Drei Jahrzehnte lang wurde in Leipzig immer wieder falsch gebaut, wurden gewaltige Bürokomplexe mit jeder Menge Glas hochgezogen. Doch die riesigen Glasflächen wurden und werden zur Todesfalle für Wildvögel. Betroffen ist auch das von der Stadt an der Prager Straße gemietete Technische Rathaus. Am Mittwoch, dem 6. März, flogen wieder 18 Meisen gegen die Glasbrücke, welche die Gebäudeteile verbindet.

„Diesmal kam der Anruf aus dem dort ansässigen Amt für Bauordnung. Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung haben das Drama in ihrer Mittagspause miterlebt. 14 Meisen (13 Kohlmeisen u. 1 Blaumeise) waren tot. 2 Kohlmeisen hatten überlebt, wovon nun eine noch gestorben ist. 2 weitere Kohlmeisen haben sich die Rabenkrähen geschnappt.

Die Naturschutzbehörde haben wir auch sofort informiert und darum gebeten, die Scheiben erstmal mit Papier zu bekleben, bis eine Vogelschutzfolie angebracht wird“, berichtete die Wildvogelhilfe Leipzig auf ihrem Facebook-Account.

Am Donnerstag, dem 7. März, meldete die Wildvogelhilfe Leipzig dann gute Nachrichten: „Am Technischen Rathaus sind Maßnahmen zum Vogelschutz geplant. Die großen Glasbrücken sollen noch im März mit einer Vogelschutzfolie beklebt werden. Darauf ist ein Muster, welches die Vögel als Hindernis wahrnehmen. Die Spiegelung des Lebensraumes wird dadurch unterbrochen. Wir danken den Mitarbeitenden in der Naturschutzbehörde, die über einen langen Zeitraum den Vogelschlag dokumentiert haben.“

Aber vorerst ging das Drama weiter: „Heute gab es 5 tote Meisen. Eine hat sich direkt wieder eine Rabenkrähe geholt. 4 wurden von Mitarbeitenden im Bauamt eingesammelt. Zwischenzeitlich haben einige Angestellte die Scheiben von innen mit Papier beklebt. Die Spiegelung von außen ist trotzdem noch groß, aber vielleicht mindert es die Opferzahl ein wenig bis zur professionellen Beklebung.

Diese einzelnen schwarzen Vogelaufkleber helfen übrigens nicht, um Vogelschlag zu vermeiden. Es sind großflächige Muster über die gesamten Scheiben notwendig.“

Am ersten März-Wochenende, dem 2. und 3. März, sind bereits 38 Meisen an den Glasfassaden des Technischen Rathauses in Leipzig durch Glasschlag gestorben.

Mehr Unterstützung für die Wildvogelhilfe

Was nun die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen auf den Plan rief, die einen Antrag ins Verfahren gegeben hat. Gefordert wird darin die sofortige Überprüfung aller kommunalen Liegenschaften und gemieteten Objekte hinsichtlich des Vogelschutzes. Dort, wo möglich, soll sofort eine geeignete Nachrüstung erfolgen. Weiterhin soll die Wildvogelhilfe Leipzig stärker unterstützt werden.

Der Antrag der Grünen-Fraktion zu Vogelschutz

„Seit 2022 verschickt die Stadt Hinweise an Bauherrn zu einer vogelsicheren Bauweise und Vogelschutz. Allerdings hat sie offenbar die eigenen Liegenschaften nicht im Blick“, sagt Jürgen Kasek, umweltpolitischer Sprecher der Stadtratsfraktion der Grünen.

„Glasschlag ist gerade in den Städten für Vögel die häufigste Todesursache und relativ leicht zu vermeiden. Dass offenbar keine Vorkehrungen getroffen wurden und daher innerhalb weniger Tage über 50 Meisen – deren Population in Leipzig ohnehin stark rückläufig ist – sterben mussten, ist mehr als bitter und ein großes Versäumnis der Stadtverwaltung. Wir müssen hier umgehend handeln.“

Zudem brauche die Wildvogelambulanz stärkere Unterstützung, die sich im Jahr 2022 allein um mehr als 300 verunfallte Vögel gekümmert hat. Hauptproblem seien Glasfassaden, gefolgt von Hauskatzen und Verkehrsunfällen, so Kasek.

„Aktuell kümmert sich der Verein Wildvogelhilfe Leipzig e.V. unter dem Dach des NaBu Leipzig um verletzte Tiere. Bis zu 100 Anrufe gehen täglich beim Verein ein, mit dem Hinweis auf verletzte Tiere, die der Verein ehrenamtlich pflegt. Im Jahr 2022 waren dies 274 Tiere aus insgesamt 52 verschiedenen Arten“, heißt es im Antrag der Grünen-Fraktion.

„Der Verein finanziert sich ausschließlich ehrenamtlich und muss pro Tier und Woche etwa 10-20 Euro aufbringen. Hinzu kommt das Platzproblem. Ein Großteil der Wildvogelambulanz befindet sich in einer Kleingartenparzelle, die nur begrenzten Platz aufweist, sodass die Wildvogelhilfe kaum allen Hinweisen nachgehen kann. Mit der Unterstützung bei der Suche und zur Verfügungstellung eines geeigneten Domizils kann die Stadt hier selber Abhilfe schaffen und helfen, dem Verlust an Vogelarten entgegenzuwirken.“

Der LZ-TV-Beitrag zur Situation am Technischen Rathaus vom 28. November 2023

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar