Gift in der Nase, Glyphosat im Urin: Wie der Protest einer Bürgerinitiative für giftfreie Landwirtschaft reifte

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 81, seit 31. Juli im HandelNur wenige Wissende finden Klein Jasedow auf der Landkarte. Dennoch hat dieses kleine Dorf kurz vor Usedom etwas hervorgebracht, was deutschlandweit ein Begriff ist: die Kampagne „Ackergifte? Nein danke!“. Wie aus ein paar vermeintlich lokalen Pestizid-Unfällen eine Bürgerinitiative mit überregionaler Bedeutung erwuchs, hat einen Hauch Hollywoodreife. Und vielleicht gibt es auch noch ein Happy End.

Am Anfang aber – etwa zur Jahrtausendwende – war der äußerste Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns von starkem Bevölkerungsschwund sowie Arbeits- und Perspektivlosigkeit geprägt. „Raum für Einsteiger“ titelte die Berliner Tageszeitung und nannte die Region mit ihren großen Ackerflächen und kleinen Seen „das letzte Loch vor der Hölle“. Einige Zugezogene hatten eine Bio-Gärtnerei für Kräutertee eröffnet.

Einer von ihnen ist Johannes Heimrath. Er war später stellvertretender Bürgermeister und heute Vorstand der Bürgerinitiative Landwende. „2001 haben wir die Bürgerinitiative ins Leben gerufen, weil unser Bio-Kräutertee von einem Clomazone-Unfall betroffen war.“ Der anliegende Großbauer, welcher die riesigen Flächen der früheren LPG übernommen hatte, glich den durch das Pestizid verursachten Schaden aus.

Aber nur drei Jahre später kam es erneut zu einer Kontamination. Klein Jasedow geriet sogar in den Fokus der Landespolitik. Denn der Grund für den Giftunfall schien keinesfalls eine unsachgemäße Anwendung zu sein. Vielmehr kam zutage, dass derartige Vorfälle landesweit auftreten. Jedoch fehlte es der kleinen lokalen Initiative mit anfangs einer Handvoll Mitgliedern an Stärke, um das Pestizid-Thema angemessen zu verfolgen.

„Außerdem fanden wir damit keinen großen Rückhalt in der Öffentlichkeit, sodass wir beschlossen, das Thema weiter zu beobachten, Kontakte zu knüpfen und uns sachkundig zu machen“, blickt Heimrath zurück.

Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 81, Ausgabe Juli 2020. Foto: Screen LZ

2014 schien die Zeit reif und die anstehende Zulassungsverlängerung von Glyphosat die Gelegenheit zu sein. Der Landwende-Verein war gewachsen und hatte die Gelegenheit erhalten, 50 Urinproben im Labor untersuchen zu lassen. „Wir fanden heraus, dass praktisch in allen Proben Glyphosatrückstände nachweisbar waren – und das außerhalb der Vegetationsperiode, wenn gar keine Pestizide versprüht werden“, berichtet Heimrath.

Daraus wuchs die Idee der „Urinale“ – eine deutschlandweit repräsentative Untersuchung mit großer, wissenschaftlich fundierter Aussagekraft. Aber weder der BUND, Greenpeace noch die Grünen zeigten Interesse, sich an der Finanzierung zu beteiligen, so Heimrath. Zur Überraschung der Bürgerinitiative waren die Testpersonen bereit, selbst für ihren Urintest zu bezahlen.

Zunächst wurde die Aktion über die Zeitschrift Oya beworben, dann beteiligte sich die Biomarktkette Basic. Mehr als 2.000 Urinproben konnten im Leipziger Labor BioCheck analysiert und von der Professorin Monika Krüger ausgewertet werden. Ein Forschungsschwerpunkt der renommierten Veterinärmedizinerin ist der Nachweis von Glyphosatrückständen in Blut und Urin von Tier und Mensch sowie in Lebensmitteln – und deren schädliche Auswirkungen auf Rinder, Kälber und Ferkel.

Die Urinale der Bürgerinitiative Landwende bestätigt jedenfalls, dass wir alle Glyphosat im Urin haben. In 99,6 Prozent der Proben wurden Rückstände nachgewiesen. Sogar Bioladen-Konsumenten waren betroffen; sie hatten nur geringfügig weniger Glyphosat im Urin als konventionelle Esser.

„Die Veröffentlichung dieses Ergebnisses mit der Heinrich-Böll-Stiftung löste zuerst nicht das Echo aus“, blickt Heimrath zurück. Aber in der mehrjährigen Phase bis zur weiteren vorläufigen Zulassung von Glyphosat habe das Thema Ackergifte spürbar „Umdrehungen bekommen“. Die Öffentlichkeit ist sensibilisiert. „Die Biobranche ist keine Nische mehr, sondern ein relevanter Wirtschaftsfaktor.“

Und etliche prominente Biohersteller und Bioläden versammeln sich in dem von Landwende zusammen mit der Basic AG Anfang 2018 ins Leben gerufenen Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft. Ebenfalls mit im Boot sind die GLS Bank, die Schweisfurth-Stiftung, der Europäische Imkerverband und Biomare aus Leipzig. Auch das Wassergut Canitz zählt zu den Unterstützern.

Zuerst finanzierte das Bündnis 2019 die Baumrindenstudie und wies an Standorten in ganz Deutschland mehr als 100 Ackergifte nach. Danach wurden mit dem Umweltinstitut München zusätzliche Sammler aufgestellt, um hieb- und stichfest zu belegen, dass sich Ackergifte über die Luft weit ausbreiten. „Die Prüfbehörden arbeiten nicht in unserem Sinn“, betont Heimrath. Es bestehe eine Voreingenommenheit zugunsten der chemischen Industrie. Insbesondere ein Luftgütemonitoring fehle.

Heimrath ist gespannt auf die Reaktion der EU-Kommission, wenn die Studienergebnisse im September veröffentlicht werden. Aus seiner Sicht ist der Mythos am Ende, dass korrekte Anwendung von Ackergiften keinen Schaden verursacht. Die Böden, Insekten und Amphibien würden nachhaltig geschädigt. „Das ganze System der industriellen Landwirtschaft baut auf synthetische Chemikalien.“ Es wird Zeit, dass die konventionelle Landwirtschaft wieder das wird, was sie über Jahrtausende hinweg immer war – in Deutschland bis zur Mitte des 20. Jahrhudnerts: Bio.

Dafür wird die Kampagne „Ackergifte? Nein danke!“ weiter ins Bewusstsein der aufgeklärten Mittelschicht drängen. Die eigene Forschung wird nach fundierten Aussagen suchen, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu vergrößern. Aber wie die Agrarwende beziehungsweise Landwende konkret aussehen wird, müsse Schritt für Schritt erst herausgefunden werden. „Zuerst muss sich unsere Gesellschaft die Wende im Kopf selbst erarbeiten – nicht in Konfrontation, sondern im Dialog“, so Heimrath.

Grüne fordern eine sächsische Ausstiegs-Strategie aus der Glyphosat-Nutzung

Die neue Leipziger Zeitung Nr. 81: Von verwirrten Männern, richtigem Kaffee und dem Schrei der Prachthirsche nach Liebe

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