Der Wolf im Fadenkreuz der sächsischen CDU

Für alle LeserWenn eine Regierungspartei keinen Kompass hat und nicht weiß, wo sie das Land hinsteuern soll, dann sucht sie sich Ziele abseits vom Weg, wo man richtig Remmidemmi machen kann. Und wer in jüngster Zeit in den „sozialen Netzwerken“ unterwegs ist, sieht, dass die Wolfstreibjagd längst eröffnet ist. Verbal wird dort gerade von CDU-Vertretern geschossen, was die Büchse hergibt. Als wären wirklich die Wölfe die echten Probleme Sachsens. Entsprechend sauer reagieren jetzt NABU und BUND.

Bei der Jagd auf Wählerstimmen für die Landtagswahlen im kommenden Jahr nimmt die CDU in Sachsen nun ein lebendes Objekt ins Fadenkreuz: Seit vergangener Woche fordern die Christdemokraten eine Lockerung der Abschussregeln für den Wolf. Mit einer Online-Kampagne zählen sie die Stimmen, die den Abschuss künftig vereinfachen wollen. Der Naturschutzbund (NABU) Sachsen und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Sachsen sind entsetzt – und verlangen ein klares Bekenntnis zum Schutz des Tieres von der sächsischen Politik.

„Die Forderung der CDU ist schockierend“, erklärt Bernd Heinitz, Vorsitzender des NABU Sachsen. „Den Stimmenfang auf Wähler in eine Hetzjagd auf den Wolf ausarten zu lassen, ist geschmacklos. Wölfe stehen unter strengem Schutz und daran müssen auch in Zukunft Bund und Länder unbedingt festhalten. Die Aussagekraft einer solchen Kampagne ist mehr als zweifelhaft.“

Statt ein geschütztes Tier per Mausklick zum Abschuss freizugeben, sollten vielmehr schlechte Arbeitsbedingungen der Schäfer verbessert werden – zum Beispiel im Rahmen einer Weidetierprämie. Auch das Aufstellen sichernder Zäune sollte nicht nur zu 80, sondern zu 100 Prozent gefördert werden und alternative Schutzmaßnahmen müssten mehr finanzielle Unterstützung erfahren.

„Der Wolf stellt keine Gefahr für den Menschen dar“, sagt auch Felix Ekardt, Landesvorsitzender des BUND Sachsen. Zumal positive ökologische Effekte bewiesen sind: So rotten sich durch den Wolf Wildschweine zusammen, Rehe werden scheu.

„Eine Abschussgenehmigung bedeutet natürlich auch die Gefahr, den Wolf wieder auszurotten“, erläutert Ekardt. Deshalb dürfen nach europäischem und deutschem Recht diese Tiere grundsätzlich nicht gejagt werden. Bei „auffälligen“ Tieren regelt der Wolfsmanagementplan des Landes Sachsen bereits, deren „Entfernung aus der Natur“ nur vorzunehmen, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind oder aber Gefahr für Menschen besteht. „Wir sind überzeugt, dass der Wolf in Koexistenz mit uns Menschen leben kann. Diese Panikmache ist kaum förderlich für ein friedliches Zusammenleben“, so Ekardt.

Seit dem Jahr 2000 leben wieder Wölfe in Deutschland. War der Nachweis des ersten Rudels in Sachsen noch eine Sensation, hat sich der Umgang mit dem neuen Nachbarn inzwischen vielerorts normalisiert. Nach aktuellem Wolfsmonitoring leben 17 Rudel und vier Paare im Freistaat. Der sächsische Wolfsmanagementplan stellt seit 2007 grundlegende Informationen zum Wolf, zur Verbreitung, zum Konfliktpotenzial, Maßnahmen zur Schadensbegrenzung und Konfliktbewältigung sowie zur Beratung bereit.

Laut einer forsa-Umfrage vom März 2018 verbanden 55 Prozent der Befragten mit dem Wolf positive Gefühle, bei nur zwölf Prozent traten negative Gefühle auf. 78 Prozent sagten, dass Wölfe in Deutschland leben sollen, auch falls es teilweise zu Problemen käme.

Als ergänzenden Kommentar aus der Politik:

Der Wolf in der CDU-Kampagne bei Facebook. Screen Facebook, CDU Sachsen

Der Wolf in der CDU-Kampagne bei Facebook. Screen Facebook, CDU Sachsen

Stimmungsmache ohne Sinn und Verstand

Zur Diskussion um die CDU-Kampagne für Wolfsabschuss erklärt Kathrin Kagelmann, Abgeordnete aus dem Kreis Görlitz der Fraktion Die Linke im Sächsischen Landtag: „Die schwarz-blaue Front für die Wiederausrottung des Wolfes ist erschreckend: Im Landkreis Görlitz fordert die AfD eine kreisweite wolfsfreie Zone, und auf Landesebene mobilisiert die CDU per Kampagne für Wolfsabschuss. Ohne Sinn und Verstand wird Stimmung gemacht, und man ist geneigt zu fragen: Wo soll der Wolf denn hin, wenn er rund um die Lausitzer Wälder unerwünscht ist – etwa in die Leipziger Innenstadt?

Wohin das Schießen führt, ist vor 150 Jahren schon mal erlebt worden: zur Ausrottung des Wolfes. Daran knüpft man an, ohne das direkt zu bekennen. Stattdessen sollen die Expertinnen und Experten an den Rand gedrängt werden, die die Wiederansiedlung des Wolfes begleitet haben und all denen, die daran interessiert sind, beratend zur Seite stehen. Stattdessen wird die wirtschaftlich schwierige Lage der Schäfer in Deutschland missbraucht, den Wolf zum Hauptschuldigen vermeintlicher Bedrohung von Kulturlandschaft zu machen.“

Eine Frage von Geld und Wählerstimmen: „Schafe to go“ Warum Sachsen zur Wolfsjagd bläst

Die neue Leipziger Zeitung Nr. 59 ist da: Zwischen Überalterung und verschärftem Polizeigesetz: Der Ostdeutsche, das völlig unbegreifliche Wesen

NABUBUNDWölfe
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