Ärger im Trocken-Wald

Warum tolle Forstwirtschaftspläne eine Rettungsstrategie für das Leipziger Auensystem nicht ersetzen können

Für alle LeserEs rumpelt hinter den Kulissen. Mit seiner Kritik am Umgang der Leipziger Stadtforstverwaltung mit den Eschen im Leipziger Auwald hat der NuKLA e.V. nicht nur heftige Diskussionen ausgelöst, sondern auch ein echtes Leipziger Mikado-Spiel ins Wackeln gebracht. Denn auf einmal steht der Umgang Leipzigs mit seinem Stadtwald auf der Tagesordnung. Und die Frage: Warum ducken sich eigentlich Leipzigs Umweltverbände weg?

Das tun sie nicht immer, stimmt. Manchmal protestieren sie auch – so wie 2011, als die Landestalsperrenverwaltung hektarweise Auwald gleich hinter den Deichen fällte, um breite Verteidigungsschneisen für den Hochwasserfall zu schaffen. Hundertjährige Bäume wurden gefällt. Und über 5 Hektar Auenwald gingen verloren.

Was in der Berichterstattung der Stadt dann so klingt: „Obwohl juristisch keine Waldumwandlung, sind erhebliche Flächenverluste durch die Herstellung rechtskonformer Zustände entsprechend dem Sächsischen Wassergesetz entlang von Gewässern Erster Ordnung entstanden. Allein im Leipziger Stadtwald wurden dadurch 5,14 ha Hartholzaue beim Freischlagen der Dämme und bei der Herstellung des fünf Meter Deichverteidigungsstreifens dauerhaft beseitigt.“

Mitten im Auenwald, der dringend Wasser braucht?

Nicht alle Verbände protestierten. Einige hielten sich auch auffällig zurück. Genauso wie die Stadt Leipzig, die doch hier eigentlich hätte ihr Veto einlegen müssen.

Aber da kam nichts. Stattdessen tappte der NuKLA, wie es aussieht, jetzt in ein Wespennest, der NABU kündigte offiziell sogar die Zusammenarbeit auf. Und im Postfach der L-IZ landeten geharnischte Stellungnahmen, dass wir die Position des NuKLA überhaupt veröffentlicht hatten. Es gäbe doch – so Rolf Engelmann vom ENEDAS e.V. – anders als von der L-IZ behauptet, „sehr wohl eine eindeutige und offen kommunizierte Strategie für den schonenden Umgang mit den Auwaldbeständen“ der Stadt Leipzig. „Grundlage der langfristigen Planung ist dabei die Konzeption zur forstlichen Pflege des Leipziger Auwaldes, welche in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und Naturschutzverbänden erarbeitet wurde“, schrieb er.

Stimmt auch. Es gibt die „Forsteinrichtungen, welche auch vom Stadtrat beschlossen wurden, als Planungsinstrument. Diese Forsteinrichtungen dienen wiederum als Basis für die Aufstellung der jährlichen forstlichen Wirtschaftspläne, welche ebenfalls in Abstimmung mit Wissenschaftlern und Naturschützern erstellt, im Fachausschuss Umwelt vorgestellt und anschließend veröffentlicht werden.“

Es gibt auch eine nicht ganz so offizielle Arbeitsgruppe Wald bei der Abteilung Stadtforsten der Stadt Leipzig, wo die Umweltverbände mit der Forstverwaltung beisammensitzen und – na ja – über Wald reden. Alles gut und schön.

Und trotzdem falsch. Denn wer sich mit all den Informationen der Stadt zum Stadtwald beschäftigt, merkt schnell, dass etwas Wichtiges fehlt. Was auch der Grund dafür ist, dass der Stadtrat über alles Mögliche abgestimmt haben mag, aber niemals über das, was wir eine fundierte Strategie für die Revitalisierung des Auenwaldes nennen. Die gibt es nämlich nicht.

Eine Forsteinrichtung ist das Arbeitsinstrument zur Waldbewirtschaftung durch einen Forstbetrieb. Genau das, was die Abteilung Stadtforsten macht. Nicht mehr, nicht weniger.

Sie würde sich normalerweise in eine Strategie zur Revitalisierung des Auenwaldes einordnen und sie nicht – wie es jetzt ist – ersetzen.

Und das Verblüffende: Das bis heute in dieser Beziehung völlig untätig gebliebene Amt für Stadtgrün und Gewässer (dem die Abteilung Stadtforsten untersteht) hat auf seiner Informationsseite zum Stadtwald dieses Manko die ganze Zeit offiziell stehen.

Denn dass der Auenwald in einem miserablen Zustand ist, ist seit 1990 offiziell bekannt. Vorher durfte es ganz amtlich ja niemand wissen. Und damals war Leipzigs Verwaltung kurz davor, die Konsequenzen daraus zu ziehen.

