mit Nachteil getroffen werden.
Was war das Ziel des SMK? Man wollte die Leute länger halten und mehr Stunden sollten damit rauskommen. Aber der erhoffte Effekt ist nicht eingetreten. Kolleginnen und Kollegen sind lieber mit Einbußen eher in die Rente, also in den Ruhestand, gegangen als zu verlängern.
Die GEW hat die oben genannte Umfrage gemacht, das Ergebnis ist erschütternd. Jetzt fordert die Gewerkschaft ein Entlastungspaket. Was soll dieses enthalten?
Grundsätzlich beobachten wir, dass sich mit den Maßnahmen die Belastungen im Arbeitsleben der Lehrkräfte erhöht haben. Das vom SMK eingesetzte Expertengremium für die Arbeitszeituntersuchung hat Entlastungsmaßnahmen vorgeschlagen, da heißt es dann: Das dauert, da brauchen wir noch ein paar Monate. Belastungen sofort, Entlastungen irgendwann – diese Strategie funktioniert nicht.
Die Belastungen an Schulen sind nach wie vor groß, gerade weil es zu wenig Personal gibt. Man muss immer mehr Aufgaben von Lehrkräften die fehlen übernehmen. Die Anforderungen steigen, wir haben viele Kinder in den Klassen die spezielle Förderung brauchen. Integration und Inklusion, das soll man alles mit immer weniger Personal und immer mehr Bürokratie leisten. Die Untersuchung von der GEW, auch die vom SMK, bestätigen, dass die außerunterrichtlichen Aufgaben massiv in den letzten Jahren zugenommen haben. Zwei Drittel haben nichts mehr mit Unterricht zu tun, sondern sind drumherum. Das ist unbezahlte Mehrarbeit, man wird nur für Vertretungsstunden bezahlt. Für alles andere gilt: Sieh zu wie du es in deiner Freizeit hinbekommst.
Da würden wir gerne ins Gespräch kommen und sagen, das müssen wir abbauen. Die Kolleginnen und Kollegen wollen einfach wieder Zeit für guten Unterricht. Die möchten sich um ihre Kernaufgaben kümmern und wieder guten Unterricht machen. Dazu brauchen wir Zeit.
Was wollen Sie konkret?
Wir haben einfach nach wie vor zu wenig Leute, die in den Bereichen Inklusion und Integration ausgebildet sind an den Schulen. Da bräuchten wir viel mehr. Wir brauchen bessere Bedingungen für Teilzeitkräfte. Die K6/K9-Regelungen sollten zurückgenommen werden, genau so die Regelungen zur Altersermäßigung. Bei den Fachberatern, das sind diejenigen die Seiteneinsteiger betreuen, wurde gekürzt. Wer soll das machen, damit diese guten Unterricht machen können? Auch die Schulleitungen müssen entlastet werden und nicht immer mehr Aufgaben bekommen. Wir brauchen multiprofessionelle Teams und mehr Schulassistenz. Diese Stellen sind oft bis zum Jahresende befristet und wir wissen nicht, ob es im Haushalt dafür Geld gibt.
Grundsätzlich: wir fordern die nicht mehr Belastungen, sondern Entlastungen. Die Rückkehr zu den alten Regelungen vor dem Maßnahmenpaket. Also sofortige Rücknahme.
Machen wir an dieser Stelle Schluss, ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche eine gute Fahrt nach Dresden.
In der Pressemitteilung der GEW zum heutigen Termin sind konkrete Maßnahmen formuliert. Diese sind:
- Zeit für pädagogische Kernaufgaben statt weiterer Arbeitsverdichtung,
- echte Entlastungen für Lehrkräfte und Schulleitungen,
- eine angemessene personelle Ausstattung der Schulen,
- Schutz älterer Beschäftigter,
- bessere Bedingungen für Teilzeitkräfte sowie
- ausreichend Ressourcen für Inklusion, Förderung und DaZ.
Wir werden mit der GEW in Verbindung bleiben und weiter berichten. Das Thema Schule betrifft schließlich nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, es betrifft uns alle.
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