Das steckt nämlich in den zwölf Thesen von Professor Dr. Gerd Müller zur Erhaltung des Leipziger Auwaldes im Rahmen des 2. Auensymposiums, auf die sich das Amt für Stadtgrün und Gewässer beruft. Und gleich in der ersten These heißt es, dass die Erhaltung des Auenwaldes, „sein wirksamer Schutz und die möglichst weitgehende Regenerierung inzwischen geschädigter Teile (…) das oberste Ziel der Landschaftsplanung und Landschaftsentwicklung im Gebiet einnehmen“ müsse. „Dabei müssen die Belange des Naturschutzes in jeder Hinsicht das absolute Primat haben.“

Wie gesagt: So steht es in einem offiziellen Dokument der Stadt. Dazu passen die Baumfällungen von 2011 genauso wenig wie die opulenten Deichbauten an der Neuen Luppe, die Ausbaggerungen in der Pleiße oder der Verzicht auf ein paar Hektar Auenwald für einen Fußballclub oder ein Stück Autobahn. Fast schon vergessen, weil sich da kaum noch ein Umweltverein traute, auch nur pieps zu sagen. Oder mal wieder zitiert: „Die größte Waldumwandlung der letzten zehn Jahre fand im Bereich des Cottaweges statt. Hier wurden ca. 0,6 ha für die Anlage der Sportstätten des Rasenball e. V. umgewandelt. Weiterhin gingen durch den sechsstreifigen Ausbau der A14 3,9 ha Wald verloren.“

Aber das sind eigentlich Nebenkriegsschauplätze. Genauso wie die von Engelmann beschworenen „Forsteinrichtungen“ nur lauter Nebenschauplätze sind – eben eine rein forstwirtschaftliche Betrachtung des Auenwaldes als Nutzholzlieferant (etwas zugespitzt). Da können die Umweltverbände mit dem Förster noch so oft zusammensitzen: Es ändert nichts.

Die Entscheidungen müssen an höherer Stelle fallen. Aber da müssen vom Stadtrat bis in die Verwaltung ein paar Leute erst einmal begreifen, dass sie endlich – nach 23 Jahren ignorieren – eine Strategie zur Regenerierung es Auenwaldes beschließen müssen.

Die gibt es nämlich nicht.

These 2 von Prof. Müller lautet nämlich: „Das Leipziger Auengebiet ist als ein geschlossenes naturnahes Biotopverbundsystem zu behandeln.“

Das passiert bis heute nicht. Und da kommen wir zu dem, was wir kritisiert haben. Es steckt in These 7 von Prof. Gerd Müller: „Zur Revitalisierung der Fließgewässer, ihres langsamen Abflusses, der Erhöhung des Grundwasserspiegels und der Schaffung kontrollierter Überschwemmungsflächen mit zeitlicher Begrenzung ist ein geeignetes Gesamtkonzept zu erarbeiten.“

Wie gesagt: 1994 schrieb er das.

Dieses Gesamtkonzept existiert bis heute nicht.

Auwald - mal mit etwas erhöhtem Wasserstand. Foto: Ralf Julke

Auwald – mal mit etwas erhöhtem Wasserstand. Foto: Ralf Julke

Nur weil es nicht existiert, konnte überhaupt so ein Nonsens-Projekt wie das längst gescheiterte Projekt „Lebendige Luppe“ aufgelegt werden – völlig ungeeignet dafür, den Grundwasserspiegel in der Aue dauerhaft wieder zu erhöhen und eine „Revitalisierung der Fließgewässer“ zu erreichen. Von regelmäßigen Überschwemmungen im Auwald ganz zu schweigen.

Weil dieses Konzept nicht existiert, hatte die Stadt auch keine Möglichkeit, 2010/2011 gegen die Baumfällungen und Deichverstärkungen durch die Landestalsperrenverwaltung zu protestieren oder wenig später gegen den völlig unsinnigen Neubau des Nahleauslassbauwerkes.

Eins zieht das Andere nach sich.

Die Thesen von 1994 liegen übrigens auch dem Masterplan des Umweltministeriums für das FFH Gebiet Leipziger Auenwald zugrunde. Dort ist eindeutig zu lesen:

„Hydrologische Maßnahmen: zeitweilige Ausuferungen der Weißen Elster sind mindestens im jetzigen Umfang auch künftig zu gewährleisten; auf eine erhöhte Intensität und Regelmäßigkeit (jährlich) sowie auf eine örtliche Ausdehnung der Ausuferungsereignisse ist hinzuwirken …“

Das schafft man aber mit dem korsettierten Projekt „Lebendige Luppe“ nicht. Das schafft man nur mit einem Gesamtkonzept zur Revitalisierung des gesamten Auensystems, das klare Zielvorgaben definiert.

Die könnten zum Beispiel lauten:

Welche Teile des Leipziger Auensystems können und sollen wieder für ein natürliches Überschwemmungsregime und damit für die Regenerierung des Auenwaldes geöffnet werden?

Welche Bauten sollen dafür aus der Aue entfernt, welche Gewässer wieder freigelegt werden?

Übrigens ein Thema, das schon mit dem Start des Projekts „Lebendige Luppe“ auf der Tagesordnung stand, doch die zuständigen Ämter haben sich dem völlig verweigert. Denn mittlerweile musste das Einzugsgebiet für die ganz und gar nicht mehr „Lebendige Luppe“ ja gekappt werden, weil man die künstlichen Hindernisse – allen voran die Eisenbahnbrücken und den Damm durch die Elsteraue – nicht öffnen wollte. Oder anders formuliert – denn die Deutsche Bahn hat den Hochwasserfall in der Elsteraue durchaus mit bedacht: Man hat die Bahn sogar daran gehindert, ein hochwasserdurchlässiges Bauwerk zu errichten und stattdessen die viel zu niedrigen Brücken unter Denkmalschutz gestellt.

Das ist das Problem, wenn man das Thema Auenwald viel zu niedrig ansetzt.

Es ist eher erstaunlich, dass sich all die gezähmten Umweltverbände sogar noch damit zufrieden geben, mit dem Förster an einem Tisch zu sitzen, wo die wichtigsten Entscheidungen entweder im Amt für Stadtgrün und Gewässer, beim Umweltbürgermeister oder ganz oben im Stadtrat passieren sollten. Aber der Stadtrat bekommt nur Forstwirtschaftspläne zu sehen, kein Regenerierungskonzept für die Auenlandschaft.

Die überfällig ist: Egal, ob an Rhein, Havel oder Lippe – aus gutem Grund arbeiten Kommunen und Landesregierungen wieder daran, die kanalisierten Flüsse wieder zu renaturieren und den lädierten Lebensgemeinschaften dort wieder Raum zu geben, um sich erholen zu können.

Nur noch ein paar Zahlen zum Schluss: 94 Prozent des Leipziger Auenwaldes stehen heute trocken. Und zwar so ziemlich genau seit 100 Jahren, seit sie abgedeicht wurden. Nur 6 Prozent gelten noch als Feuchtgebiet. Was der Förster gar nicht mag. Denn dass sich bei Gundorf durch „erhöhte Grundwasserstände“ wieder Feuchtbiotope entwickelt haben, ist aus forstwirtschaftlicher Sicht nicht so toll.

Der NuKLA e. V. hat also allen Grund, so viel Tamtam zu machen. Das Problem ist ein zuständiges Dezernat bzw. Amt, das seit über 20 Jahren seine wichtigste Hausaufgabe nicht gemacht hat, den Leipzigern zwar gern erzählen, wie toll und schön der Auwald ist. Dass er in großen Teilen hochgradig gefährdet ist und am Verschwinden, das wird dann weniger gern erzählt.

Besonders gefährdet sind laut Sächsischem Umweltministerium sowohl die wenigen Restbestände der Weichholzaue („Weichholzauen-Wälder sind im Gebiet insgesamt jedoch infolge der sehr starken Einschränkung flussdynamischer Prozesse vom Verschwinden bedroht. So wurden für alle Flächen erhebliche Beeinträchtigungen infolge von Flussregulierungsmaßnahmen konstatiert.“) als auch der mit 720 Hektar noch dominierenden Hartholzaue, zu der es im Masterplan des Ministeriums heißt: „Mehr als zwei Drittel der kartierten Bestände von Hartholz-Auenwäldern (bezogen auf die Fläche) weisen einen noch guten EHZ (Erhaltungszustand, d. Red.) auf. Flächen in hervorragendem Zustand existieren nicht, vor allem aufgrund der erheblichen Beeinträchtigungen durch fehlende Überflutungsereignisse infolge Flussregulierung. Bei den Beständen mit aktuell unzureichendem EHZ (ca. 30 % der Gesamtfläche) handelt es sich ausschließlich um strukturarme Jungbestände ohne LR-typische Anteile von starkem Totholz und Biotopbäumen bzw. mit fehlender Reifephase. Der LRT ist im SAC vom Aussterben bedroht, sofern die widrigen Umstände des Gesamtwasserhaushaltes dauerhaft Bestand haben.“

LRT ist der Landschaftsraumtyp. Und die Warnung (die von 2011 stammt) ist überdeutlich: Der wichtigste Waldtyp im Landschaftsschutzgebiet ist „vom Aussterben bedroht“, wenn er nicht bald Wasser und regelmäßige Überschwemmungen bekommt.

Das ist das Thema, um das der NuKLA so enerviert kämpft und ab und zu auch mal Unterstützung aus den anderen Umweltverbänden bekommt. Oder bekam. Aus der Stadtverwaltung bekommt er in der Regel nur karge Belehrungen oder großes Schweigen.

Denn unübersehbar steht der Elefant im Raum, über den so überhaupt nicht gesprochen werden soll: Eine belastbare Strategie zur Regenerierung des Leipziger Auenwaldes.

Das geht nicht nur die Umweltverbände an. Da müssen auch noch ein paar andere Leute endlich aufwachen. 23 Jahre Tiefschlaf sind eigentlich genug.

Und für alle, die unsere Quellenverweise immer nicht finden: Einige der wichtigen amtlichen Papiere haben wir unterm Text verlinkt.

Kurzfassung des Masterplans für das Schutzgebiet Leipziger Auensystem.

Die LEIPZIGER ZEITUNG ist da: Seit 15. September überall zu kaufen, wo es gute Zeitungen gibt

 

AuwaldNuKLA
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